Citroën 2CV: In Paris lernt die Ente wieder das Fliegen
Es braucht nur eine Nacht, um zu erkennen, wie zeitlos die Ente ist. So zeitlos, dass Citroën den 2CV jetzt nach fast 80 Jahren wieder auflegt. Zunächst nur als Studie, aber die Serie ist beschlossen.
Bonne Nuit, Paris: Am Ende einer langen Spritztour erholt sich die klassische Citroën-Ente vor der Sacré-Cœur auf dem Montmartre. Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
© Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
Es ist ein lauer Herbstabend auf dem Montmartre, und nach ein paar Minuten ist das Gefühl für die Zeit verloren gegangen. Denn während sich die Dunkelheit über die Stadt senkt und die Neonreklamen der Bars und Cabarets die Nacht erhellen, beginnt das Kino im Kopf zu spielen, und Paris wird zur alterslosen Schönheit.
Plötzlich hat man die ewige Piaf in den Ohren, sieht auf den Kinoplakaten Brigitte Bardot, Jean Gabin oder Jean-Paul Belmondo, und unten am Boulevard de Clichy drehen sich die roten Flügel des Moulin Rouge wie vor hundert Jahren. Nur ein Auto passt in diesen Film: die Ente.
Zwar wurde die Ente auch, ja vor allem fürs Land entwickelt. Nicht umsonst stand, so die gerne kolportierte Legende, der Korb voller Eier im Lastenheft, den ein Bauer damit heil über Feldwege auf den Markt bringen sollte - was die butterweiche Federung erklärt und mit ihr die abenteuerliche Schräglage in Kurven und Kreisverkehren.
Dem Hersteller zufolge 1948 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt, kam sie anfangs mit gerade einmal 9 PS aus und wurde bis 1990 zusammen mit dem Kastenwagen rund 5,1 Millionen Mal gebaut. Aus dem Bauernauto wurde dabei erst das Gefährt der kleinen Leute und dann das Lieblingsauto von Studenten, Künstlern und Weltverbesserern, die mit ihr gegen Spießigkeit und Statusdenken anfuhren.
Flottes Geflügel in Paris - auch noch heute
Doch selbst 36 Jahre nach dem Ende der Produktion passt sie perfekt nach Paris. Sie ist so winzig, dass man sich selbst neben einem Smart seltsam klein fühlt, und trotzdem überraschend geräumig. Sie lässt sich vom schlechten Kopfsteinpflaster in der Rue Lepic genauso wenig aus der Ruhe bringen wie vom Kreisel um den Triumphbogen.
Und sie ist selbst mit ihren zuletzt 29 PS hinreichend flott für die Fahrt entlang der Seine oder über die Champs-Élysées. Klar, auf dem Périphérique wird es zäh, und draußen auf der Route nationale bremst der 2CV selbst die Lastwagen aus. Aber hier im Schatten des Eiffelturms schwimmt die Ente locker mit. Wer nur geschickt genug mit der Revolverschaltung umzugehen vermag, hängt beim Ampelspurt sogar manch anderes Auto ab - oder wischt wie die Scooter einfach durch die nächste Lücke. Ja, der Boxermotor hat nur 40 Nm, aber die Ente wiegt dafür ja auch kaum 600 Kilo. Das hilft.
Revolverschaltung und Sitze wie Gartenstühle
Wie man diese Revolverschaltung bedient, lernt man schnell: Der Stab mit dem schwarzen Knauf wächst aus dem Armaturenbrett, man zieht, schiebt und dreht ihn wie den Griff eines Regenschirms, und nach drei Ampeln sitzt das Muster.
Genauso schnell gewöhnt man sich an die Sitze, die wie Gartenstühle auf Gummibändern gespannt sind, an den winzigen Tacho und an das Schnattern des luftgekühlten Zweizylinders, das tapfer gegen den Lärm der Nacht in der Stadt der Liebe anbrüllt. Und wenn die Ente sich am Étoile im Schatten des Triumphbogens zwischen Taxis, Motorrollern und Lieferwagen in die Kurve legt, dann hält man kurz den Atem an - und lacht.
Um kurz vor elf geht es die Champs-Élysées hinunter. Links und rechts glitzern die Schaufenster der Luxusmarken, vor den Clubs stehen Türsteher mit verschränkten Armen, und zwischen den schwarzen Limousinen der Nachtschwärmer wirkt die Ente wie ein Spatz unter Pfauen.
Star der Stadt
Doch die Handys werden nur für sie gezückt. An der Place de la Concorde geht es hinunter an die Seine, vorbei an erleuchteten Brücken und den letzten Ausflugsbooten, bis der Eiffelturm in voller Pracht vor der Windschutzscheibe steht. Zur vollen Stunde beginnt er zu funkeln, als hätte er nur auf uns gewartet - und für ein paar Minuten ist die alte Dame aus Blech der Star der Stadt.
Je länger man mit der Ente durch die Pariser Nacht fährt, sich den warmen Herbstwind unter dem offenen Rolldach durch die Haare wehen lässt, den Arm lässig durchs Klappfenster legt und dabei immer und überall in lachende Gesichter schaut, desto unsterblicher fühlt sich die Idee an. Und desto weniger wundert es einen, dass die Franzosen diese Idee jetzt wieder ausgraben.
Die Ente kommt wieder - als E-Auto
Nachdem Renault reichlich Lorbeeren für die Neuauflagen von R4, R5 und Twingo gesammelt hat, will es auch Citroën wissen und kündigt ein elektrisches Comeback für seinen Klassiker an. Nur dass Citroën anders als die Konkurrenz neben der Form laut Xavier Chardon auch wieder die Idee von der erschwinglichen Mobilität für die Massen aufnimmt.
Deshalb im Fokus: die neue Klasse M1Et, mit der Brüssel kleine, bezahlbare Elektroautos aus Europa fördern will. „Den 2CV neu zu erfinden bedeutet nicht, ein Auto der Vergangenheit zu kopieren“, so der Citroën-Chef. „Es bedeutet, die Eigenschaften neu zu interpretieren, die ihn einst einzigartig gemacht haben: seine Einfachheit, seine Zugänglichkeit und die Freiheit, die er seinen Nutzern schenkte.“
Und trotzdem sind sich Oma und Enkelin erfreulich nah: Das jüngst auf dem Pariser Salon enthüllte 2CV-Concept zitiert die frei stehenden Scheinwerfer, die gewölbte Haube, die Lüftungsschlitze unter der Frontscheibe und natürlich das Faltdach aus Stoff. Mit 3,76 Metern ist es sogar kürzer als das Original, das Zielgewicht liegt bei rund einer Tonne, und die Türablagen sind für den Transport von Eiern ausgelegt. Spätestens 2028, pünktlich zum 80. Geburtstag der Ente, soll das Serienmodell kommen, so heißt es hinter den Kulissen
Lackiert in einem leuchtenden Orange namens Infra Red, rollt die Studie auf 19 Zoll großen Stahlrädern. Auf den Sitzen findet sich ein neu gezeichnetes Karomuster, und Lenkrad wie Schalter schimmern in Beige als Gruß an das Bakelit früher Enten. Statt Türgriffen gibt es Gurtschlaufen, die Hupe klingt wie bei der Großmutter, auf dem Gaspedal prangt ein Hase und auf der Bremse eine Schildkröte. Auf der Frontscheibe stehen die Zahlen 48, 90 und 26 für Premiere, Produktionsende und Studie. Nur die Revolverschaltung ist einer Wippe an einem Bedienzylinder hinter dem Lenkrad gewichen.
Die alte Ente ist begehrt - und gar nicht mehr so billig
Die alte Ente kann man in der Historie der Franzosen gar nicht hoch genug hängen, sagt Oldtimer-Experte Frank Wilke: „Was das Ford T-Modell für Amerika und der VW Käfer für Deutschland ist, das ist die Ente für Frankreich“, sagt der Chef des Marktbeobachters Classic Analytics. „Der erste, echte Volks-Wagen der Grande Nation.“ Ebenfalls gleich sei der Kult-Charakter, den die Ente erreichte, indem sie den Verzicht zum Stilmittel erhob.
Deshalb glaubt er an den Nachfolger: „Wenn die neue Elektroversion dem Original optisch nahekommt und einen ähnlich niedrigen Einstandspreis hat, dann ist das Konzept stimmig und könnte zum Erfolg werden.“ Als Neupreis werden rund 15.000 Euro genannt - bezeichnenderweise exakt der Preis, den man laut Wike für eine gut erhaltene Ente aus den 1980er-Jahren zahlen muss.
Auf dem Rückweg über die Grands Boulevards hat sich die Stadt verändert. Die Terrassen der Bistros leeren sich, die Kellner stapeln Stühle, und auf den Bänken am Boulevard de Clichy sitzen Pärchen, die ebenso wenig nach Hause wollen wie wir. Vor dem Moulin Rouge strömen die Zuschauer der letzten Show auf die Straße, und mehr als einer winkt der Ente hinterher, als hätte sie gerade selbst auf der Bühne gestanden.
Kurz vor zwei Uhr morgens schnattert die Ente schließlich wieder den Montmartre hinauf. Die Cabarets schließen, die Maler auf der Place du Tertre haben ihre Staffeleien längst eingepackt, und vor Sacré-Cœur liegt Paris als funkelndes Lichtermeer zu Füßen. Der Motor verstummt, das Rolldach bleibt offen, und für einen Moment ist es ganz still. Ob der Enkel diesen Zauber auch beherrscht, wird sich zeigen. Die Großmutter jedenfalls hat ihn nach fast 80 Jahren noch immer nicht verlernt.
Welches Entlein hätten S‘ denn gern? Schlägt Ihr Herz für den klassischen 2CV (l) oder auch für die Neuauflage?Clèment Choulot/Citroën/dpa-tmn
© Clèment Choulot/Citroën/dpa-tmn
Geflügel im Gewusel: Die Ente verschnauft ganz kurz, bevor es im Pariser Stadtgetümmel weitergeht.Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
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The sky is the limit: Wer das Dachrollo öffnet, sieht den Himmel - und das ein oder andere Wahrzeichen.Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
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Souverän mitschwimmen: Das schafft die klassische Ente auch heute noch im quirligen Pariser Stadtverkehr.Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
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Klischee oder der Autohimmel auf Erden? Ein paar PS, ein offenes Dach und ein knuspriges Baguette nur eine Türöffnung entfernt.Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
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Schmeckte vielen formidabel: Wie etwa der VW Käfer in Deutschland stand die Ente in Frankreich nach dem Krieg für vergleichsweise erschwingliche Mobilität. Dani Heyne/Citroën/dpa-tmn
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