Ein Jahr „Eventin“-Havarie - wie sicher ist die Ostsee?
Die Havarie der „Eventin“ verdeutlicht die Risiken in der Ostsee. Wieso gibt es keine Lotsenpflicht in der vielbefahrenen Kadetrinne, und wieso nehmen dennoch auch sanktionierte Schiffe Lotsen an?
Mittlerweile ein gewohnter Anblick - die „Eventin“ vor der Küste Rügens.Stefan Sauer/dpa
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274 Meter lang, 48 Meter breit, etwa 99.000 Tonnen russisches Öl an Bord - seit etwa einem Jahr liegt der Tanker „Eventin“ in Sichtweite von Rügens Küste. Nach einer aufsehenerregenden Havarie wurde das Schiff hier gesichert und sitzt dort wegen eines juristischen Tauziehens fest.
In der Nacht zum 10. Januar fielen auf dem Weg von Russland nach Indien an Bord der „Eventin“ alle Systeme aus. Stundenlang trieb sie manövrierunfähig in der Ostsee, bevor Rettungsteams auf See Schleppverbindungen herstellen konnten. Während des Sicherungseinsatzes waren die Wellen teils mehrere Meter hoch. Schleppleinen seien beschädigt worden und Verbindungen teils verloren gegangen, erzählte ein beteiligter Schlepperkapitän später. Dennoch konnte Schlimmeres verhindert werden.
Doch nach dem Kampf der Seeleute kam es zu einem juristischen Kampf, der erst im Dezember am Bundesfinanzhof (BFH) in München seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Eigentlich wollte der Zoll die „Eventin“ samt Ladung einziehen und verwerten. Entsprechende Verfügungen stoppte der BFH in zweiter Instanz. Es handelte sich dabei nur um ein Eilverfahren. Im Rahmen eines Hauptsacheverfahrens könnte das juristische Tauziehen weitergehen. „Die Auswertung der Entscheidung des BFH hinsichtlich des weiteren Vorgehens mit dem Schiff und der Ladung ist noch nicht abgeschlossen“, teilte der Zoll vor wenigen Tagen auf Anfrage mit.
Weiterer Umgang mit Schiff unklar
Ob es in der Hauptsache bereits ein Gerichtsverfahren gibt, ist unklar. Das Finanzgericht Hamburg, das zuständig wäre, verweist auf das Steuergeheimnis. Die Hamburger Rechtsanwältin Henrike Koch vertritt zwar den Schiffseigner, die Laliya Shipping Corp. mit Sitz auf den Marshallinseln, allerdings in einem anderen Rechtsstreit. Vor dem Gericht der EU geht der Eigner dagegen vor, dass das Schiff von der EU als Teil der russischen Schattenflotte gelistet und entsprechend sanktioniert wird. Die Listung erfolgte erst nach der Havarie.
Eigentlich wollte der Zoll die „Eventin“ samt Ladung einziehen und verwerten.Stefan Sauer/dpa
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So ist derzeit unklar, wie es mit dem Schiff weitergeht, sehr zum Unmut von Touristikern auf Rügen sowie Umwelt- und Naturschützern, trotz Beschwichtigungen von offizieller Seite, das Schiff befinde sich an einem sicheren Liegeplatz.
Schlepper für „Eventin“ in Bereitschaft
Auch angesichts stürmischen Winterwetters und Hochwassers stellt der vor Rügen liegende Öltanker „Eventin“ nach Aussage von Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) keine außerordentliche Bedrohung dar. „Nach Einschätzung des Bundes und auch nach unserer Auffassung gehen von dem Schiff keine über das Maß der regulären Tankschifffahrt hinausgehenden Gefahren aus“, teilte der Minister mit. „Zudem wurden Vorsorgemaßnahmen getroffen.“
Dem Ministerium wurde nach eigenen Angaben vom Havariekommando mitgeteilt, dass nun in Sassnitz ein Schlepper bereitstünde, ausschließlich für mögliche Einsätze im Zusammenhang mit der „Eventin“. „Natürlich nehmen wir die Sorgen der Menschen an der Küste sehr ernst – gerade mit Blick auf Herbst- und Winterstürme“, versichert Backhaus. Gleichzeitig müsse man sich an die Zuständigkeiten halten und mit den Informationen arbeiten, die der Bund zur Verfügung stelle.
Vor wenigen Tagen näherten sich Greenpeace-Aktivisten per Schlauchboot der „Eventin“, um gegen die russische Schattenflotte zu protestieren. Russland nutze veraltete, schlecht gewartete und unterversicherte Tanker, um Rohöl im großen Stil zu exportieren, so die Umweltschutzorganisation. Täglich passierten bis zu fünf solcher Schiffe die deutsche Ostseeküste, sagte Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace. Es sei keine Frage, ob etwas passiere, sondern nur wann. Man habe schon vor 25 Jahren eine Lotsenpflicht für die vielbefahrene Kadetrinne gefordert.
Diskussion über Lotsenpflicht
Der Verkehrsbericht der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt weist für das Jahr 2024 knapp 45.000 Schiffsbewegungen in der Kadetrinne aus. Das sind rechnerisch durchschnittlich 123 Schiffsbewegungen pro Tag, wie ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums mitteilte. Gesicherte Zahlen zu Passagen von Schattenflotten-Tankern gebe es nicht.
Deutschland habe sich in der Vergangenheit wiederholt für eine Lotsenannahmepflicht stark gemacht. Eine solche Vereinbarung setze aber zunächst Einigkeit der Ostseeanrainer voraus. Russlands Ablehnung habe sich aber über die Jahre weiter verfestigt. Selbst wenn sich die Anrainer einig wären, wäre den Angaben zufolge auch ein Beschluss der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) notwendig.
Bislang gebe es eine solche Lotsenannahmepflicht in keinem internationalen Gewässer. Große schifffahrtstreibende Nationen hätten kein Interesse daran, das zu ändern.
Auch Schattenflotte nutzt Lotsen
Stattdessen gebe es eine Empfehlung für Schiffe mit mehr als elf Metern Tiefgang, Lotsen an Bord zu nehmen. „Dieser Empfehlung wird dem Vernehmen nach in hohem Maße gefolgt“, erklärte der Sprecher. Konkrete Zahlen gebe es nicht. „Auch die Schiffe der Schattenflotte nutzen nach unseren Informationen Lotsen in den Seegebieten der Ostsee, in denen ein Lotse empfohlen, aber nicht verpflichtend zu nehmen ist.“ Dies sei möglich, weil dies nicht unter die für die sanktionieren Schattenflotten-Tanker verbotenen Dienstleistungen falle.
In der Regel handle es sich bei den sogenannten Überseelotsen auf den Tankern der Schattenflotte um Lotsen aus Dänemark. Daher könne das Ministerium keine Zahlen nennen. Die „Eventin“ hatte zum Zeitpunkt der Havarie laut Bundesverkehrsministerium keinen Lotsen an Bord.
Umweltaktivisten erinnern mit einer Aktion an die Havarie vor einem Jahr. (Archivbild)Stefan Sauer/dpa
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