Panorama

Große Rückkehr: So kommen die Kleinwagen wieder

Bis vor kurzem galten Kleinwagen noch als Auslauf-Modell. Doch mit dem Druck zur Elektrifizierung wächst wieder das Angebot. Aber für wen taugen die neuen Stadtflitzer?

Von Thomas Geiger, dpa

29.04.2026

Urbane Mobilität: Der neue Renault Twingo erinnert optisch ein wenig an die Ikone der 90er Jahre - jetzt mit vier Türen. Renault SAS/dpa-tmn

Urbane Mobilität: Der neue Renault Twingo erinnert optisch ein wenig an die Ikone der 90er Jahre - jetzt mit vier Türen. Renault SAS/dpa-tmn

© Renault SAS/dpa-tmn

München/Wolfsburg (dpa/tmn)- Er war über Jahre hinweg eines der meistverkauften Autos in Europa – und ist mittlerweile Geschichte: Das Ende des Ford Fiesta im Jahr 2023 steht sinnbildlich für den Niedergang des Kleinwagens. Zumindest mit konventionellen Antrieben sind der Aufwand für die Einhaltung der Abgasnormen und hoch und die Rendite zu gering, als dass sich die Hersteller hier noch groß engagieren würden, erklärt der Strategieberater Berylls in München die Misere.

Seit Jahren ein fester Bestandteil der Renault-Flotte: Der Clio.Renault SAS/dpa-tmn

Seit Jahren ein fester Bestandteil der Renault-Flotte: Der Clio.Renault SAS/dpa-tmn

© Renault SAS/dpa-tmn

Zwar waren nur die wenigsten so konsequent wie Ford und haben solche Modelle gleich ganz gestrichen. Doch abgesehen von dem in diesem Winter gestarteten Renault Clio hat es in dieser Klasse auch lange keine echten Neuheiten mehr zu sehen gegeben. Hier mal ein Facelift wie beim Toyota AygoX, dort ein bisschen frische Schminke wie beim Kia Picanto und sonst einfach laufenlassen.

Oft der einzig erschwingliche Einstieg in die Welt der Neuwagen

Dabei sind Kleinwagen ein Segment, das mehr denn je viele Kunden anspricht, sagt Robin Hornig, Chefredakteur der „Auto Bild“. „Ein Kleinwagen lohnt sich vor allem für Menschen, die einen bezahlbaren Neuwagen suchen.“ Weil Neuwagen insgesamt deutlich teurer geworden sind, sei dieses Segment für viele der realistische Einstieg in ein fabrikneues Auto – mit deutlichen Vorteilen gegenüber einem womöglich größeren Gebrauchten fürs gleiche Geld: „Man bekommt moderne Sicherheitssysteme, aktuelle Technik und für die ersten Jahre Planungssicherheit bei Wartung und Reparaturen“, so der Chef der Fachzeitschrift.

Bei Sicherheit und Assistenzen sind die Kleinen ganz groß

Einschränkungen sind dabei kaum mehr zu befürchten. Während das Design eine Frage des Geschmacks ist und Ausstattung und Ambiente letztlich vom Budget bestimmt werden, sind die Kleinen heute bei Sicherheit und Assistenzsystemen nahezu gleichauf mit deutlich größeren Modellen, weil sie nur so die Vorgaben der Behörden und der Prüfinstitutionen wie EuroNCAP erfüllen: „Die Bandbreite ist heute größer denn je“, sagt Horning.

Schon fast an der Grenze zum Kompaktwagen: Der Dacia Sandero.Dacia/Renault SAS/dpa-tmn

Schon fast an der Grenze zum Kompaktwagen: Der Dacia Sandero.Dacia/Renault SAS/dpa-tmn

© Dacia/Renault SAS/dpa-tmn

Es gibt einfache, funktionale Einstiegsmodelle wie den Dacia Sandero, der als billigstes Auto im Land bei 12.790 Euro startet, und es gibt Luxus und Lifestyle wie einen Mini, der in der Top-Ausstattung schon mal an die 50.000 Euro kommt. „Dafür bieten viele Kleinwagen heute Komfort, Assistenzsysteme und Platz, der früher der Kompaktklasse vorbehalten war“, beschreibt Hornig den Aufstieg des Segments: „Besonders bei Elektroautos verschwimmen die Grenzen.“

Die Kleinen kehren zurück - diesmal elektrisch

Und genau da tut sich gerade besonders viel: Denn während konventionelle Kleinwagen zumindest in Europa offenbar zur bedrohten Art werden, kommen sie als Elektroauto in diesen Tagen groß heraus. „Zwar machen es die teuren Akkus nicht eben leichter, mit kleinem Autos Geld zu verdienen“, dämpfen die Berylls-Experten die Euphorie. Doch um ihre CO2-Ziele zu erreichen und die Elektrifizierung in die Breite zu tragen, hätten die Hersteller eine Menge neuer Modelle entwickelt. Und weil sie die auf mehrere Marken verteilen und so auf größere Stückzahlen kommen, hoffen sie auf sogenannte Skaleneffekte, sinkende Kosten und entsprechende Erträge.

Auch der Polo soll bald auferstehen - als ID.Polo mit Elektroantrieb.Volkswagen AG/dpa-tmn

Auch der Polo soll bald auferstehen - als ID.Polo mit Elektroantrieb.Volkswagen AG/dpa-tmn

© Volkswagen AG/dpa-tmn

„Es ist wichtig, dass gerade europäische Hersteller wieder stärker auf kleine und bezahlbare Modelle setzen – und nicht nur auf große Fahrzeuge mit teurer Ausstattung und hohen Margen“, sagt Hornig. „Das Kleinwagensegment ist entscheidend, um breite Kundengruppen zu erreichen. Wer hier kein attraktives Angebot hat, verliert Marktanteile – gerade an Wettbewerber aus China, die gezielt mit günstigeren Modellen antreten.“

Ein kleines Wolfsburger Quartett

Bestes Beispiel für dieses neue Engagement ist der VW-Konzern, der gerade eine große Kleinwagen-Offensive losgetreten und dafür extra seinen Modularen Elektrobaukasten (MEB) umkonstruiert hat. Der Wechsel von Heck- auf Frontantrieb, neue Motoren und kleinere Akkus drücken den Einstiegspreis auf 24.990 Euro. So viel soll nach Angaben des Herstellers der 4,05 Meter lange ID.Polo kosten, wenn er im Sommer mit 37 oder 52 kWh für bis zu 450 Normkilometer und Motoren von 85 kW/116 PS bis 155 kW/211 PS startet.

Bei Skoda gehört das „q“ aktuell zum Namen dazu. Hier der elektrische Skoda Epiq, der ab Mai 2026 bestellbar ist. ·koda Auto/dpa-tmn

Bei Skoda gehört das „q“ aktuell zum Namen dazu. Hier der elektrische Skoda Epiq, der ab Mai 2026 bestellbar ist. ·koda Auto/dpa-tmn

© ·koda Auto/dpa-tmn

Er wird das konzerneigene neue Quartett der Zwerge anführen. In seinem Windschatten fahren der ebenfalls als konventioneller Kleinwagen gezeichnete Curpa Raval sowie die ähnlich geschnittenen City-SUV Skoda Epiq und VW ID.Cross, die sich mit etwa 4,16 Metern Länge, bis zu 475 Litern Kofferraum, noch immer über 430 Kilometern Reichweite und Preisen ab etwa 26.000 Euro bei Skoda und 28.000 Euro bei VW als voll familientauglich erweisen wollen.

Und dabei soll es nicht bleiben. VW hat ein noch kleineres und günstigeres Einstiegsmodell angekündigt, das im nächsten Jahr vermutlich als ID.Up starten soll und auf einen Zielpreis von 20.000 Euro hin entwickelt wird. Und bei Audi mehren sich die Gerüchte, dass aus dieser neuen Kleinwagenfamilie zudem ein Nachfolger des A2 entstehen könnte.

Neue Kleine kommen auch von anderen Herstellern

Auch Renault fährt gerade eine große Kleinwagen-Offensive an der Ladesäule. Die Retro-Modelle R5 und R4 sind bereits am Start, und in diesen Tagen folgt als Dritter im Bunde mit 263 Kilometern Reichweite und 60 kW/82 PS für Preise ab 19.990 Euro die Neuauflage des Twingo.

Beim elektrisch neu belebten Renault R5 wird es Freunden der klassischen Kante ganz warm ums Herz.Karim Jasper/Renault SAS/dpa-tmn

Beim elektrisch neu belebten Renault R5 wird es Freunden der klassischen Kante ganz warm ums Herz.Karim Jasper/Renault SAS/dpa-tmn

© Karim Jasper/Renault SAS/dpa-tmn

Genau wie im VW-Konzern sollen auch bei den Franzosen mehrere Marken für Masse sorgen und die Kasse füllen - das Modell führt woanders ein Doppelleben: So gibt es den R5 für Preise ab 27.990 Euro bei Nissan auch als Micra und womöglich bald auch beim Allianzpartner Mitsubishi. Und Dacia plant als elektrisches Einstiegsmodell und Nachfolger des Spring einen eigenen Ableger des Twingo. 

Damit ist es nicht genug: Bei Hyundai ist die Rede von einem Ioniq1. Selbst der Smart Fortwo, der Inbegriff des City-Zwergs, feiert unter chinesischer Flagge noch in diesem Jahr ein Comeback als #2: Genaue Daten nennen die Entwickler bisher nicht. Doch soll der Zweisitzer wieder unter drei Meter kurz werden, soll in den unteren 20.000ern starten und die Reichweite von zuletzt 130 Kilometern mindestens verdoppeln.

Kleinwagen? Ganz-Kleinwagen! Mit dem #2 soll es bei Smart auch wieder einen Ultrakompakten geben, der auch quer in die Parklück passt.Julian Bossert/smart Europe/dpa-tmn

Kleinwagen? Ganz-Kleinwagen! Mit dem #2 soll es bei Smart auch wieder einen Ultrakompakten geben, der auch quer in die Parklück passt.Julian Bossert/smart Europe/dpa-tmn

© Julian Bossert/smart Europe/dpa-tmn

Und wenn noch jemand zweifelt an der großen Zukunft für kleine Autos, dann lohnt vielleicht ein Blick nach Köln. Denn bei Ford laufen gerade die Vorbereitungen für die elektrische Wiedergeburt des Fiesta.

Sieht flott aus, ist klein, fährt elektrisch: Der Cupra Raval.Cupra/dpa-tmn

Sieht flott aus, ist klein, fährt elektrisch: Der Cupra Raval.Cupra/dpa-tmn

© Cupra/dpa-tmn

Noch ist er nur eine seriennahe Studie, doch der ID.Cross von VW könnte bald das elektrische Pendant zu hochbeinigen Kleinwagen sein.Martin Meiners/Volkswagen AG/dpa-tmn

Noch ist er nur eine seriennahe Studie, doch der ID.Cross von VW könnte bald das elektrische Pendant zu hochbeinigen Kleinwagen sein.Martin Meiners/Volkswagen AG/dpa-tmn

© Martin Meiners/Volkswagen AG/dpa-tmn

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