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Weniger Dünger, gleiche Ernte? Nitratstreit spitzt sich zu

Strengere Regeln, steigende Preise und belastetes Grundwasser: Für Bauern im Osten wird Düngen zur Gratwanderung. Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht.

Von Daniel Josling und Ann-Kristin Wenzel, dpa

09.04.2026

Weniger Stickstoff soll Gewässer schützen - kann aber Erträge mindern. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Weniger Stickstoff soll Gewässer schützen - kann aber Erträge mindern. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Dünger wird teurer, die Auflagen strenger - und gleichzeitig bleibt das Nitrat im Grundwasser vielerorts ein Problem. Für Landwirtinnen und Landwirte in Sachsen und Sachsen-Anhalt spitzt sich damit ein Konflikt zu: Weniger düngen für Umwelt und Wasser - oder genug düngen für Ertrag und Einkommen?

Mitten in dieser Debatte läuft bis einschließlich Sonntag die Landwirtschaftsmesse Agra in Leipzig - ein Treffpunkt für Branche, Politik und Wissenschaft. Dort geht es unter anderem um neue Technik, effizientere Düngung und die Zukunft der Landwirtschaft. Doch die zentrale Frage reicht weit über die Messehallen hinaus.

Kann die Landwirtschaft gleichzeitig weniger düngen, wirtschaftlich überleben - und unabhängiger von globalen Krisen werden?

Die Ausgangslage ist widersprüchlich. Einerseits ist Stickstoff unverzichtbar für hohe Erträge. Andererseits landet ein Teil davon im Grundwasser. „Im Mittel wird mehr Stickstoff gedüngt, als durch die Pflanzen entzogen wird“, sagt der Bodenforscher Hans-Jörg Vogel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

Böden mit langem Gedächtnis

Wie es den Böden im Osten geht, zeigt ein Blick nach Sachsen-Anhalt: Dort sind laut der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau 12 von 80 Grundwasserkörper wegen Nitratbelastung in einem schlechten chemischen Zustand. Ein Viertel der Messstellen weist erhöhte Werte auf, rund ein Fünftel liegt über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Seit Jahren zeigen die Messwerte keinen klaren Rückgang.

Das liegt auch daran, dass sich Veränderungen beim Düngemitteleinsatz oft erst mit Verzögerung im Grundwasser zeigen. „Das Nitrat, das man heute misst im Grundwasser, kann zehn Jahre und älter sein“, erklärt Vogel.

Streitpunkt Düngung

Für Umweltverbände ist die Lage klar: In Sachsen gelten rund 185.000 Hektar - etwa ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche - als nitratbelastet. Hauptursache seien zu hohe Stickstoffeinträge aus der Landwirtschaft, teilt der Naturschutzbund (Nabu) mit. Die Folgen seien gravierend: überdüngte Gewässer, sinkende Artenvielfalt und steigende Kosten für die Trinkwasseraufbereitung.

Landwirtinnen und Landwirte sehen sich dagegen in einem Dilemma. Weniger Dünger bedeutet oft geringere Erträge. In besonders belasteten Gebieten komme es bei einzelnen Kulturen zu „deutlichen wirtschaftlichen Einbußen“, teilt das sächsische Landwirtschaftsministerium mit.

„Um ein ökonomisch akzeptables Ergebnis zu erzielen, muss auch etwas mehr Stickstoff gedüngt werden, als die Pflanze braucht“, erklärt UFZ-Forscher Vogel.

Die Agrarminister der Länder fordern zudem Änderungen im Düngerecht und stellen die bisherigen „roten Gebiete“ infrage.

Nitrat im Grundwasser bleibt in vielen Regionen ein Problem. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Nitrat im Grundwasser bleibt in vielen Regionen ein Problem. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Weniger düngen - aber wie?

Ganz eindeutig ist die Rechnung nicht. Messungen zeigen, dass zusätzliche Stickstoffeinträge aus der Luft höher sein können als angenommen. Teilweise könne man daher „mit der Düngung etwas zurückgehen, ohne die Erträge wirklich stark zu reduzieren“, so Vogel.

Wird zu wenig gedüngt, droht Humusabbau und damit langfristig eine Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit.

Zwischenfrüchte können überschüssigen Stickstoff im Boden halten. „Die halten diesen Stickstoff im System, und der wird nicht ausgewaschen“, betont Vogel. Nachhaltige Bewirtschaftung müsse stärker gefördert werden, damit sich umweltschonendes Wirtschaften auch rechnet.

Dennoch sieht der Forscher ein grundlegendes Problem: „Es wird zu viel auf rein mineralische Düngung gesetzt.“ Stattdessen brauche es stärker geschlossene Nährstoffkreisläufe - etwa durch organische Dünger.

Preise, Krisen - und neue Abhängigkeiten

Zusätzlich verschärft sich die Lage durch geopolitische Entwicklungen. Der Konflikt im Nahen Osten belastet Lieferketten und treibt Energiepreise - entscheidend für die Produktion von Düngemitteln.

Für viele Betriebe wird das zum Risiko. Steigende Kosten treffen auf niedrige Erzeugerpreise. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen zeigt sich besorgt: Ihn beunruhige, dass Landwirte ihre Produktion drosseln könnten, um Kosten zu sparen. Würden dies viele Betriebe tun, „könnte es Probleme in der Lebensmittelversorgung“ geben.

Christophe Hansen ist seit 2024 der Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung der Europäischen Kommission.Katharina Kausche/dpa

Christophe Hansen ist seit 2024 der Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung der Europäischen Kommission.Katharina Kausche/dpa

© Katharina Kausche/dpa

Zugleich arbeitet die EU an Maßnahmen, um die Versorgung mit Düngemittel zu sichern und unabhängiger von Importen zu werden. Ein entsprechender Aktionsplan wird in den kommenden Monaten erwartet.

Gleichzeitig bleibt die Landwirtschaft auf mineralische Düngemittel angewiesen. In Sachsen-Anhalt betreibt der Salz- und Düngemittelhersteller K+S ein Werk in Bernburg. Nach Unternehmensangaben ist die Nachfrage seit Mitte 2025 robust und hat mit Beginn der Düngesaison nochmals angezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht verlangte zuletzt Nachbesserungen bei der Düngeverordnung.

Europa verfüge weiterhin über rund 150 Produktionsstätten für Düngemittel, sagte Hansen. Doch Preise und Verfügbarkeit würden zunehmend vom Weltmarkt bestimmt.

Ein offener Ausgang

Der Druck auf die Betriebe wächst. Sie sollen weniger düngen und gleichzeitig wirtschaftlich bleiben.

Auf der Agra in Leipzig soll darüber in den kommenden Tagen viel diskutiert werden - in Fachforen und auf Podien. Lösungen sind gefragt, einfache Antworten gibt es nicht. Ob der Spagat gelingt, entscheidet sich aber nicht auf der Messe - sondern auf den Feldern.

Präzisere Verfahren sollen den Düngemitteleinsatz effizienter machen. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Präzisere Verfahren sollen den Düngemitteleinsatz effizienter machen. (Archivbild) Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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