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Mehr als 120.000 Waschbären sorgen für Probleme in Hessen

Waschbären mögen niedlich aussehen, sind aber verheerend für die heimische Tierwelt. In Hessen breiten sie sich immer weiter aus. Wie Politik, Jäger und Naturschützer auf das Problem reagieren.

Von dpa

07.01.2026

In Hessen richten die cleveren Tiere immer mehr Schäden an. (Symbolbild)Britta Pedersen/dpa

In Hessen richten die cleveren Tiere immer mehr Schäden an. (Symbolbild)Britta Pedersen/dpa

© Britta Pedersen/dpa

Mindestens 120.000 Waschbären leben laut dem Hessischen Landwirtschafts- und Jagdministerium schätzungsweise in Hessen. Das führt vielerorts zu Problemen. Denn die aus Nordamerika stammenden Kleinbären gefährden heimische Arten. „Sie sind als invasive Art ein nicht unerheblicher und oft zusätzlicher Stressfaktor für andere Arten“, erklärte das Ministerium. „Im Herbst fressen sie reifes Obst und Insekten, im Frühjahr können dagegen auch Vogelnester sowie bedrohte Amphibien und Reptilien gefressen werden.“ 

Neben den negativen Auswirkungen auf die Natur und Artenvielfalt seien auch Schäden an der Infrastruktur möglich und kämen häufig vor. „Waschbären gewöhnen sich an den Menschen und können Dachböden und Gartenhütten bewohnen.“ Dort verursachten sie dann Schäden im Dach oder an der Isolation. „Verschmutzungen durch Ausscheidungen sind ebenfalls möglich.“

Tiere in Teilen Hessens sehr verbreitet

Die größten Dichten erreicht der Waschbär dem Ministerium zufolge in städtischen Gebieten, wo die Jagdmöglichkeiten beschränkt sind. „Waschbären sind in Nordhessen sehr verbreitet, nachdem die ersten beiden Paare 1934 am Edersee in Hessen ausgesetzt worden waren.“ Häufige Vorkommen gebe es zudem im Vogelsberg- und im Main-Kinzig-Kreis.

Auch der Landkreis Fulda schlug kürzlich Alarm. Man habe definitiv ein Waschbärproblem, erklärte die Jagdbehörde des Landkreises. Die Tiere vermehrten sich rasant und gefährdeten heimische Tierarten. Im Biosphärenreservat Rhön seien eindeutig große Schäden bei Amphibien nachzuweisen. 

Landkreis Fulda hat Jagd auf Waschbären intensiviert

Der Landkreis setzt auf intensive Bejagung der Waschbären. Im Jagdjahr 2024/2025 wurden den Angaben zufolge 2.567 Waschbären im gesamten Kreisgebiet erlegt, 2019/2020 waren es noch 1.640 gewesen. Die Waschbär-Bestände hätten so in den Kerngebieten des Vogelschutzgebietes deutlich reduziert werden können. 

Gleichzeitig hätten die Bestände besonders gefährdeter Arten wie Bekassine und Wachtelkönig einen deutlichen Aufwind erlebt. Man könne daher einen Zusammenhang zwischen der Waschbär-Bejagung und Bruterfolg annehmen.

Projekt in Kassel pausiert

In der Waschbären-Hochburg Kassel leben nach Schätzungen von Wissenschaftlern der Goethe-Universität Frankfurt zufolge mittlerweile über 100 der Tiere pro 100 Hektar. Laut den Forschern des Projektes ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) entspricht das etwa einem Waschbären pro Fußballfeld und ist eine der höchsten Raubtierdichten Europas.

Waschbären breiten sich rasant in Hessen aus und setzen heimische Arten unter Druck. (Symbolbild)Bernd Weißbrod/dpa

Waschbären breiten sich rasant in Hessen aus und setzen heimische Arten unter Druck. (Symbolbild)Bernd Weißbrod/dpa

© Bernd Weißbrod/dpa

Um die Population dort zu reduzieren, hatte der Bundesverband der Wildtierhilfen (BVW) mit Unterstützung der Stadt Anfang August ein Pilotprojekt gestartet. Dabei wollte ein Team aus Ehrenamtlichen und Tierärzten Waschbären im Stadtgebiet fangen, sterilisieren und anschließend wieder in die Freiheit entlassen. Doch nur zwei Wochen nach seinem Start musste das Projekt wegen juristischer Fragen pausieren. Seither wird es rechtlich geprüft. Das Regierungspräsidium Kassel strebt nach eigenen Angaben an, über dessen Fortgang im Frühsommer entscheiden zu können.

Landesregierung plant Schonzeit aufzuheben

Die schwarz-rote Landesregierung will den Problembären an den Pelz. Rechtzeitig zum Beginn des nächsten Jagdjahres am 1. April soll in Hessen die Schonzeit für Waschbären unter Berücksichtigung des Elterntierschutzes aufgehoben werden. Derzeit gilt sie für erwachsene Tiere von März bis Ende Juni.

Die ganzjährige Jagdzeit ist auch eine der zentralen Forderungen des Landejagdverbands Hessen. Sie ermögliche ein flexibleres Eingreifen und unterstütze den Schutz bedrohter Amphibien und Bodenbrüter, sagte Pressesprecher Markus Stifter. 

„In den vergangenen Jahren mussten Artenschutzprojekte auf Ausnahmegenehmigungen zurückgreifen, um beispielsweise während der Laichzeit den Fraßdruck auf bedrohte Amphibienpopulationen zu verringern“, erklärte er. Mit der ganzjährigen Jagdzeit entfielen diese bürokratischen Hürden und die im Ehrenamt tätigen Artenschützer könnten ihr Engagement direkt in die Schutzmaßnahmen investieren.

Jäger fordern Bekenntnis zur Fangjagd

Die jagdliche Regulierung von Waschbären und anderen invasiven, gebietsfremden Arten sollte zudem nicht allein Aufgabe der privaten Jägerschaft sein, forderte Spitzer. „Dementsprechend sollte die Regulierung auch in den Schutzgebietsmanagementplänen berücksichtigt werden.“ Im Sinne einer nachhaltigen Bejagung sei es kontraproduktiv, wenn Waschbären und andere Prädatoren in Schutzgebieten nicht bejagt werden dürften und sich diese Gebiete als Rückzugsorte entwickelten, aus denen die Beutegreifer anschließend wieder in naturschutzfachlich sensible Bereiche oder Siedlungsgebiete einwanderten.

„Eine weitere Forderung ist ein klares Bekenntnis zur Fangjagd mit Lebendfanggeräten sowie zur Zulässigkeit elektronischer Fangmelder als Kontrollinstrument“, erklärte Stifter. „Wenn die Fangjagd in Schutzgebieten oder in Kulissen zum Schutz bestimmter Arten durchgeführt wird, halten wir es für angemessen, dass die Anschaffung von Fanggeräten und Fangmeldern auch aus öffentlichen Mitteln unterstützt wird“, erläuterte er. Andernfalls würden sowohl der erhebliche Zeitaufwand als auch die finanziellen Belastungen vollständig bei den Jägerinnen und Jägern liegen.

Nabu: Jagd löst Problem nicht

Der Naturschutzbund Hessen sieht die Jagd auf Waschbären kritisch, da sie die Bestände nicht regulieren könne. Der Nabu wende sich zwar nicht gegen die geplante Aufhebung der Schonzeit für Waschbären, da von ihnen eine Gefahr für heimische Tierarten ausgehen kann, sagte Mark Harthun, Geschäftsführer Naturschutz des Nabu Hessen. „Der Waschbär ist in manchen Bereichen ein Problem als Prädator von geschützten, seltenen Arten. Lokal kann eine Bekämpfung daher sinnvoll sein – wenngleich sie sehr aufwendig ist.“

Eine noch weitergehende Ausweitung der Jagd auf Waschbären mit der Finanzierung aus Steuermitteln halte der Nabu hingegen nicht für sinnvoll. „Es werden bereits rund 40.000 Waschbären pro Jahr in Hessen gejagt und trotzdem ist es allenfalls lokal möglich, die Probleme mit dem Waschbären in den Griff zu bekommen.“ 

Geld besser in Schutz bedrohter Arten investieren

Die immer weniger vorhandenen öffentlichen Gelder sollten besser in die Renaturierung von naturnahen Lebensräumen investiert werden, um so bedrohten Arten zu helfen und ihre Populationen zu vergrößern und so Verluste durch Waschbären auszugleichen, erklärte Harthun. „Als Naturschutzverband steht für uns immer der Schutz von Arten und die Lebensraumverbesserung der Arten im Vordergrund, nicht die Bekämpfung von Feinden.“

Wegen der leichteren Futterverfügbarkeit halte sich der Waschbär gern im Siedlungsbereich auf. „Daher sollte vor allem hier dafür geworben werden, die Verfügbarkeit von Futter einzuschränken.“ Dazu sollte etwa Müll nicht zugänglich sein, Komposthaufen sollten abgedeckt werden.

Mehr als 120.000 Waschbären machen Hessens Städten zu schaffen. (Symbolbild)Sebastian Willnow/dpa

Mehr als 120.000 Waschbären machen Hessens Städten zu schaffen. (Symbolbild)Sebastian Willnow/dpa

© Sebastian Willnow/dpa

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