Panorama

Dunja Hayali fährt Bahn - und stellt die Sicherheit infrage

In einer neuen Doku fragt die Journalistin Dunja Hayali: Ist Bahnfahren mehr als nur nervig – ist es gefährlich? Klar wird vor allem, wie schwer es im System Bahn ist, Verantwortlichkeiten zu finden.

Von Matthias Arnold, dpa

19.07.2026

Dunja Hayali macht sich auf die Reise mit dem ICE.Jonny Müller-Goldenstedt/ZDF/dpa

Dunja Hayali macht sich auf die Reise mit dem ICE.Jonny Müller-Goldenstedt/ZDF/dpa

© Jonny Müller-Goldenstedt/ZDF/dpa

Die Deutsche Bahn gehört neben dem Wetter zu einem der beliebtesten Smalltalk-Themen in Deutschland. Dass es um den bundeseigenen Konzern und den Bahnverkehr in diesem Land schlecht bestellt ist, dürfte sich dabei herumgesprochen haben. Verspätungen bei fast jeder zweiten Fernfahrt, eine chaotische Kundenkommunikation und die marode Infrastruktur sind Dauerthemen. Selbst die Verantwortlichen im Berliner Bahntower haben schon vor Jahren aufgehört, die dramatische Lage schönzureden.

Wie komplex die Gründe dafür sind und wie schwierig es ist, die Bahn wieder richtig aufzugleisen, zeigt eine neue Ausgabe der Reportage-Reihe „Am Puls mit Dunja Hayali“ im ZDF. In dem Film „Unsere Bahn - Geliebt, Verflucht - Gefährlich?“ macht sich die Journalistin auf die Reise mit dem ICE, trifft die Bahnchefin, Lokführer und Politiker - und spricht mit vielen Betroffenen.

Wie sicher ist die Bahn? 

Eine ihrer zentralen Fragen: Ist der schlechte Zustand der Bahn mehr als nur ein Ärgernis für Reisende, ist er gar eine Gefahr für Leib und Leben? Ein großer Teil der knapp 45-minütigen Doku widmet sich dem Zugunglück von Garmisch-Partenkirchen. Bei der Entgleisung eines Regionalzuges im Juni 2022 starben fünf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Hauptgrund waren marode Betonschwellen, die dem Gewicht des Zuges nicht mehr standhielten. 

Hayali zitiert aus einem internen Untersuchungsbericht zu dem Unglück. Er zeigt demnach unter anderem, dass bei der Bahn seinerzeit offenbar wichtige Informationen zu den maroden Schwellen nicht an die zuständigen Kontrolleure weitergegeben worden seien. Die Deutsche Bahn hat im Anschluss an das Unglück Millionen Betonschwellen ausgetauscht. Hayali fragt, wie viele marode Schwellen noch in der Erde liegen - Zahlen dazu erhält sie nicht. 

Lokführer: Fühle mich in manchen Momenten überhaupt nicht wohl

Ein anonym bleibender Lokführer berichtet in dem Film, dass er auch nach dem Unfall auf seine internen Hinweise zu möglichen Problemstellen kaum Rückmeldung erhalte. Ob die gemeldete Stelle ausgebessert wurde oder nicht, wisse er bei der nächsten Drüberfahrt nicht. „Es gibt tatsächlich auch Momente, in denen ich mich überhaupt nicht wohlfühle“, sagt der Mann.

Ende Januar dieses Jahres wurden im Zusammenhang mit dem Zugunglück in Oberbayern zwei angeklagte Bahnmitarbeiter freigesprochen. Bewegend sind die Szenen, in denen Hayali mit einem Witwer spricht, dessen Frau bei dem Unfall ums Leben kam. Groll gegen den freigesprochenen Fahrdienstleiter und den Streckenverantwortlichen hege er keinen, betont der Mann. Im Prozess sei er auf einen der beiden zugegangen. „Als ich zu dem hin bin, da sind wir beide in Tränen gewesen.“ Er habe sich über den Freispruch gefreut, sagt der Witwer. Klar wird: Schuld sind nicht einzelne Personen, das Problem ist systemisch.

Digitalisierung Fehlanzeige

Das wird auch deutlich beim zweiten zentralen Thema der Doku, die schleppende Digitalisierung des deutschen Schienennetzes. Nur zwei Prozent davon seien mit dem digitalen Zugleitsystem ETCS ausgestattet, referiert Hayali. Fassungslos steht sie bei den jüngsten Sanierungsarbeiten zwischen Hamburg und Berlin an der Strecke und sieht dabei zu, wie statt digitaler Leit- und Sicherungstechnik die alte Signaltechnik wieder eingebaut wird. 

Die Moderatorin reist nach Belgien, wo bereits das gesamte Streckennetz digital ausgerüstet ist. Doch der Vergleich mit Deutschland ist etwas ungerecht: Das belgische Gleisnetz ist mit seinen 6.400 Kilometern deutlich kleiner. Das Steckennetz der Deutschen Bahn ist knapp 33.500 Kilometer lang. 

Doch Hayalis zentrale Frage, wieso die Digitalisierung des deutschen Schienennetzes kaum vorankommt, ist berechtigt. Die Antworten bleiben in der Doku gleichwohl vage. Ein Grund sei, dass zunächst die Züge mit der Technik ausgerüstet werden sollten, die Politik dafür aber kein Geld bereitgestellt habe. Klare Verantwortlichkeiten bleiben auch hier aus. 

Schlechter kann es nicht werden

Der CDU-Abgeordnete Michael Donth muss sich gegen Ende des Films noch der Frage stellen, wieso die Union, die seit vielen Jahren das Verkehrsministerium führt (mit kurzer Unterbrechung in der vorherigen Legislaturperiode), das Schienennetz in Deutschland so habe verkommen lassen. Eine überzeugende Antwort darauf hat er nicht. 

„Gäbe es einen Masterplan, würde man Geld in die Hand nehmen und wirklich richtig Gas geben, dann ist das schon möglich - auch in Deutschland“, sagt Hayali zum Abschluss. Wie genau ein solcher Plan aussehen müsste, bleibt jedoch offen. Und so bleibt vor allem der Wunsch der Bahnchefin: „Dass wir in Deutschland wieder stolz sind auf unsere Bahn und dass die Pünktlichkeit in einigen Jahren deutlich besser ist als das, was wir heute sehen.“ Hayalis Kommentar: „Viel schlechter kann es ja auch nicht mehr werden.“

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