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Was die neue Fischerei-Anlaufstelle des Bundes bewirken soll

Eine neue Einrichtung in Hamburg soll die kriselnde deutsche Küstenfischerei unterstützen. Die Herausforderungen der Branche sind immens.

Von dpa

13.03.2026

Die Bundesregierung will mit einer Art Abwrackprogramm die Zahl der Krabbenkutter senken. (Archivbild) Sina Schuldt/dpa

Die Bundesregierung will mit einer Art Abwrackprogramm die Zahl der Krabbenkutter senken. (Archivbild) Sina Schuldt/dpa

© Sina Schuldt/dpa

Das Bundesforschungsinstitut Thünen hat eine Anlaufstelle für die deutschen Küstenfischer an Nord- und Ostsee in Hamburg eröffnet. Diese nennt sich kurz IKTF, was ausgeschrieben Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei bedeutet. 

Welche Erwartungen gibt es? Was sind Hintergründe? Um eines vorwegzunehmen: Die Eröffnung der IKTF hängt mit der Krise der deutschen Küstenfischerei zusammen. 

Warum befindet sich die Küstenfischerei in einer Krise?

Nach Einschätzung des Thünen-Instituts steht die Küstenfischerei vor vielfältigen Herausforderungen: In der Ostsee leiden Fischbestände wie Dorsch und Hering unter schlechten Umweltbedingungen. In der Nordsee wächst die Konkurrenz um Fanggebiete - etwa wegen des Baus von Windparks und der Einrichtung neuer Schutzgebiete. „Zudem ist die Flotte vielerorts veraltet, Nachwuchs fehlt und immer mehr Betriebe müssen aufgeben.“

Gerd Kraus, der das Thünen-Institut in Bremerhaven leitet, ist der Ansicht, dass die deutsche Küstenfischerei mit „multiplen Krisen“ zu tun hat. Zuerst habe der Brexit die Branche getroffen, dieser habe zu nachteiligen Neuregelungen geführt. Dann litten Fischverkäufe während der Corona-Pandemie. 

Gegenwärtig setzten steigende Energiepreise den Fischern zu. Besonders betroffen seien diejenigen, die schwere Baumkurren - das sind Schleppnetze - einsetzten, um Plattfische zu fangen. Weil die Netze schwer seien, steige der Treibstoffverbrauch der Boote. Manche Fischer fingen deshalb eher Tintenfische, da diese ohne die schweren Netze gefangen werden könnten.

Warum gibt es die neue Anlaufstelle?

Um der Krise der deutschen Küstenfischerei zu begegnen, hatte im März 2024 die sogenannte Zukunftskommission Fischerei ihre Arbeit aufgenommen. Die vom Bundeslandwirtschaftsministerium ins Leben gerufene Kommission erarbeitete Empfehlungen für die Branche. Rund ein Jahr später wurden diese vorgestellt. Die Gründung der IKTF beruht auf den Empfehlungen. 

Kraus sagte, es habe nach dem Abschlussbericht Zeit gebraucht, einen geeigneten Ort und geeignete Mitarbeiter zu finden. Hamburg sei gewählt worden, weil die Stadt mittig zwischen Nord- und Ostsee liege. Zwei der fünf Mitarbeiter der IKTF sollen aber direkt an Nord- und Ostsee arbeiten. 

Welche Aufgaben hat die IKTF?

Die IKTF soll zuerst als Anlaufstelle dienen, vor allem für Küstenfischer. Mitarbeiter der Einrichtung sollen informieren, beraten und vernetzen. Die Geschäftsstelle befindet sich im Stadtteil Hafencity. 

Was ist mit Küstenfischerei überhaupt gemeint?

Unterschieden wird zwischen der Hochseefischerei und der Küstenfischerei. Unter die Hochseefischerei fällt der gewerbliche Fang fernab der Küste. Ein Zentrum der Hochseefischerei in Deutschland ist Bremerhaven. Weitere Standorte sind Cuxhaven und Rostock, wie Kraus sagte. Dem Wissenschaftler zufolge verdient die Branche „noch gutes Geld“. 

Anders ist das im Fall der Küstenfischerei, die sich auf die Meeresgebiete nahe der Küste konzentriert. Üblicherweise handelt es sich um kleine, familiär geführte Betriebe, die Kutter nutzen. Laut dem Bericht der Zukunftskommission gab es Anfang des Jahrhunderts rund 1.275 Küstenfischereibetriebe. 2020 waren es rund 644 - und bis 2024 sank die Zahl auf rund 600. 

 In der Nordsee ist die Küstenfischerei vor allem auf Krabben ausgerichtet. In der Ostsee fangen deutsche Küstenfischer vor allem Plattfische und Hering und in Ausnahmefällen Fische, die eigentlich im Süßwasser und im schwach salzigen Brackwasser leben. Hintergrund ist, dass der wichtige Dorsch nach EU-Vorgabe nicht gezielt gefischt werden darf, und der Hering einzig passiv.

Wie finanziert sich die IKTF? 

Die Anlaufstelle wird aus Bundesmitteln bezahlt. Schließlich arbeitet die Einrichtung im Auftrag der Bundesregierung, genauer gesagt im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Das Budget liegt bis Ende 2027 bei drei Millionen Euro, wie Kraus sagte. Mit dem Geld werden Mitarbeiter und Miete bezahlt. Auch sollen Mittel verwendet werden, um etwa Rechtsgutachten zu finanzieren. Organisatorisch ist die IKTF an das Thünen-Institut angegliedert. 

Gibt es Reaktionen?

Die Naturschutzorganisation WWF Deutschland lobte die Eröffnung der IKTF: „Wir setzen unsere Hoffnung darauf, dass mit der IKTF der wichtige Dreh- und Angelpunkt entstanden ist, um den nötigen Wandel im Fischereisektor auch umzusetzen“, sagte Catherine Zucco, zuständig für Meeresschutz und Fischerei bei WWF. Zucco machte die deutsche Fischerei für ihre Krise mitverantwortlich; etwa habe Überfischung zu dieser beigetragen. 

Wie steht es um die Erneuerung der Fischereiflotte?

Die Erneuerung von Fischereifahrzeugen wie Kuttern ist für die Bundesregierung ein Thema. Das Bundeslandwirtschaftsministerium fördert derzeit mit 20 Millionen Euro die Stilllegung von alten Booten und Schiffen. Mindestens drei Viertel des Geldes sind für die Krabbenfischer eingeplant, der Rest ist für die Plattfischfischerei vorgesehen. 

Kraus sagte, der nächste notwendige Schritt sei, dass eine Neukaufprämie für die Fischer bereitgestellt werde. In der EU-Kommission gebe es dagegen aber Vorbehalte. So bestehe Sorge, dass neue Schiffe zu größeren Fangmengen führten. Kraus hält das für unbegründet. Es gehe schließlich um die Antriebstechnik und nicht um die Fanggeräte.

Die Zahl der Küstenfischereibetriebe lag 2024 bei rund 600. (Archivbild)Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Zahl der Küstenfischereibetriebe lag 2024 bei rund 600. (Archivbild)Hauke-Christian Dittrich/dpa

© Hauke-Christian Dittrich/dpa

Der Institutsleiter Kraus setzt sich dafür ein, dass der Kauf moderner Fischereifahrzeuge vom Staat gefördert wird. (Archivbild) Lars Klemmer/dpa

Der Institutsleiter Kraus setzt sich dafür ein, dass der Kauf moderner Fischereifahrzeuge vom Staat gefördert wird. (Archivbild) Lars Klemmer/dpa

© Lars Klemmer/dpa

Die Naturschutzorganisation WWF begrüßt, dass es eine neue Anlaufstelle für die Küstenfischerei gibt. (Archivbild) Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Die Naturschutzorganisation WWF begrüßt, dass es eine neue Anlaufstelle für die Küstenfischerei gibt. (Archivbild) Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

© Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

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