Politik Inland

Kurz als Mahner - Österreichs Ex-Kanzler wird 40

In seinen Glanzzeiten war Sebastian Kurz populär, hatte aber auch viele Gegner. Nach Ermittlungen verabschiedete er sich von der Politik. Aber nicht so ganz, wie es scheint.

Von Matthias Röder, dpa

26.08.2026

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz sagt eine noch viel restriktivere Migrationspolitik voraus.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz sagt eine noch viel restriktivere Migrationspolitik voraus.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

© Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Für einen Augenblick ist Sebastian Kurz wieder ganz in seinem alten politischen Element. Der vehemente Verfechter eines Anti-Migrations-Kurses sagt bei der Zuwanderung eine weitere Dynamik voraus: In wenigen Jahren werde es darum gehen, Flüchtlinge nicht nur an den Grenzen zurückzuweisen, sondern sie in größerem Stil nach außerhalb Europas zu bringen. „Es wird selbstverständlich sein, dass man niemand mehr hineinlassen möchte - und es wird noch wesentlich restriktiver werden“, sagt Kurz der Deutschen Presse-Agentur, ohne von Remigration sprechen zu wollen. 

Rat zu authentischem Klartext 

Generell empfiehlt der Konservative den Konservativen in Europa klare Ansagen. „Ganz oft trauen sich bürgerliche Kräfte nicht, das auszusprechen, was sie sich denken.“ Er selbst war in den mehr als drei Jahren seiner Kanzlerschaft bekannt für politische Formeln, die nicht zuletzt die Fans der Rechtspopulisten anlocken sollten - und sie tatsächlich scharenweise zu den Konservativen wechseln ließen. Kurz gewann für die ÖVP zwei Wahlen spektakulär.

Den Aufstieg der AfD sieht er durch das Verhalten der anderen Parteien und die Migrationspolitik unter Ex-Kanzlerin Angela Merkel stark begünstigt. „Durch die Politik der offenen Grenzen ist die AfD stark gewachsen. Die Ab- und Ausgrenzung durch alle anderen Parteien fördert auch noch ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der ehemalige Regierungschef. 

Zum Interview aus Anlass seines 40. Geburtstags (27.8.) sitzt Kurz in seinem Büro in Wiener Bestlage. Er ist seinem Auftreten treu geblieben: Der Slim-Fit-Anzug, das betont freundliche, unprätentiöse Zugehen auf andere Menschen, sein fokussierter Blick auf ausgewählte Themen.

Sein Unternehmen ist milliardenschwer

Der inzwischen zweifache Vater galt einst als Hoffnungsträger vieler Konservativer in Österreich, aber auch darüber hinaus. In Deutschland wurde er zeitweise als mögliches Vorbild für CDU/CSU gefeiert. Der Abschied von der Politik 2021 war nicht freiwillig. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Kurz wegen möglichen Fehlverhaltens in der „Inseraten-Affäre“ legte ihm der grüne Koalitionspartner den Rücktritt nahe.

Der Wiener begann eine zweite Karriere als Unternehmer. „Ich hatte zunächst keinen Plan“, räumt er ein. Aber nach vielen Gesprächen und Kontakten bekam er die Chance zur Mitgründung des KI-Unternehmens Dream, das seine Produkte Regierungen und Betreibern kritischer Infrastruktur anbietet. 

Von seinen ursprünglich 33 Prozent der Anteile hält er aktuell noch 15 Prozent. Das Unternehmen, das in Wien, Abu Dhabi und Tel Aviv rund 350 Mitarbeiter beschäftigt, wurde zuletzt auf drei Milliarden Dollar geschätzt. „Ich bin finanziell unabhängig“, sagt Kurz über seinen wirtschaftlichen Erfolg.

Kurz plädiert für Kampf um die besten Köpfe

Die wichtigste Frage heute sei die der Wettbewerbsfähigkeit Europas, so der ehemalige Regierungschef. Viele Menschen in Deutschland und Österreich seien sich nicht bewusst, wie dramatisch ihr Wohlstand in einer von KI bestimmten Welt bedroht sei, sagt der Mitinhaber einer KI-Firma. Große Energieprojekte, Bildung, der Kampf um die besten Köpfe und der unbedingte Wille, zu den Gewinnern der neuen Ära zu zählen, wären aus seiner Sicht zentrale Punkte, die die Politik verkörpern müsste. „Ich habe das Gefühl, im Moment ist das Gegenteil der Fall.“

Treffen Kickl-Kurz sorgte für Aufsehen 

All diese Aussagen und Bemerkungen mache er als politischer Beobachter, eigene politische Ambitionen seien daraus nicht abzuleiten, betont der Ex-Regierungschef, der von 2017 bis zur Ibiza-Affäre 2019 an der Spitze einer Koalition von ÖVP und rechter FPÖ stand. Von 2020 bis 2021 war er Chef eines Bündnisses der Konservativen mit den Grünen. In letzterer Koalition wollte er damals „das Beste aus zwei Welten“ miteinander verbinden.

Für innenpolitisches Aufsehen sorgte zuletzt ein Treffen von Kurz mit FPÖ-Chef Herbert Kickl. Der Vorgang ist nicht ohne Brisanz. Kickl werden beste Chancen eingeräumt, bei Wahlen als deutlicher Sieger hervorzugehen. Und Kickl war unter Kurz Innenminister, der auf Druck des Kanzlers seinen Stuhl räumen musste. „Man soll das Gespräch nicht überinterpretieren. Ich treffe mich mit unterschiedlichen Politikern und Weggefährten“, sagt Kurz jetzt dazu. Es seien aber Dinge aus der Vergangenheit angesprochen worden, räumt er ein.

Ex-Kanzler sieht etwaiger Anklage gelassen entgegen

Kurz selbst steht möglicherweise noch eine Anklage ins Haus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Inseraten-Affäre. Der Verdacht: Unter Mitwissen von Kurz soll Steuergeld aus Ministerien genutzt worden sein, um politisch nützliche Umfragen und wohlwollende Medienberichterstattung zugunsten von Kurz und der ÖVP zu finanzieren. Der Beschuldigte bezeichnet das Ganze als „haarsträubendes Verfahren“. „Ich habe eines gewonnen, das Zweite werde ich noch gewinnen“, sagt Kurz mit Blick auf seinen Freispruch zum Vorwurf der Falschaussage in einem Untersuchungsausschuss.

Beim Geburtstag ist der Platz am Grill

Privat scheint bei der Familie Kurz alles im Lot. Der Ex-Kanzler ist inzwischen Vater von zwei Jungen im Alter von einem Jahr und viereinhalb Jahren. Mit dem älteren Kind gehe er bereits Bergwandern, Tennisspielen und Radfahren, erzählt Kurz, der beruflich allerdings nach eigenen Worten mehr als die Hälfte der Woche durch die Welt fliegt. Der Geburtstag ist dann ganz traditionell geplant: Auf dem Bauernhof der Familie in Niederösterreich mit Kurz am Grill.

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik ist Sebastian Kurz als Unternehmer erfolgreich.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik ist Sebastian Kurz als Unternehmer erfolgreich.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

© Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Aus Sicht von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz unterschätzen viele EU-Bürger noch die KI-Revolution.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Aus Sicht von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz unterschätzen viele EU-Bürger noch die KI-Revolution.Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

© Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz wird in Medien manchmal als Comeback-Kandidat gehandelt. Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz wird in Medien manchmal als Comeback-Kandidat gehandelt. Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

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