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„Zweitzeugen“ sollen Erinnerung an Holocaust bewahren

Die Zahl der Holocaust-Überlebenden wird immer kleiner. Verschiedene Organisationen versuchen, die Botschaft der Zeitzeugen lebendig zu halten.

Von Nina Gross, dpa

27.01.2026

Margot Friedländer hielt bis zu ihrem Tod die Erinnerung an den Holocaust wach. (Archivbild)Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

Margot Friedländer hielt bis zu ihrem Tod die Erinnerung an den Holocaust wach. (Archivbild)Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

© Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

In den vergangenen Jahrzehnten sind sie ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur in Deutschland gewesen: Holocaust-Überlebende, die ihre Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus geteilt haben. Rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt ihre Generation langsam aus, vergangenes Jahr starb etwa Margot Friedländer. Viele Holocaust-Überlebende sind hochbetagt, können das Erlebte nicht mehr öffentlich erzählen. 

Deshalb rückt eine Frage immer mehr in den Vordergrund: Wie lässt sich Geschichte weitergeben, wenn diejenigen, die sie erlebt haben, nicht mehr selbst sprechen können?

Die Suche nach neuen Wegen des Erinnerns treibt auch das Bistum Mainz um. Seit 2001 werden dort Besuche von Zeitzeuginnen und -zeugen vor allem für Schulklassen organisiert. „Wir haben anhand von Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler bei den Zeitzeugenbesuchen festgestellt, dass eine persönliche Begegnung unheimlich wertvoll ist“, berichtet Christoph Krauß, Referent für Gerechtigkeit und Frieden im Bistum, das in Rheinland-Pfalz und Hessen liegt. Es gebe weiterhin einen Bedarf nach allgemeiner Erinnerung und einem kulturellen Gedächtnis. 

Vom Zuhörer zum Zeugen

Das Bistum pflegt nach eigenen Angaben enge Kontakte vor allem zu polnischen Zeitzeugen. Die Zahl derer, die den weiten Weg ins Bistum antreten könnten, werde aber immer kleiner. Daraus sei die Idee entstanden, ihre Geschichten etwa per Video aufzuzeichnen. Das Bistum verfüge bereits über ein großes Archiv mit Tonaufnahmen und Dokumenten von Überlebenden, sagt Krauß. Im vergangenen Jahr hat die Diözese deshalb ein „Zweitzeugen“-Projekt angestoßen, das sich an Schülerinnen und Schüler ab der neunten Klasse richten soll. 

Mit „Zweitzeugen“ sind Menschen gemeint, die den Erzählungen von Holocaust-Überlebenden zuhören, sich intensiv mit ihren Lebensgeschichten auseinandersetzen und diese weitertragen.

„“Zweitzeugenberichte“ speisen sich oft aus persönlichen Begegnungen und biografischem Material“, erläutert Krauß, der die Planung verantwortet. Das Projekt werde aktuell mit den Biografien noch lebender Menschen gestaltet, denn die könne man fragen, was erzählt werden könne und was nicht.

„Zweitzeugen“ bewahren Erinnerung

Die Vermittlung bewegter Biografien von Holocaust-Überlebenden ist didaktisch anspruchsvoll. Unterstützung und Beratung hat sich das Bistum Mainz deshalb in Form von mehreren Workshops beim Verein Zweitzeugen geholt. Der Verein mit Sitz im nordrhein-westfälischen Essen versucht in schulischen und außerschulischen Workshops, über einen biografischen Zugang Faktenwissen über die Zeit zu vermitteln sowie zum Nachdenken, aber auch zum Handeln anzuregen.

„Wir versuchen, eine Brücke zu bauen von den Holocaust-Erinnerungen zur Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen“, erklärt Lena Vogel, verantwortlich für den Bereich Erwachsenenbildung und Internationales im Verein, die Methode. „Wir wollen vermitteln, was für eine Person war der Zeitzeuge, welche Charakteristika hatte er? Um die Biografien herum nutzen wir didaktische Methoden, die das Ganze einrahmen.“

Dazu erzählen Projektmitarbeitende die Biografien, lassen die Zeitzeugen laut Vogel aber auch selbst sprechen - durch den Einsatz von Audiointerviews. Das Projekt solle es schaffen, Geschichte, die in der Schule für die jungen Menschen recht abstrakt sei, greifbarer zu machen. 

„Aura der Unmittelbarkeit“

Wenn Zeitzeugen Geschichte mündlich erzählen, kennt die Geschichtswissenschaft das als Methode der „Oral History“ (deutsch: mündliche Geschichte). Die Erzählungen der „Zweitzeugen“ seien trotzdem von denen aus erster Hand zu unterscheiden, sagt Dirk Belda vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main. Dort beschäftigt sich der Didaktiker, der zudem als Geschichtslehrer arbeitet, unter anderem mit der Erinnerung und Vermittlung der Geschichte von Holocaust und Nationalsozialismus im schulischen Kontext. 

„Eine Person, die in einem Konzentrationslager war, hat eine Aura der Unmittelbarkeit, wenn sie von ihren Erinnerungen berichtet. Deswegen sind Zeitzeugen in der Vermittlung so wichtig“, erklärt Belda. Persönliche Begegnungen hätten eine große Nachhaltigkeit, an die man sich auch später noch erinnere. Ehrenamtliche oder auch Nachfahren von Überlebenden, die deren Erinnerungen weitererzählten, seien streng genommen keine Zeitzeugen. Gegenwartsbezüge und die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen, gingen verloren. 

Was geht verloren, wenn Zeitzeugen fehlen?

Belda sieht die „Zweitzeugen“ dennoch als Chance, Erinnerungen zu bewahren. Die Stimmen der Holocaust-Überlebenden fehlten der Gesellschaft nach ihrem Tod als gesellschaftliche Akteure in den Diskursen. „Sie dienten in der Vergangenheit als moralische Autoritäten und waren starke Stimmen für Demokratie und Pluralismus.“ Ohne sie bestehe möglicherweise die Gefahr, dass für viele Menschen der Zugang zum Thema Holocaust fehle und auch die Emotionalisierung des Themas geringer sei. „Oral History“ sei da ein zusätzlicher Weg zu Geschichte.

Den Einsatz von Technik in Form von Audio- oder Videoaufnahmen in der Erinnerungsarbeit befürwortet der Pädagoge grundsätzlich. Man müsse Chancen, aber auch Grenzen von Medien als Quellen erkennen. „Zu wünschen wäre es, dass es möglichst unmittelbar und authentisch wirkt.“ 

Überlebende als Menschen, nicht nur als Opfer begreifen

Für Lena Vogel vom Verein Zweitzeugen ist die biografische Arbeit für die Bildung gegen Antisemitismus von großer Bedeutung: „Es ist ganz wichtig, dass das gesamte Leben der Zeitzeugen erzählt wird. Die Personen sollen nicht nur in ihrer Rolle als Opfer begriffen werden, sondern als Menschen.“ Um das umzusetzen, soll im „Zweitzeugen“-Projekt auch die Zeit vor und nach der Verfolgung erzählt werden. 

„Wir wollen nicht bei der Betroffenheit stehen bleiben. Wir wollen die Leute auch zu Engagement und gegen Ausgrenzung animieren“, bekräftigt Krauß vom Bistum Mainz. Das Projekt solle erstmals im April bei einem Zeitzeugenbesuch ausprobiert werden. „Wir wollen das Projekt dort den Zeitzeuginnen und -zeugen nochmals vorstellen und sie fragen, was sie davon halten.“ Für diesen besonderen Moment brauche es Fingerspitzengefühl - „denn dort wird ihnen die eigene Endlichkeit bewusst“, sagt Krauß. In der zweiten Jahreshälfte soll das „Zweitzeugen“-Projekt dann anlaufen.

Wer erinnert künftig an die Schicksale der Holocaust-Überlebenden? (Symbolbild)Christoph Soeder/dpa

Wer erinnert künftig an die Schicksale der Holocaust-Überlebenden? (Symbolbild)Christoph Soeder/dpa

© Christoph Soeder/dpa

„Zweitzeugen“ sollen sprechen, wenn es Zeitzeugen nicht mehr können. (Symbolbild)Paul Zinken/dpa

„Zweitzeugen“ sollen sprechen, wenn es Zeitzeugen nicht mehr können. (Symbolbild)Paul Zinken/dpa

© Paul Zinken/dpa

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