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Netze geistern durch die Nordsee – Diese Taucher bergen sie

Das Zeitfenster ist knapp, die Sicht miserabel und die Arbeit mühsam: Um Geisternetze aus dem Meer zu bergen, tauchen Freiwillige zu Schiffswracks. Was bringt das – und was treibt die Taucher an?

Von Lennart Stock (Text) und Lars Penning (Fotos und Video), dpa

16.09.2026

Freiwillige suchen an Deck die geborgenen Netze nach Meereslebewesen ab. Lars Penning/dpa

Freiwillige suchen an Deck die geborgenen Netze nach Meereslebewesen ab. Lars Penning/dpa

© Lars Penning/dpa

Als der Kutter „Möwe“ und wenig später zwei Schlauchboote den Hafen von Bensersiel in Ostfriesland Richtung Nordsee verlassen, wissen die Taucher an Bord noch nicht, was sie auf dem Meer erwartet. An dem Schiffswrack, das die Taucher vom Verein Ghost Diving Germany ansteuern, waren sie noch nie. Dabei interessiert sie weniger das alte Frachtschiff, sondern vielmehr, was dort unten in gut 20 Metern Tiefe „herumgeistert“. 

„Wir fahren raus, um Geisternetze zu bergen“, erklärt Kai Wallasch, erster Vorsitzender von Ghost Diving Germany. „Wir können von sehr kleinen Stücken, die wir freischneiden, bis zu einem ganz großen Schleppnetz alles finden.“

Geisternetze sind verloren gegangene Fischernetze, die durch die Meere treiben und sich an Wracks verfangen oder am Boden absetzen. Dort fischten sie jahrelang weiter, sagt Wallasch. Die Kunststofffasern zerbröselten unweigerlich mit der Zeit zu Mikroplastik, das in die Nahrungskette gelange. 

Auch Buckelwal Timmy hatte Netz im Maul

Für Meereslebewesen wie Fische, Robben und Krebse könnten solche Netze zu einer tödlichen Falle werden, wenn sie sich darin verfangen. Ein „unendlicher Kreislauf des Sterbens“ sei das, sagt der 54-Jährige. Auch Buckelwal Timmy, der im Frühjahr mehrfach vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war, hatte zeitweise mit einem Netz im Maul zu kämpfen. 

Die 16 ehrenamtlichen Taucherinnen und Taucher von Ghost Diving Germany wollen deshalb Geisternetze bergen und zum Recycling an Land bringen. In Ostfriesland ist der Verein Teil eines Kooperationsprojektes, das die NV-Versicherungen und das Unternehmen Bessergrün organisieren. 

Die Geisternetze sind für Meereslebewesen eine tödliche Falle. Lars Penning/dpa

Die Geisternetze sind für Meereslebewesen eine tödliche Falle. Lars Penning/dpa

© Lars Penning/dpa

Gemächlich steuert der Kutter, der die Schlauchboote mit den Tauchern an diesem Septembertag begleitet, durch das Seegatt zwischen den Inseln Baltrum und Langeoog auf das Ziel zu. Es ist das Wrack der „Tanar“, eines mehr als 100 Meter langen Frachtschiffs, das 1959 nach einer Schiffskollision im dichten Nebel etwa sieben Kilometer vor Langeoog sank. 

Was die Taucher dort am Meeresgrund finden werden? „Viel mehr wissen wir noch gar nicht“, sagt Wallasch, der das Tauchen einst bei der Bundeswehr lernte. „Das ist Neuland.“ Weil das Wetter an den Vortagen mies war, fielen Voruntersuchungen am Wrack aus.

Wie die Taucher vorgehen 

Für die Freiwilligen sind die Bergungsaktionen aufwendig. Anreise, Unterkunft und Hafen müssen organisiert, Boote angemietet und die Tauchausrüstung vorbereitet werden. „Es sind schon sehr lange Tage“, sagt Vereinschef Wallasch. Aber: „Wir sind alle leidenschaftliche Taucher“. Mit der Bergung der verlorenen Netze könne man der Natur etwas zurückgeben. 

Kai Wallasch, Vorsitzender von Ghost Diving Germany, taucht seit 1991. Lars Penning/dpa

Kai Wallasch, Vorsitzender von Ghost Diving Germany, taucht seit 1991. Lars Penning/dpa

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Als die Boote an dem Wrack angekommen sind, orten die Taucher zunächst mit Hilfe eines Sonars die genaue Position. Kurz danach machen sie sich bereit. Während die Wellen die Boote auf und ab schaukeln, legen Helfer den Tauchern die bis zu 50 Kilogramm schwere Tauchausrüstung an. 

Dann geht es hinunter. Rückwärts und kopfüber stürzen nach und nach jeweils zwei Taucher in Neoprenanzügen von den Schlauchbooten in die Nordsee. Eine orange Boje an einem Anker markiert, wo die Taucher abtauchen sollen. 

Warum das Tauchen riskant ist

Das Tauchen an diesem Ort ist auch für die erfahrenen Taucher nicht ungefährlich. „Wir tauchen hier in der südlichen Nordsee, das ist ein ziemlich unfreundliches Gewässer für Taucher“, sagt Derk Remmers. Er ist im Verein der Leiter für das Projekt „Geisternetze Ostfriesland 2026“. 

Neben Wind und Wellengang komme die miserable Sicht unter Wasser hinzu. Diese liege aktuell bei etwas mehr als einem Meter, sagt Remmers. Den Tauchern bleibt in der Nordsee, wo sich Ebbe und Flut abwechseln, zudem nur ein schmales Zeitfenster von etwa einer Stunde. Sie nutzen das sogenannte Tidenfenster, während dem die Strömung am geringsten ist – nämlich dann, wenn die Flut gerade geht und die Ebbe einsetzt. 

Außerdem könne man sich an den alten Wracks verletzen, sagt Remmers. „Es ist wichtig, dass alle zusammenspielen. Das ist eine Teamaufgabe.“ Auch deshalb halten die Crewmitglieder auf den Schlauchbooten und auf dem Begleit-Kutter wachsam Ausschau, was sich auf dem Wasser tut.

An Hebesäcken werden Netzfetzen an die Wasseroberfläche befördert. Lars Penning/dpa

An Hebesäcken werden Netzfetzen an die Wasseroberfläche befördert. Lars Penning/dpa

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„Da, der erste Hebesack ist oben“, ruft Taucherin Natalie Gielen, die die Bergungsaktion auf dem Kutter verfolgt, nach etwa einer Viertelstunde. Sie zeigt auf einen roten mit Luft gefüllten Sack an der Wasseroberfläche. Eines der Schlauchboote nimmt den Sack auf und bringt ihn zum Kutter – daran hängt ein abgeschnittener, brauner Netzfetzen. Gielen und andere Helfer hieven ihn an Bord. Dann befreien sie Krebse, Seesterne und Muscheln aus dem Netz.

Nach und nach landen immer mehr Netzfetzen auf dem Deck des Kutters. Einerseits ermutige es, die Geisternetze aus dem Meer zu bergen, sagt Gielen beim Anblick des Netzhaufens. Andererseits sei es aber auch bedrückend, wie viel Müll es in den Meeren gebe, der dort nicht hingehöre. 

Wie groß das Ausmaß ist, ist nicht bekannt. Der Umweltverband WWF nahm zuletzt an, dass schätzungsweise 1.700 bis 3.000 Tonnen Fanggeräte pro Jahr allein in europäischen Meeren über Bord gehen. „Wir gehen mittlerweile davon aus, dass sieben Prozent aller Netze verloren gehen“, sagt Vereinschef Wallasch und verweist auf Studien. Der WWF schätzte zuletzt, dass sogar 20 Prozent aller Fanggeräte in den Weltmeeren verloren gehen. Aber: „Ganz egal, wie viele es sind, sie gehören einfach nicht ins Meer“, stellt Wallasch fest.

Bergung auch in der Ostsee

Auch andernorts wird daran gearbeitet, Geisternetze aus den Meeren zu bergen – etwa in der deutschen Ostsee. Im Rahmen eines Pilotprojektes von Schleswig-Holstein wurde vor allem in der Lübecker Bucht, der Flensburger Förde und der Kieler Bucht zuletzt gezielt nach Hinterlassenschaften gesucht. Auf einer Fläche so groß wie etwa 5.300 Fußballfelder wurden 51 Fischereigeräte gefunden – die meisten wurden bereits geborgen. Der WWF empfahl danach Bund und Küstenländern eine Handlungskette aufzubauen, von der Meldung verlorener Netze bis zur Bergung und Entsorgung.

Bei der Bergung der Geisternetze ist Teamwork und Handarbeit gefragt. Lars Penning/dpa

Bei der Bergung der Geisternetze ist Teamwork und Handarbeit gefragt. Lars Penning/dpa

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An diesem Tag ist die Bergung der Netze in der Nordsee besonders aufwendig, da die Fanggeräte teils schon tief im Sediment eingegraben sind – wohl über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg, vermutet Wallasch. Am Wrack müssen die Taucher die Plastiknetze in mühsamer Handarbeit mit scharfen Messern durchtrennen. 

Nach gut einer Stunde machen sich die Taucher auf den Rückweg. „Das war kein Badewannentauchgang“, sagt der Vereinschef mit Blick auf die Wetterbedingungen. Doch im Großen und Ganzen seien die Taucher zufrieden mit ihrem Ergebnis. Schätzungsweise mehrere Hundert Kilogramm Netze sind zusammengekommen. Am nächsten Tag wollen die Taucher wieder rausfahren.

Geisternetze sind Netze, die bei der Fischerei über Bord gehen. Lars Penning/dpa

Geisternetze sind Netze, die bei der Fischerei über Bord gehen. Lars Penning/dpa

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Taucher Derk Remmers gibt seinen Teamkollegen vor der Bergungsaktion Hinweise. Lars Penning/dpa

Taucher Derk Remmers gibt seinen Teamkollegen vor der Bergungsaktion Hinweise. Lars Penning/dpa

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