Musik weckt Erinnerungen – Demenzkranke blühen auf
Mehr als 100.000 Menschen in Sachsen sind an Demenz erkrankt. Wenn die Erinnerungen verblassen, kann Musik wie Balsam für Betroffene sein. Darauf setzt nicht nur die Robert-Schumann-Philharmonie.
Mit einer Streicherbesetzung spielt die Robert-Schumann-Philharmonie in Chemnitz für ein Sonderkonzert auf. (Symbolbild)Marcus Brandt/dpa
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Wenn die Streicher der Robert-Schumann-Philharmonie am Freitagnachmittag aufspielen, setzen sie auf bekannte Melodien: Mozarts kleine Nachtmusik etwa oder Lieder wie „Alle Vögel sind schon da“. Anders als in einem herkömmlichen Konzert ist Mitsingen und Mitsummen bei den Liedern ausdrücklich erwünscht. Denn das Sonderkonzert richtet sich speziell an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. In lockerer Atmosphäre sollen sie dem Alltag entfliehen. Dazu wird auch Kaffee und Kuchen gereicht.
Mit solchen Konzertformaten hat der Chemnitzer Generalmusikdirektor Benjamin Reiners Erfahrung aus seiner früheren Arbeit in Kiel. Dabei gab es für ihn oft Gänsehaut-Momente, wie er erzählt. Etwa als sich ein Paar im Konzert liebevoll an die Hand nahm. „Da war auf einmal wieder große Nähe und Verbundenheit zwischen ihnen zu spüren.“ Berührend seien die Konzerte sowohl für die Betroffenen und ihre Angehörigen, als auch für die Musiker. „Es sind besondere Momente, zu sehen, was Musik auslösen kann, wie Erinnerungen und Persönlichkeit wiederkommen.“ Dabei zeige sich eindrucksvoll die Kraft der Musik und wie unmittelbar sie Menschen erreiche.
Der Generalmusikdirektor des Theaters Chemnitz, Benjamin Reiners, hat bei Konzerten für Menschen mit Demenz ganz besondere „Gänsehaut-Momente“ erlebt. (Archivbild)Hendrik Schmidt/dpa
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Mehr als 100.000 Menschen in Sachsen an Demenz erkrankt
In Deutschland leben laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft mehr als 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, in Sachsen sind es etwa 104.000 im Alter von über 65 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken steigt mit zunehmendem Alter. Weil die Gesellschaft älter wird, nimmt auch der Anteil von Menschen mit Demenz zu. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist er den Angaben zufolge bundesweit am höchsten.
Eine Demenzerkrankung beginnt schleichend und verändert das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen enorm. Dabei nehmen die geistigen Fähigkeiten ab: Erkrankte haben Probleme, sich zu orientieren, Gesprächen zu folgen, das Überführen von Inhalten aus dem Kurz- in das Langzeitgedächtnis ist gestört; es kommt zu Verhaltens- und Stimmungsänderungen und sie ziehen sich von sozialen Aktivitäten zurück.
Die Ursache seien Abbauprozesse in verschiedenen Hirnarealen, erklärt Mirko Wegscheider, Oberarzt an der Klinik für Neurologie am Klinikum Chemnitz. Die Alzheimer-Krankheit als häufigste Form der Demenz betreffe in den frühen Stadien andere Bereiche des Gehirns als das „Musikgedächtnis“. Vor allem aktives Musizieren wie Singen und das Spielen eines Instruments, aber auch passives Musikhören stimulierten motorische, sprachliche und emotionale Areale im Gehirn. Dadurch könnten auch bei einer Demenz vereinzelt neue Verknüpfungen im Gehirn hergestellt oder bestehende Netzwerkverbindungen verstärkt werden, so der Experte.
Musik weckt Emotionen und Erinnerungen
„Die positiven Effekte von Musik sind gut nachweisbar“, ergänzt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik, Thomas Barth. Das beobachte er regelmäßig bei seinen Patienten. „Die Verbesserungen durch Musiktherapie sind denen von Medikamenten ebenbürtig.“ Denn bisher könne die Medizin die Erkrankung nicht stoppen, sondern nur ihre Symptome behandeln. Die Musik schaffe es, trotz des Gedächtnisverlustes durch Demenz Emotionen und Erinnerungen zu wecken, helfe Patienten, ruhiger zu werden und besser zu schlafen. Das werde auch durch Studien belegt.
Das Sonderkonzert „Raum für Resonanz“ der Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie richtet sich speziell an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen (Symbolbild) Hendrik Schmidt/dpa
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Ein Konzertbesuch könne darüber hinaus eine Abwechslung im oftmals durch Pflege belasteten Alltagstrott bringen. „Manche Patienten drängeln sich regelrecht danach“, erklärt Barth. „Selbst schwer Demenzerkrankte kommen da zur Ruhe, bekommen Stimulation und es kommt für den Moment wieder mehr Leben in sie.“ Zudem könnten Betroffene auf diese Weise wieder etwas am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Angebote wie das Sonderkonzert in Chemnitz gibt es auch andernorts in Sachsen. Die Oper Leipzig bietet seit 2018 unter dem Titel „In mir singt ein Lied“ Musikangebote für Menschen mit Demenz. Dabei sitzen die Besucher im Konzertfoyer des Opernhauses in einem großen Kreis und singen gemeinsam mit Klavierbegleitung etwa Operettenarien, Schlager oder Volkslieder.
Wenn der Geliebte Mensch trotz Demenz wieder auflebt
„Die Nachfrage ist ungebremst hoch, die Termine immer sehr schnell ausgebucht“, sagt Opern-Sprecherin Gudula Kienemund. Die Resonanz sei ergreifend. Sie habe dabei persönlich miterlebt, „wie Menschen zu lächeln und sogar tanzen beginnen, die sonst völlig in einer unbekannten Welt verloren scheinen“. Auch für die Angehörigen sei es eine zutiefst emotionale Erfahrung zu sehen, wie ihre demenzkranken Lieben aufleben.
Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat dagegen bisher kein solches Angebot in petto. „In den letzten Jahren gab es für die Staatskapelle nicht die Möglichkeit, Erfahrungen mit Musikangeboten für Menschen mit Demenz in Sachsen zu sammeln“, erläutert eine Sprecherin auf Anfrage. „Es klingt nach einer sehr bereichernden geragogischen Vermittlungsarbeit!“
Seit 2018 lädt die Oper Leipzig unter dem Titel „In mir singt ein Lied“ zu Konzerten speziell für Menschen mit Demenz (Symbolbild)Jan Woitas/dpa
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Für das Sonderkonzert in Chemnitz verlassen die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie ihre angestammten Räume und laden in die Universitätsbibliothek. Auch sonst ist einiges anders. Die Stücke werden in Ausschnitten gespielt und das Konzert sei auf eine Stunde begrenzt, um die Besucher nicht zu überfordern, wie Dramaturgin Friederike Pank erläutert. Ab einer Stunde vor Beginn können sie sich mit dem Ort vertraut machen und mit Musikern ins Gespräch kommen. Die Sitzplätze seien locker angeordnet und es gebe jederzeit die Möglichkeit, den Raum zu verlassen. „Wenn jemand mitklatscht oder aufsteht und tanzt, ist das kein Problem.“
Angemeldet hätten sich neben Gruppen auch Paare und Familien mit Kindern und Enkeln. Und schon jetzt sind sich Pank und Reiners sicher: Auch in der nächsten Spielzeit soll das neue Format fortgesetzt werden.