Warum sich Eltern oft schuldig fühlen und was dagegen hilft
Zu streng, zu wenig Zeit, zu viel Bildschirm: Viele Eltern plagen Schuldgefühle. Woher die Gefühle kommen und wie man besser damit umgeht.
Väter, aber auch Mütter, denken in solchen Momenten: „Eigentlich müsste ich mir viel mehr Zeit zum Kuscheln nehmen.“ Und schon sind die Schuldgefühle da. Anastasiya Amraeva/Westend61/dpa-tmn
© Anastasiya Amraeva/Westend61/dpa-tmn
Schon wieder laut geschimpft, das Kind zu lang vor dem Fernseher geparkt und sowieso viel zu wenig Zeit miteinander verbracht – viele Eltern kennen das Gefühl von Schuld. Dabei sind es oft nur Kleinigkeiten, wegen derer man sich grämt. Woher kommen eigentlich diese Schuldgefühle? Und wie wird man sie wieder los?
Tobias Luck, Professor für Psychologie an der Fachhochschule Erfurt, und Inke Hummel, Familienbegleiterin und pädagogischer Coach, geben Antworten.
Warum Schuldgefühle überhaupt entstehen
Schuld ist eines der unangenehmsten Gefühle überhaupt, sagt Tobias Luck. „Aber es gehört zum Menschsein dazu und hat, ähnlich wie Angst, im Kern eine gute Funktion.“ Ursprünglich sollen Schuldgefühle dabei helfen, eine soziale Gruppe zu befrieden.
„Fühle ich mich schuldig, weil ich etwas falsch gemacht habe, lerne ich daraus und tue es nicht wieder. Die Gruppe verzeiht mir und bleibt zusammen. Alleine zu sein war vor ein paar hunderttausend Jahren ein Todesurteil“, erklärt der Psychologe. Schuldgefühle helfen also dabei, uns um die wichtigen Menschen in unserem Umfeld zu kümmern: zum Beispiel die Familie.
Rund ein Drittel der Eltern hat sich laut einer Online-Befragung, die Tobias Luck durchgeführt hat, schon mal für etwas schuldig gefühlt. „Vor allem bei den Müttern ist die Zahl deutlich höher als bei den Vätern“, sagt er. Das habe unter anderem mit den erhöhten Erwartungen der Gesellschaft an die Mutterrolle zu tun, die in gegensätzliche Richtungen geht – nämlich fürsorglich und gleichzeitig karriereorientiert.
Außerdem seien es nach wie vor häufig die Mütter, die mehr Zeit mit den Kindern verbringen. „Dadurch gibt es auch mehr Gelegenheiten, sich schuldig zu fühlen, ganz im Sinne von: Wer weniger macht, macht auch weniger verkehrt“, so Luck.
Warum der Druck auf Eltern wächst
Aber warum scheint das Thema Schuld immer größer zu werden? „Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass Eltern heutzutage sehr bemüht sind, ihre Kinder auf Augenhöhe zu begleiten. Daraus ergeben sich die Fragen, welche Konflikte im Miteinander in Ordnung sind und ab wann es übergriffig wird“, sagt Inke Hummel.
Auch die Menge der Meinungen habe sich verändert. Zur Sicht der Schwiegermutter gesellen sich inzwischen Erziehungsratgeber und Social Media. „Ich habe viele gestandene Frauen gesehen, die total verunsichert sind, weil sie dieses oder jenes in einem Reel gesehen haben“, so Hummel.
Früher habe man das Korrektiv der großen Familie gehabt, heute lebe man als Kleinfamilie oft eher isoliert. „Familien schauen stärker auf Erziehungsratgeber und mediale Inhalte. Das ist grundsätzlich erst einmal gut, kann aber auch zu unrealistischen Sichtweisen führen“, sagt Tobias Luck.
Wenn Schuldgefühle zur Belastung werden
Klassischerweise hätten Eltern oft ein schlechtes Gewissen, weil sie das Gefühl haben, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Auch kleinere Fehler in Erziehungsfragen, bestimmte Lebensumstände wie Trennungen oder finanzielle Sorgen, führten laut Umfrage dazu, dass Eltern sich Vorwürfe machen. Bleibt dieses Gefühl über lange Zeit oder drückt zu schwer auf das Wohlbefinden, kann das ernste Folgen haben.
„Schuldgefühle sind selbstwertbedrohlich und können dazu führen, dass man eine negative Sicht auf sich entwickelt“, so Luck. Wer sich dauerhaft schuldig fühle, neige auch zu weiteren psychischen Problemen wie etwa Depressionen.
Wie Eltern damit umgehen können: 5 Strategien
Verunsicherten Eltern fehle es an souveräner Authentizität, sagt Inke Hummel. „Das kann dazu führen, dass auch Kinder unsicher werden und sich fragen, welche Regeln gelten und wer die Eltern eigentlich sind.“ Damit es soweit nicht kommt, gibt es verschiedene Methoden, mit Gewissensbissen umzugehen.
Strategie 1: Realistische Erwartungen durch Beratung finden
Eine Möglichkeit: Zu einer realistischen Erwartungshaltung finden. Inke Hummel rät, sich eine versierte Beratungsstelle zu suchen, die aus entwicklungspsychologischer Sicht beurteilen kann, was das Kind wirklich an Begleitung braucht und was nicht. „Da merkt man schnell, wie Kinder sich noch entwickeln und verhalten können, ohne dass wir uns Sorgen machen müssen. Und auch, wie breit unser Reaktionsverhalten sein darf.“
Strategie 2: Einordnung durch Gespräche mit Freunden
Eine ähnliche Form der Einordnung kann auch das Gespräch mit Freunden oder Bekannten sein. „Wir schauen häufig nur auf die zehn Prozent, die nicht gut sind, während 90 Prozent wunderbar läuft. Gespräche mit Anderen können dabei helfen, das Gesamtbild wieder zu sehen“, sagt Tobias Luck.
In Situationen, die man korrigieren kann, solle man das auch tun, so der Psychologe. „Es ist nie zu spät, das Gespräch zu suchen und sich zu entschuldigen. Das hilft oft beiden Seiten.“
Strategie 3: Manchmal hilft auch Verdrängung
Das bedeute aber nicht, dass jede Kleinigkeit durchgearbeitet werden müsse. In manchen Fällen helfe auch Verdrängung. „Unser Gehirn strebt danach, den eigenen Selbstwert zu erhalten. In der Rückschau vergisst man oft Dinge und kann ein Stück weit auf die Selbstheilung durch Zeit vertrauen“, so Luck.
Strategie 4: Prüfen, welche Meinung man in sein Leben lässt
Wer aktiv etwas gegen künftige Schuldgefühle tun will, dem empfiehlt Inke Hummel genau zu prüfen, welche Stimmen und Meinungen man in sein Leben lässt. „Eine Zeitung nicht mehr zu lesen geht leicht. Schwieriger wird es bei Stimmen aus der Familie“, sagt sie und rät, sich ein selbstbewusstes Standing zu erarbeiten.
Dabei könne man sich abgrenzen, ohne den anderen zu attackieren. Etwa mit Sätzen wie: „So wie du es mir sagst, verunsicherst du mich. Das möchte ich nicht.“
Strategie 5: Auf Inspiration statt Verunsicherung setzen
Grundsätzlich rät Hummel, sich eher auf Menschen und Medien zu konzentrieren, die einem Inspiration geben, statt zu verunsichern. Die eigene Blickrichtung sollte nach vorne gehen, sind sich die Experten einig. „Absolutheitsanspruch ist ein großes Problem. Wenn man nur darauf schaut, was nicht geklappt hat, kann man nur scheitern“, so Luck.