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Vorne dabei, aber außen vor? Frauen in Ostdeutschland

Am 8. März ist internationaler Frauentag. Wo man als Frau in Deutschland lebt, macht oft noch den Unterschied. Ein Blick in die ostdeutschen Bundesländer und wie Frauen dort dastehen.

Von Helena Dolderer, dpa

06.03.2026

Theresia Crone hat den Verein EndEndoSilence gegründet, mit dem sie sich für eine bessere Versorgung von Endometriose-Patientinnen einsetzt.Elisa Schu/dpa

Theresia Crone hat den Verein EndEndoSilence gegründet, mit dem sie sich für eine bessere Versorgung von Endometriose-Patientinnen einsetzt.Elisa Schu/dpa

© Elisa Schu/dpa

Wie ist es, als junge Frau in Ostdeutschland aufzuwachsen? Theresia Crone überlegt kurz. „Ich hatte oft das Gefühl, dass ich doppelt und dreifach beweisen muss, dass ich einen Platz am Tisch verdient habe“, sagt die Schwerinerin. Schon ihre Mutter habe immer viel gearbeitet und Verantwortung übernommen, sagt Crone. Das sei selbstverständlich gewesen.

Die 23-Jährige ist in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns geboren und groß geworden. Heute engagiert sie sich als Aktivistin für den Klimaschutz und die chronische Erkrankung Endometriose und lebt in Berlin.

Damit ist sie kein Einzelfall - viele junge Frauen wandern ab. Doch wie lebt es sich als Frau in einem ostdeutschen Bundesland? Wo liegen sie im Vergleich zum Westen vorn und wo nicht? Ein Überblick anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März.

Weniger Lohn, weniger Ungleichheit

Das Lohnniveau ist im Osten Deutschlands nach wie vor deutlich geringer als im Westen, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Ähnlich sehe es bei den Renten aus. Dafür sei der Unterschied zu Männern geringer.

Im vergangenen Jahr lag die erweiterte Verdienstungleichheit (Gender Gap Arbeitsmarkt) mit 22 Prozent deutlich unter der im Westen (39 Prozent), wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamts von Februar hervorgeht. Dabei werde neben dem Gender Pay Gap auch die Teilzeit- und Erwerbsquote berücksichtigt.

Voll zu arbeiten, ist bei vielen Frauen in Ostdeutschland noch immer selbstverständlich, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. (Archivbild)Michael Matthey/dpa

Voll zu arbeiten, ist bei vielen Frauen in Ostdeutschland noch immer selbstverständlich, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. (Archivbild)Michael Matthey/dpa

© Michael Matthey/dpa

Am geringsten war der Gender Gap Arbeitsmarkt demnach in Mecklenburg-Vorpommern (17 Prozent). Dahinter folgten Sachsen-Anhalt (20 Prozent), Sachsen (21 Prozent), Brandenburg (22 Prozent), Berlin und Thüringen (jeweils 23 Prozent). In den westlichen Bundesländern war die Lücke hingegen größer, mit Baden-Württemberg und Bayern an der Spitze (jeweils 41 Prozent).

Mehr Kita, mehr Vollzeit

Noch immer arbeiten Frauen in den ostdeutschen Bundesländern häufiger in Vollzeit. Nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung seien es ungefähr sechs von zehn Frauen, im Westen rund die Hälfte.

Schon in der DDR sei das für Frauen selbstverständlich gewesen, sagt Allmendinger. Steuerliche Anreize, weniger zu arbeiten, wie durch das Ehegattensplitting im Westen, habe es damals nicht gegeben. „Das hat sich auf die Kinder und Enkelkinder übertragen.“

In Ostdeutschland arbeiten mehr Frauen in Vollzeit als im Westen. (Symbolbild)Philip Dulian/dpa

In Ostdeutschland arbeiten mehr Frauen in Vollzeit als im Westen. (Symbolbild)Philip Dulian/dpa

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Crone wünscht sich darauf jedoch einen differenzierten Blick: „Wie geht es diesen Frauen? Sind sie gesund? Sind sie glücklich? Sind sie finanziell abgesichert?“ Frauen mit Vollzeitjob könnten auch überlastet sein, wenn sie sich zugleich um ihre Familie kümmern und Care-Arbeit übernehmen würden. Auch ein Blick auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land sei notwendig.

Mehr Frauen in Führungspositionen

Untersuchungen belegen, dass in den ostdeutschen Bundesländern auch mehr Frauen Unternehmen führen. Das WSI geht davon aus, dass der Frauenanteil auf der obersten Führungsebene in privatwirtschaftlichen Unternehmen bei rund einem Drittel liegt (32 Prozent), im Westen bei 27 Prozent.

„Wenn ostdeutsche Frauen Mütter werden, dann scheuen sie sich seltener, ihre Kinder in Kita zu geben“, sagt Allmendinger. Die Betreuungsquote der unter 3-Jährigen liege in Ostdeutschland vielerorts über 60 Prozent, während es in den westlichen Bundesländern oft nur rund 20 Prozent seien. „Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass Kitas im Osten schon länger existieren und es nach wie vor eine höhere Dichte gibt.“

Junge Frauen wandern ab

Viele junge und vor allem gut ausgebildete Frauen wandern jedoch Richtung Westen ab, sagt Allmendinger. In einigen Gebieten im ländlichen Raum gebe es in Ostdeutschland einen deutlichen Männerüberschuss, wie auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) feststellt: Weniger als 70 Frauen bei den 18- bis 30-Jährigen kämen auf 100 Männer.

Auch Crone wohnt nicht mehr in ihrer Heimatstadt Schwerin. Dafür gebe es viele Gründe, unter anderem ihr politisches Engagement. Gerade in ostdeutschen Bundesländern brauche es Menschen, die sich für demokratische Strukturen einsetzten. Für sie sei aber auch die Frage, zu welchem Preis, sie selbst fühle sich nicht immer sicher. 

Trotzdem wisse Crone die Freiräume zu schätzen, die sie als Jugendliche gehabt habe. Sie habe mehrere Vereine gegründet. Das sei im Westen, wo die Vereinsstrukturen oft besser ausgebaut seien, so nicht unbedingt möglich gewesen.

Crone: Osten wird schnell in eine Opferrolle gepackt 

Ist in Ostdeutschland geboren und aufgewachsen: Die Jurastudentin und Aktivistin Theresia Crone. Elisa Schu/dpa

Ist in Ostdeutschland geboren und aufgewachsen: Die Jurastudentin und Aktivistin Theresia Crone. Elisa Schu/dpa

© Elisa Schu/dpa

„Ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, dass wir auch über ostdeutsche Biografien reden“, sagt Crone. „Gleichzeitig halte ich das vorherrschende Narrativ für kontraproduktiv.“ Wenn nur von den schlecht behandelten „Ossis“ und den „Besser-Wessis“ die Rede sei, dann packe man den Osten schnell in eine Opferrolle und erkläre ihn für handlungsunfähig. 

Die Menschen im Westen wüssten oft wenig über ostdeutsche Lebensrealitäten. Das will Crone ändern. „Ich bezeichne mich vor allem in der Gegenwart von Wessis als Ossi“, sagt sie. So komme man ins Gespräch.

Heute wohnt Theresia Crone in Berlin.Elisa Schu/dpa

Heute wohnt Theresia Crone in Berlin.Elisa Schu/dpa

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