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Wenn Erfahrung im Job plötzlich nicht mehr zählt

Immer wieder kommt es vor, dass ältere Beschäftigte sich im Team übergangen und weniger wertgeschätzt fühlen. Wie Betroffene das klug ansprechen, ohne sich aufs Abstellgleis zu bugsieren.

Von Sabine Meuter, dpa

24.06.2026

Fehlende Wertschätzung im Job sorgt für viel Frust - und kann auf Dauer sogar krankmachen. picture alliance / dpa-tmn

Fehlende Wertschätzung im Job sorgt für viel Frust - und kann auf Dauer sogar krankmachen. picture alliance / dpa-tmn

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Spannende Aufgaben gehen an andere, Anerkennung wird leiser und bei neuen Projekten sitzen sie nicht mehr mit am Tisch: Viele Beschäftigte haben in der zweiten Hälfte ihres Berufslebens den Eindruck, dass ihre Expertise und Erfahrung weniger zählt.

„Dahinter steckt häufig ein Kommunikationsdefizit“, sagt der Organisationspsychologe Prof. Christian Stamov Roßnagel. Er nennt ein Beispiel: Angenommen, ein älterer Mitarbeiter hat seine Wochenarbeitszeit reduziert, um seinen pflegebedürftigen Vater versorgen zu können.

„Das kann für eine Führungskraft Anlass sein, besagten Mitarbeiter etwa bei neuen Projekten quasi automatisch außen vorzulassen, um ihn mit zeitintensiver Einarbeitung nicht zusätzlich zu belasten“, so Stamov Roßnagel, der an der privaten Constructor University in Bremen forscht. In diesem Fall käme die gut gemeinte Absicht der Führungskraft beim Mitarbeiter als Mangel an Wertschätzung an.

Welche kleinen Schritte Betroffenen helfen können

Teils sind es aber auch hartnäckige Vorurteile, mit denen erfahrene Beschäftigte konfrontiert sind: So wird etwa angenommen, dass sie weniger anpassungsfähig oder technologieaffin seien - mit den entsprechenden Folgen. Wie sprechen Betroffene an, dass sie sich nicht mehr gesehen fühlen? Und das am besten, ohne dass sich die - oftmals jüngere - Führungskraft angegriffen fühlt?

Ein erster Schritt kann ein offenes Gespräch sein. „Dinge, die einem ein schlechtes Gefühl bereiten, sollte man ansprechen, ohne dabei direkte Beschuldigungen zu äußern“, sagt Frank Leyhausen, der sich als Coach und Berater auf ältere Berufstätige spezialisiert hat. Anhand konkreter Beispiele könnten Betroffene das eigene Empfinden gut verdeutlichen.

Fühlen sich Arbeitnehmende im Alter ab 50 innerhalb der Firma in einer Außenseiterrolle, sollten sie das ebenfalls klar benennen. „Um nicht verletzlich oder anklagend zu wirken, ist es wichtig, über die eigene Wahrnehmung zu sprechen“, sagt Leyhausen. Dies ermögliche ein konstruktives Gespräch und verhindere eine direkte Konfrontation.

Beschäftigte sollten sich bei Gesprächen mit ihrer Führungskraft auch ein konkretes Feedback zur eigenen Leistung über die Teamebene einholen, rät Stamov Roßnagel. Das Gespräch könne etwa so beginnen, dass man sinngemäß sagt „unser Team hat sich verbessert“ und dabei die Leistungssteigerungen konkret benennt.

Der nächste Schritt wäre laut Stamov Roßnagel zu fragen: „Wie siehst du in diesem Rahmen meinen Beitrag und wo kann ich mich gegebenenfalls stärker einbringen?“ Diese Vorgehensweise trage dazu bei, die eigene Arbeit sichtbarer zu machen, ohne als selbstdarstellerisch zu gelten.

Wie Sie gewünschte Veränderungen clever formulieren

Wer neue Aufgaben oder etwa eine Weiterbildung anstrebt, sollte im Gespräch mit der Führungskraft die eigenen Vorstellungen klar benennen. „Es muss deutlich werden, dass die gewünschten Veränderungen beiden Seiten nutzen“, so Leyhausen. Gerade Ältere sollten ansprechen, wie lange sie noch im Betrieb arbeiten möchten und dass sie in dieser Zeit über die gewünschte Veränderung mehr und besser zum Unternehmenserfolg beitragen können.

Sind ältere Mitarbeitende im Team oder im Gespräch mit der Führungskraft mit Sätzen wie „Dafür bist du zu langsam“ konfrontiert, helfen laut Leyhausen einfache Gegenfragen: „Was genau bringt dich zu dieser Annahme?“ oder „Langsam im Vergleich zu …?“ Dann müsse das Gegenüber seine Aussage begründen. „Gelingt das nicht, wird klar, dass er oder sie aus einer pauschalen Voreingenommenheit heraus agiert hat“, so der Berater.

Kann indes das Gegenüber nachvollziehbare Gründe nennen, warum man zu langsam ist, kann Stamov Roßnagel zufolge der Satz „Danke – das gibt mir konkrete Anhaltspunkte, mich zu verbessern“ hilfreich sein.

Wo Beschäftigte Unterstützung finden

Wann statt fehlender Wertschätzung schlicht respektloses Verhalten vorliegt, lässt sich manchmal gar nicht so genau abgrenzen. „Das hängt auch vom Beruf oder von der Branche ab“, sagt Leyhausen. Auf der Baustelle oder in der Küche gehe es in der Regel rauer zu als etwa im Büro. „Jeder Mensch hat seine eigene Schmerzgrenze, und die muss jeder für sich klar benennen.“

Wer sich nicht wertgeschätzt oder respektlos behandelt fühlt, sollte dies zunächst mit dem Gegenüber klären. Hilft das nicht, kann laut Leyhausen die Führungskraft die nächste Anlaufstelle sein. Hat auch das keinen Erfolg, können sich Betroffene an eine Vertrauensperson wenden.

„Ältere Arbeitnehmende sind gut beraten, wenn sie frühzeitig Allianzen mit Gleichaltrigen bilden“, sagt Stamov Roßnagel. Sie könnten sich zusammentun, um respektloses Verhalten auch für Andere klar sichtbar zu machen. Je nach Struktur des Unternehmens können Betroffene dann gemeinsam mit Personalabteilung, Betriebsrat oder Beschwerdestelle Schritte zum Abbau solchen Verhaltens erarbeiten. Oft trägt schon die öffentliche Benennung des Problems zu dessen Rückgang bei.

Altersdiskriminierung - was tun?

Unter Umständen kann auch Altersdiskriminierung vorliegen, also das bewusste Ausgrenzen von Arbeitnehmenden wegen ihres Alters. Ungerechtfertigte Benachteiligungen wegen des Alters sind nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten. Betroffene können in solchen Fällen Beschwerde einlegen und sogar rechtliche Schritte ergreifen. 

Beispiele für Altersdiskriminierung können etwa sein:

  • Ältere Beschäftigte werden bei Weiterbildungen allein wegen ihres Alters nicht mehr berücksichtigt.
  • Sie hören abwertende Äußerungen über ihr Alter, etwa: „Sie sind zu alt für diese Aufgabe.“
  • Beförderungen oder Aufgaben werden wegen des Alters verweigert, obwohl man gleiche Qualifikationen aufweist.

Betroffene können sich nach AGG (§13) bei der zuständigen Stelle im Betrieb oder Unternehmen beschweren. Unterstützung bietet außerdem die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die eine erste rechtliche Einordnung und Informationen zum weiteren Vorgehen anbietet. Wer Ansprüche auf Entschädigung oder Schadenersatz prüfen will, sollte mögliche Fristen beachten.

Wann Selbstschutz zur Priorität wird

Betroffene, die sich bei der Arbeit unwohl fühlen, sollten auf ihr Bauchgefühl hören, rät Stamov Roßnagel – in doppeltem Sinn: Magendrücken beim Gedanken an die Arbeit ist eines der körperlichen Frühwarnsignale. Wichtig sei dann, den Selbstschutz zu priorisieren. Mangelnde Wertschätzung im Job sei psychisch sehr belastend und könne auf Dauer ernstlich krankmachen, auch körperlich.

Werden geäußerte Wahrnehmungen in Gesprächen nicht ernst genommen, deutet es laut Leyhausen auf ein unpassendes Betriebsklima hin. „In dieser Situation stellt ein Wechsel die konsequenteste, aber sicherlich nicht die einfachste Lösung dar“, so Leyhausen.

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