Der schwierige Weg zur Wahrheit - ein Jahr Block-Prozess
Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht Hamburg der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. Was 63 Verhandlungstage später weiterhin offen ist.
Christina Block soll die Entführung ihrer eigenen Kinder beauftragt haben.Marcus Brandt/Pool dpa/dpa
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Wer hat den Auftrag zur Entführung der Kinder der Unternehmerin Christina Block gegeben? Die Mutter selbst, der Anwalt der Familie, eine ganz andere Person oder handelten die Täter gar auf eigene Faust? Seit einem Jahr versucht das Landgericht Hamburg die Ereignisse in der Silvesternacht 2023/24 in Dänemark juristisch aufzuarbeiten.
63 Prozessetage sind vergangen. Dutzende Zeugen wurden befragt. Verteidiger und Nebenklage stellten unzählige Anträge. Sechs der sieben Angeklagten weisen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück. Der Vorwurf der Lüge wurde von unterschiedlichen Seiten schon mehrmals erhoben. Weiterhin ist unklar: Wer sagt die Wahrheit?
Was steht noch aus, bis ein Urteil fällt?
Nach mehr als zwei Wochen Pause soll der Prozess am 27. Juli fortgesetzt werden. Mit Spannung erwartet wird das Gutachten der forensisch-jugendpsychiatrischen Sachverständigen. Es soll klären, wie stark die Folgen der Entführung für die seelische Entwicklung der Kinder sind.
Blocks Lebensgefährte Delling steht wegen Beihilfe vor Gericht.Marcus Brandt/dpa
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Im August sind dann noch einmal sechs Verhandlungstage für die Befragung der Hauptermittlerin der Hamburger Polizei reserviert. Verteidigung und Staatsanwaltschaft könnten jederzeit neue Anträge stellen. Insgesamt hat die Kammer rund 100 Prozesstage bis Jahresende angesetzt. Ob sie alle gebraucht werden, ist offen.
Wer sind die Angeklagten?
Es gibt in dem Prozess insgesamt sieben Angeklagte. Christina Block (53), der langjährige Anwalt der Familie, Andreas Costard (64), und ein 36-jähriger Israeli sind die Hauptangeklagten. Block und Costard wird vorgeworfen, der israelischen Sicherheitsfirma Cyber Cupola den Auftrag zur Entführung der Kinder vom Wohnort des Vaters in Dänemark erteilt zu haben.
Isabel Hildebrandt ist die Vorsitzende Richterin in dem Prozess.Marcus Brandt/dpa Pool/dpa
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Vier weitere Angeklagte - Blocks Lebensgefährte, der Ex-Sportmoderator Gerhard Delling, sowie ein deutscher Sicherheitsunternehmer und ein Ehepaar - stehen wegen Beihilfe vor Gericht. Bis auf den Israeli bestreiten alle Angeklagten, etwas Unrechtes getan zu haben. Für alle Beschuldigten in dem spektakulären Fall gilt die Unschuldsvermutung.
Welche Erkenntnisse brachte die Verhandlung über die Tatnacht?
Mehrere Männer sollen dem Vater und den Kindern in Süddänemark aufgelauert haben, während sie an ihrem Wohnort Gråsten (Gravenstein) das Feuerwerk beobachteten. Die Täter schlugen nach Angaben der Anklage Blocks Ex-Mann Stephan Hensel zusammen und zerrten den Jungen und das Mädchen (damals 10 und 13), die sich wehrten, in ein Auto.
Der Zehnjährige trug einen Alarmknopf der dänischen Polizei, der Tonaufnahmen ermöglichte. Unterdrückte Schreie, Wimmern und Keuchen sowie Männerstimmen waren zu hören. Das Abspielen im Gerichtssaal war ein sehr bedrückender Moment.
Laut Staatsanwaltschaft sollen die Entführer die Fahrzeuge in der Nähe der Grenze gewechselt haben. Dabei verschlossen sie den Kindern mit Klebeband den Mund. Die Tochter sei an den Händen gefesselt worden. Mit einem Wohnmobil fuhr die Gruppe demnach weiter nach Baden-Württemberg. Dort blieben die Kinder bis zum Eintreffen der Mutter am 1. Januar 2024, dann ging es weiter nach Hamburg.
Wie konnte es so weit kommen?
Nach der Trennung des Ehepaares Block/Hensel lebten die vier Kinder erst bei der Mutter in Hamburg. Der Vater lernte eine neue Frau kennen. Die Kinder aus erster Ehe besuchten Hensel regelmäßig in Dänemark.
Die Ex-Eheleute Block/Hensel stritten jahrelang erbittert um das Sorgerecht.Marcus Brandt/dpa
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Im Sommer 2021 kam es zum Streit zwischen der Mutter und ihrer ältesten Tochter. Die Teenagerin wollte daraufhin lieber beim Vater wohnen und bekam dafür die Erlaubnis der Mutter. Nur wenige Wochen später fuhr der Ex-Mann die beiden jüngsten Kinder nach einem Wochenendbesuch nicht wie vereinbart zurück nach Hamburg. Der Kontakt der Mutter zu dem Jungen und dem Mädchen brach ab. Gegen Hensel läuft seither ein Verfahren wegen Kindesentziehung, seiner neuen Ehefrau wird Beihilfe vorgeworfen. Die zweitälteste Tochter lebt weiter bei der Mutter in Hamburg.
Wie verlief der Sorgerechtsstreit?
Block kämpfte jahrelang juristisch, bekam in Deutschland das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen. Doch im Februar 2023 entschied ein dänisches Gericht, dass der Junge und das Mädchen zwar widerrechtlich nach Dänemark gebracht worden seien, sie aber nicht zurückgeführt werden könnten.
Christina Block mit ihren beiden Verteidigern.Marcus Brandt/dpa-POOL/dpa
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Im Prozess nahmen unterschiedliche Detektive auf dem Zeugenstuhl Platz, die ihrer Aussage zufolge für Familie Block Informationen über die Kinder im Sorgerechtsstreit sammeln sollten - aber vor dem Haus in Dänemark meist schnell aufflogen. Es laufen zudem noch Ermittlungen, ob es früher schon mal einen Entführungsversuch gab.
Wenige Tage nach Neujahr 2024 entschied das Hanseatische Oberlandesgericht aufgrund seines Eilantrags, dass dem Vater die nun wieder in Deutschland befindlichen Kinder zurückgegeben werden müssen. Das geschah noch am selben Tag.
Was sagt er, was sagt sie?
Der Fall Block hat eine lange Vorgeschichte geprägt von gegenseitigen Vorwürfen, die sich nicht belegen lassen. All das wird im Gerichtssaal ausgebreitet - vor der Öffentlichkeit, begleitet von Livetickern und Podcasts.
Hensel wirft der Mutter vor, den beiden jüngsten Kindern Gewalt angetan zu haben. Deshalb hätten sie im August 2021 nicht zu ihr zurückgewollt. Er hindere seine Kinder nicht am Kontakt zur Mutter, aber sie wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Der Vater Stephan Hensel ist Nebenkläger.Marcus Brandt/Pool dpa/dpa
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Block bestreitet, dass es Gewalt gab, als der Junge und das Mädchen bei ihr lebten. Die Lüge habe sich ihr Ex-Mann nur aus Rache ausgedacht, er manipuliere die Kinder. Unter Tränen schildert sie mehrmals, wie sehr sie ihren Sohn und ihre Tochter vermisse. Die Entführung bezeichnet sie als eine „Katastrophe“. So etwas hätte sie niemals gewollt und habe von den Planungen auch nichts gewusst.
Was ist über den mutmaßlichen Chef der Kidnapper bekannt?
Mitten im Prozess meldete sich der Chef der Cyber-Sicherheitsfirma, David Barkay, und bekam sicheres Geleit, um an neun Prozesstagen auszusagen. Der 69-Jährige, selbst Vater und Großvater, hat eine schillernde Biografie: Er war nach eigenen Angaben beim israelischen Geheimdienst, spricht mindestens vier Sprachen und studierte unterschiedliche Fächer an renommierten Universitäten in England, Frankreich und den USA. Er wollte mit seiner Firma in Europa expandieren.
Das Medieninteresse am Fall Block ist riesig.Marcus Brandt/dpa
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Was hat Barkay ausgesagt?
Seine Version der Geschichte: Er sei engagiert worden, um die Familie des Ex-Mannes in Dänemark auszuspionieren und Informationen zu sammeln, die im Sorgerechtsstreit helfen sollten. Als das nicht den gewünschten Erfolg gebracht habe, sei der Druck auf ihn immer größer geworden. Die Cybersicherheit bei der Block-Gruppe sei auch Thema gewesen - allerdings nicht zu Anfang.
Familienanwalt Costard sei sein wichtigster Ansprechpartner gewesen, berichtete der Zeuge. Der habe ihm erklärt, dass eine Rückholung nach Deutschland legal sei. Gewalt sei nicht geplant gewesen. Auch der Vater von Christina Block, der Gründer der Steakhaus-Kette „Block House“, Eugen Block, sei informiert gewesen. Ihn nannte der Zeuge immer nur „Patriarch“. Christina Block sei bei einem Treffen mit maskierten Männern im Hotel Grand Elysée kurz vor der Tat dabei gewesen und habe ihnen gedankt. Die Angeklagte bestreitet, dass es dieses Treffen gab.
Die Befragung verlief zäh, in vielen Punkten blieb der Mann vage oder gab Erinnerungslücken an. Mehrere Verteidiger kritisierten Barkays Schilderungen als unglaubwürdig. Völlig durchschaubar habe er andere belastet, um sich selbst zu entlasten, lautete ihr Vorwurf.
Waren die mutmaßlichen Entführer Profis?
Ein Verteidiger bezeichnete das Team als „zusammengewürfelter Haufen“. Die Männer waren Bauingenieur, Projektmanager oder Model. In ihren Zeugenaussagen wurde klar: Sie alle glaubten nach eigenen Worten an eine Rettungsaktion, fühlten sich als Helden.
Im Team war auch eine Frau, die sich in Hamburg „Olga“ nannte, und laut Anklage die „rechte Hand“ von Barkay war. Sie wurde einst zur Vertrauten von Christina Block. Im Gerichtssaal bestritt die 51-Jährige, die Unternehmerin ausgenutzt zu haben. Die Zeugen aus Israel müssen zu einem späteren Zeitpunkt mit einer Anklage und einem Prozess rechnen.
Welcher der Angeklagten hat im Prozess gestanden?
Ein 36-jähriger Israeli, der als einziger Angeklagter in Untersuchungshaft sitzt, hat seine Beteiligung an der Tat eingeräumt. Allerdings sei er davon ausgegangen, die Kinder aus den Händen eines bösen Vaters befreien zu müssen. Sein Verteidiger, Sascha Böttner, sagte: „Meinem Mandanten ging es nur um die Kinder.“ Es sei von Barkay „massiver emotionaler Druck“ ausgeübt worden. Er habe dem Angeklagten das Gefühl vermittelt, dass ohne ihn die Kinder nicht gerettet werden könnten.
Was fand die Hauptermittlerin auffällig?
Die Hauptermittlungsführerin schilderte ihre Einschätzungen bereits an vier Verhandlungstagen. „Ich mache eine Rückführung, er macht eine Entführung“ - diesen Satz habe Christina Block am 3. Januar 2024 in Anspielung auf ihren Ex-Mann gesagt, nachdem die Polizei an ihrem Hamburger Wohnhaus geklingelt habe, sagte die Kriminalbeamtin.
Christina Block hat seit Jahren keinen Kontakt zu ihren Kindern in Dänemark.Marcus Brandt/dpa
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Verteidiger Bott wollte wissen, wie die Zeugin diesen Satz interpretiert habe. „Ich habe es so bewertet wie ein Teilgeständnis.“ Frau Block sei dafür verantwortlich, dass die Kinder wieder in Hamburg waren. Bott kritisierte, die Ermittlungen der Polizei seien zu sehr vorgeprägt gewesen von den Darstellungen des Ex-Mannes Hensel und seiner neuen Ehefrau.
Wie ist die Stimmung im Gerichtssaal?
Sehr angespannt. Anfangs war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Immer wieder musste die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt für Ruhe sorgen, weil Unterstützer verschiedener Prozessbeteiligter applaudierten oder Zwischenrufe tätigten. Inzwischen ist es deutlich leerer und ruhiger im Zuschauerbereich geworden. Fester Bestandteil sind aber weiterhin die Wortgefechte, die sich die Verteidiger, die Nebenklage und die Vorsitzende Richterin liefern. So dürfte es auch an den nächsten Prozesstagen weitergehen.