Panorama

Tessin: Zwischen Glamour, Gourmetküche und Alpenidyll

Der südlichste Kanton der Schweiz lockt mit alpiner Bodenständigkeit und italienischem Dolce Vita. Stiller Genuss und aufregender Glamour sind oft nur Minuten voneinander entfernt.

Von Bernhard Krieger, dpa

29.04.2026

Ein Gefühl wie im Dschungel: Wanderer im Val Bavona.Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

Ein Gefühl wie im Dschungel: Wanderer im Val Bavona.Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

Während in abgelegenen Tälern nur wilde Bäche und Winde in den Bäumen rauschen, knattern am Lago Maggiore Sportwagen und Motorroller durch enge Altstadtgassen. Daniel Schälli liebt beides: das Treiben am Lago und die Ruhe der Valli.

Als passionierter Radfahrer genießt der Schweizer jede freie Minute auf Touren in Seitentäler. Als Hotelier, der in seiner Karriere verschiedene Hotels in Ascona und Locarno führte, aber lebt er von den zahlungskräftigen Urlaubern.

Das schweizerische Ascona liegt am Ufer des Lago Maggiore, durch den die Grenze zu Italien verläuft.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Das schweizerische Ascona liegt am Ufer des Lago Maggiore, durch den die Grenze zu Italien verläuft.Bernhard Krieger/dpa-tmn

© Bernhard Krieger/dpa-tmn

Vor allem während der „Moon & Stars“-Konzerte im Juli und des Filmfestivals auf der Piazza Grande im August verwandeln sich die Luxushotels in Locarno und dem Nachbarort Ascona in Bühnen für Stars und Sternchen. „Während der Events hatte ich schon Hollywood-Stars wie Meg Ryan und Oscar-Preisträgerin Hillary Swank oder den italienischen Sänger Eros Ramazzotti zu Gast“, berichtet Schälli. 

Im Sommer herrscht Hochbetrieb. Voll besetzte Ausflugsdampfer bahnen vor Locarno und Ascona hupend durch lahme Tretboote und schnelle Motorjachten ihren Weg in die Nachbarorte oder zum botanischen Garten auf den Brissago-Inseln. Und selbst die ansonsten so ruhig daliegenden Tälern hoch über dem Lago Maggiore sind zu dieser Zeit mancherorts belebt. 

Instagram-Star „Ponte dei Salti“

So stauen sich im Verzasca-Tal Autos, Motorräder und Busse - der Grund ist die berühmte „Ponte dei Salti“ aus dem 17. Jahrhundert: Kühn schwingt sich die Steinbrücke über die türkisfarbene Verzasca, deren starke Strömung sich durch Granitfelsen gefressen hat. Wunderbar anzusehen, zweifelsohne.

Könnte man von Instagram kennen: die Ponte dei Salti über dem Fluss Verzasca.Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

Könnte man von Instagram kennen: die Ponte dei Salti über dem Fluss Verzasca.Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Alessio Pizzicannella/Ticino Turismo/dpa-tmn

Doch Schälli bevorzugt für seine Touren das ruhigere Valle Maggia. Auf dem Radweg strampelt er bis Bignasco und dann hoch ins enge Val Bavona, wo San Carlo am Talschluss mehr als 1.000 Meter hoch liegt. „Die Anstrengung lohnt sich, da die Natur einfach traumhaft ist“, schwärmt Schälli. Tatsächlich kommt man sich auf dem Weg zum 108 Meter hinunterstürzenden Wasserfall bei Foroglio zuweilen vor wie im Dschungel.

In Peccia passiert man die Bildhauerschule, wo jedes Jahr fünf Künstler aus der ganzen Welt sechsmonatige Stipendien erhalten. Den „Artists in Residence“ können Besucher im wahrsten Sinne über die Schulter schauen. Viele arbeiten dort mit Peccia-Marmor und Vallemaggia-Granit.

Steine, die der Tessiner Stararchitekt Mario Botta auch für seine Kirche in Mogno verwendet hat. Rund um das gestreifte Gotteshaus in Mogno und in vielen anderen Orten in den Tälern werden auch immer mehr verfallende Rustici - traditionelle Häuser im Tessin - für zivilisationsgeplagte Großstädter saniert.

Vom sterbenden Dorf zum Hotel

In Corippo im Tal der Verzasca entstand zudem das erste „Albergo diffuso“ (aufgeteiltes Hotel) des Kantons. Restaurant und Rezeption befinden sich im Haupthaus, die Zimmer in verschiedenen, sanierten Häusern. Verbunden sind sie nicht durch Hotelflure, sondern Gassen.

So kehrt Leben in verlassene Dörfer zurück, in denen bitterarme Familien noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre 8- bis 12-jährigen Söhne für ein paar Münzen als „lebende Besen“ an Kaminfeger in Norditalien verkauften.

In Corippo im Tal der Verzasca entstand das erste „Albergo diffuso“ des Kantons: Das „aufgeteilte Hotel“ verteilt sich über mehrere Häuser im Dorf.Skyscoop/Ticino Turismo/dpa-tmn

In Corippo im Tal der Verzasca entstand das erste „Albergo diffuso“ des Kantons: Das „aufgeteilte Hotel“ verteilt sich über mehrere Häuser im Dorf.Skyscoop/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Skyscoop/Ticino Turismo/dpa-tmn

An die wie Sklaven gehaltenen „Spazzacamini“, die Kaminfegerkinder, erinnert das Schornsteinfegermuseum im italienischen Santa Maria Maggiore rund 30 Kilometer westlich von Locarno. Erst durch den 1882 eröffneten Gotthard-Eisenbahntunnel und den folgenden Tourismus kamen die Tessiner zu Wohlstand.

Mercato del Gusto-Festival in Ascona 

Das Bodenständige und das Mondäne verschmelzen nirgendwo so schön wie beim jüngsten Gourmet-Festival des Tessin. Der Mercato del Gusto wird an jedem ersten Juni-Sonntag von einer Gruppe ausgerichtet, zu der neben dem Hotel „Castello del Sole“ in Ascona auch zwei Landwirtschaftsbetriebe gehören: Die Cantina alla Maggia baut im fruchtbaren Flussdelta der Maggia Wein, das Gut Terreni alla Maggia vor allem Risotto-Reis an.

Zum Mercato bieten kleine Produzenten vieles, was das Tessin für Genießer so einladend macht: Wein, Käse, Honig, Marmeladen, Pilze, Pasta, Risotto, Fisch- und Wild-Spezialitäten. Highlights aber sind die Stände der Starköche, die Gastgeber Mattias Roock einlädt.

Gastgeber beim Mercato del Gusto: Sternekoch Mattias Roock.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Gastgeber beim Mercato del Gusto: Sternekoch Mattias Roock.Bernhard Krieger/dpa-tmn

© Bernhard Krieger/dpa-tmn

Der Deutsche ist selbst Sternekoch, seine „Locanda Barbarossa“ im „Castello del Sole“ gehört zu den besten Restaurants der Südschweiz. In seinem Parademenü Sapori del nostro orto (Aromen aus unserem Garten) verwendet Roock in jedem Gang Zutaten aus seinem riesigen Obst-, Gemüse- und Kräutergarten, den er mit vielen exotischen Spezies gleich neben der Küche angelegt hat. 

Feine Küche für wenig Geld

Sternemenüs sind nicht für jedermann erschwinglich. Der Eintritt zum Mercato del Gusto dagegen ist frei und jede Probierportion mit sieben Franken für Schweizer Verhältnisse spottbillig. Die dort aufgebotenen Stars werden vom Restaurantführer Guide Michelin regelmäßig mit Sternen ausgezeichnet. „Es ist doch schön, wenn jeder es sich leisten kann, einmal Gerichte dieser Köche zu probieren“, meint Roock. 

Leckere Kreation: essbares Werk von Koch Marco Campanella.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Leckere Kreation: essbares Werk von Koch Marco Campanella.Bernhard Krieger/dpa-tmn

© Bernhard Krieger/dpa-tmn

Neben dem Zweisternekoch Marco Campanella aus dem „La Brezza“ im „Hotel Eden Roc“ in Ascona kam auch schon Dreisternekoch Andreas Caminada. Für ein Selfie mit dem Schweizer Koch-Superstar standen viele Besucher aufgeregt Schlange - sogar einige aus den abgelegenen Tälern, die sich eigentlich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Der Lago Maggiore liegt im Süden des Schweizer Kantons Tessin.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst.

Anreise: mit Bahn oder Auto durch den Gotthard-Tunnel. Die nächsten Airports mit Direktflügen aus Deutschland befinden sich in Zürich und Mailand.

Genießer-Festival: Der Mercato del Gusto findet 2026 am 7. Juni von 11 bis 17 Uhr statt, der Eintritt ist frei, jede Probierportion kostet 7 Franken (umgerechnet 7,60 Euro). (www.cantinaallamaggia.ch/de/veranstaltungen/mercato-del-gusto-2026).

Weitere Infos: ascona-locarno.com; verzasca.ch; ticino.ch; myswitzerland.com

Vorzeigeplatz in Locarno ist die Piazza Grande.Alessio Pizzicannella/Ascona Locarno Tourism/dpa-tmn

Vorzeigeplatz in Locarno ist die Piazza Grande.Alessio Pizzicannella/Ascona Locarno Tourism/dpa-tmn

© Alessio Pizzicannella/Ascona Locarno Tourism/dpa-tmn

Radsportbegeisterter Hotelier: Daniel Schälli.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Radsportbegeisterter Hotelier: Daniel Schälli.Bernhard Krieger/dpa-tmn

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Beliebtes Ausflugsziel sind die Brissago-Inseln im Lago Maggiore.Enrico Pescantini/Ticino Turismo/dpa-tmn

Beliebtes Ausflugsziel sind die Brissago-Inseln im Lago Maggiore.Enrico Pescantini/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Enrico Pescantini/Ticino Turismo/dpa-tmn

Beschauliches Dorf im Bavona-Tal: Von Foroglio ist es nicht mehr weit bis zum Wasserfall. Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

Beschauliches Dorf im Bavona-Tal: Von Foroglio ist es nicht mehr weit bis zum Wasserfall. Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

Rustico, ein Haus im klassischen Tessiner Baustil, im Val Bavona.Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

Rustico, ein Haus im klassischen Tessiner Baustil, im Val Bavona.Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

© Milo Zanecchia/Ticino Turismo/dpa-tmn

Das Bergdorf Mogno im Maggiatal ist berühmt für die von Mario Botta entworfene Kirche San Giovanni Battista.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Das Bergdorf Mogno im Maggiatal ist berühmt für die von Mario Botta entworfene Kirche San Giovanni Battista.Bernhard Krieger/dpa-tmn

© Bernhard Krieger/dpa-tmn

Blick in den Innenraum: Kirche San Giovanni Battista in Mogno.Bernhard Krieger/dpa-tmn

Blick in den Innenraum: Kirche San Giovanni Battista in Mogno.Bernhard Krieger/dpa-tmn

© Bernhard Krieger/dpa-tmn

Beim Mercato del Gusto bieten kleine Produzenten vieles, was das Tessin für Genießer so einladend macht: Wein, Käse, Honig, Marmeladen, Pilze, Pasta, Risotto, Fisch- und Wild-Spezialitäten. Bernhard Krieger/dpa-tmn

Beim Mercato del Gusto bieten kleine Produzenten vieles, was das Tessin für Genießer so einladend macht: Wein, Käse, Honig, Marmeladen, Pilze, Pasta, Risotto, Fisch- und Wild-Spezialitäten. Bernhard Krieger/dpa-tmn

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Der südlichste Kanton der Schweiz lockt mit alpiner Bodenständigkeit und italienischem Dolce Vita. Stiller Genuss und aufregender Glamour sind oft nur Minuten voneinander entfernt. dpa-infografik/dpa-tmn

Der südlichste Kanton der Schweiz lockt mit alpiner Bodenständigkeit und italienischem Dolce Vita. Stiller Genuss und aufregender Glamour sind oft nur Minuten voneinander entfernt. dpa-infografik/dpa-tmn

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