Jeder Schritt 100.000 Jahre: Wo die Erde Geschichten erzählt
Eisberge aus Grönland, pinkfarbene Strände, Steinkreise: In Ostkanada erzählt jeder Stein ein uraltes Kapitel. Was Geologen und Reisende an diesen Orten zum Staunen bringt.
Von wegen nur Steine: In den Tablelands teilt sich die Landschaft eindrucksvoll mit.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Geologin Kirsten Oravec fühlt sich voll in ihrem Element. „Das hier ist ein Spaziergang auf dem Erdmantel. Es sind wunderbar seltsame Felsen“, begeistert sich die 61-Jährige an den Tablelands im Nationalpark Gros Morne, den die Unesco zum Weltnaturerbe deklariert hat.
Dazu muss man wissen: Der Erdmantel, eigentlich tief verborgen unter der Erdkruste, ist die mittlere Schale des Erdkörpers. Die Kollision von Kontinenten „vor knapp 500 Millionen Jahren“, so Oravec, katapultierte das Innere nach außen.
„Dieses Gestein der Tablelands lag vierzig Kilometer tiefer, unterhalb eines Ozeans“, erklärt die Expertin die Besonderheit – und das ist nicht die einzige im wilden Osten Kanadas. Dort erzählt die Erde in verschiedenen Kapiteln ihre Geschichte.
„Mekka für Geologen“
Bleiben wir auf Neufundland im Hochplateau der Tablelands. Der zwei Kilometer lange Tablelands Trail führt vom Wanderparkplatz südwestlich von Woody Point in das u-förmige Gletschertal des Winter House Brook Canyon. Unterwegs plätschern Bachläufe. Der Wind fährt durch arktisches Wollgras und insektenfressende Pflanzen, die entfernt an Rosen erinnern. Dann wechselt die Szenerie.
Selbst ohne Forscherblick bemerkt man, dass die Felsmassen der Hochflächen und Berge ganz anders aussehen als anderswo. Das Grün verschwindet. Voraus liegen die Tablelands in Tönen aus Orangebraun, Rostrot, Ockergelb.
„Das Gestein ist hyperbasisch und voller Metalle, also toxisch für Pflanzen. Deswegen wächst hier so gut wie nichts“, sagt Oravec. Sie zeigt einen aufgeschlagenen Stein: außen orangegelb, im Kern pechschwarz. Das Schwarz im Innern sei ein Tiefengestein, ein Peridotit, erklärt sie: „Hier ist ein Mekka für Geologen und der beste Beweis für die Theorie der Plattentektonik.“
Außen hell und innen ganz schwarz: Geologin Kirsten Oravecs zeigt einen aufgeschlagenen Stein.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Von der Aussichtsplattform im Canyon, wo der Tablelands Trail als Holzplankenweg endet, will man sich gar nicht mehr lösen. Die nackte, kahle Landschaft von Inner-Erde, der Erdmantel, sie strahlen einen stillen Zauber aus.
Die geologischen Formationen im Nationalpark Gros Morne sind nicht aus einem Guss. Schwenkt man an die Küste von Green Point, steht man vor Klippenwänden, die seltsame Maserungen tragen: Felsen wie zersplittert und zusammengeklebt, durchzogen von hellen Streifen. Manche Muster gleichen Werken von Bildhauern. Oder gewellten Dachziegeln.
All dies war einst Meeresboden. Beim Zusammenprall der Kontinente wurde er hochgedrückt, „wie mit Bulldozern“, sagt Ranger Josh Penney. Wissenschaftler, so der 31-Jährige, unterschieden hier anhand von Fossilienfunden den Übergang der Erdzeitalter Kambrium und Ordovizium.
Klippenwände, Maserungen, wie zersplittert und zusammengeklebt: Küstenfelsen von Green Point.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Dass bis zur Entstehung der Küstenfelsen von Green Point einige Jahrmillionen vergingen, wäre eigentlich eine Randnotiz der Erdgeschichte, doch das Ungewöhnliche erläutert Penney so: „Die Schichten aus Kalkstein und Schiefer liegen nicht horizontal, sondern in einem Winkel von 110 Grad. Und wenn man daran vorbeigeht, entspricht jeder Schritt, den man macht, 100.000 Jahren.“
Einst am Äquator gelegen
Wer in den dünn besiedelten Weiten den Blick für Besonderheiten schärft, wird vielerorts fündig. Da ist es in Labrador das Fleckenriff unterhalb des Leuchtturms Point Amour, das laut einer Infotafel 530 Millionen Jahre alt ist und belegt, „dass diese Region einst eine warme, seichte See nahe dem Äquator“ war. Da sind es Labradors pinkfarbene Strände wie die von Forteau und L’Anse-Amour, wobei zum Ursprung keine These – von der Erosion der Berge mit Rosenquarz bis zu ausgeschwemmten Sedimenten in Flussmündungen – so richtig überzeugt. Fest steht, dass man die Strände selbst im Sommer nur mit Möwen teilen muss; die Wassertemperatur liegt um drei Grad.
In Labrador sind die Strände pink - zumindest die von Forteau und L’Anse-Amour.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Weitere Phänomene auf Neufundland sind die Frostmusterböden im Naturschutzgebiet Burnt Cape. Deren Ursprung skizziert Naturführer Ted Hedderson: „Das kommt durch die Schmelze im Frühjahr, wenn Wasser gefriert und taut. Es presst die größeren Felsen aus der Erde.“ Resultate sind Steinkreise mit Vertiefungen, in denen Pflänzchen kleine Schutzräume finden.
Das reinste Wasser unseres Planeten
Und dann gibt es in der Gegend noch den touristischen Klassiker mit geologischer Bewandtnis zu bestaunen: Ab Frühling bis Juli ist Eisbergzeit an den Küsten. Dann treiben - fast gespenstisch - weiße Giganten vorbei, denen man sich bei Bootstouren oder von Land aus nähert.
Geograf Randy Letto, mit an Bord während einer solchen Tour, erzählt von deren langen Reisen: „Eisberge stammen von Gletschern in Grönland. Im Sommer steigt die Temperatur, dann kalben sie in den Ozean. Strömungen treiben sie in die westliche Arktis, wo sie ab Herbst wieder gefrieren. Dann kommt das nächste Frühjahr, und das Eis driftet mit dem Labradorstrom nach Süden.“
Kommen aus Grönland: Eisberge, die ab Frühjahr an den Küsten von Ostkanada vorbeiziehen.Andreas Drouve/dpa-tmn
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„Dieses Eis ist etwa 10.000 Jahre alt und das reinste Wasser auf unserem Planeten“, sagt Letto. Die menschliche Fantasie kennt bei den Eisbergformen keine Grenzen: Riesenpilze, Walbuckel, schief liegende Häuser, Skisprungschanzen, Vogelschnäbel, Delfinköpfe. Die Sonne fängt sich im Glitzerglanz. Deutlich treten blaue Adern im Eis hervor.
Ostkanadas Wunder der Natur verschlagen einem die Sprache und verlangen nach Demut: ob vergängliche wie die Eisberge oder auf ewig erstarrte wie die Tablelands.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Die Insel Neufundland und die Halbinsel Labrador bilden Kanadas östlichste Provinz.
Beste Reisezeit für Geo-Touren: Ende Mai bis Mitte Oktober
Anreise und Mobilität: per Flugzeug nach Deer Lake in Neufundlands Westen; Umsteigeverbindungen über Toronto, Montreal oder Halifax. Am Flughafen von Deer Lake haben internationale Autoverleiher ihre Büros; öffentliche Verkehrsmittel sind keine Alternative. Zwischen St. Barbe auf Neufundland und Blanc-Sablon (Provinz Québec am Übergang zu Labrador) verkehrt eine große Fahrzeug- und Personenfähre, die knapp zwei Stunden braucht.
Einreise: Reisepass plus elektronische Reisegenehmigung (eTA; 7 Kanadische Dollar)
Touren: Im Nationalpark Gros Morne bietet die Parkverwaltung Rangertouren ohne Reservierung an. Regelmäßige Spaziergänge auf dem Erdmantel der Tablelands und geologische Führungen am Green Point sind wahlweise auf Englisch oder Französisch möglich und im Eintrittspreis in den Park enthalten (Tagespass 11 Dollar). In Gros Morne startet auch eine zweistündige Bootstour durch den geologisch wichtigen Frischwasser-Fjord Western Brook Pond (89 Dollar).
Währung: 1 Kanadischer Dollar entspricht rund 0,60 Euro
Zeitverschiebung: MESZ minus viereinhalb Stunden
Strom: Man braucht einen Adapter mit zwei flachen Stiften (US-Modell).
Weiterführende Infos: newfoundlandlabrador.com; travel.destinationcanada.com
Ein Bachlauf plätschert: Vom Wanderparkplatz südwestlich von Woody Point geht es in ein u-förmiges Gletschertal.Andreas Drouve/dpa-tmn
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„Wunderbar seltsame Felsen“: Geologin Kirsten Oravec ist in den Tablelands voll in ihrem Element.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Vorgegebener Pfad: Durch die Tablelands führt ein Holzplankenweg, der an einer Aussichtsplattform im Canyon endet.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Ein offenes Buch der Erdgeschichte sind die Felsen von Green Point im Nationalpark Gros Morne.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Erdgeschichtlicher Ursprung am Äquator: Das Fleckenriff unterhalb des Leuchtturms Point Amour ist 530 Millionen Jahre alt.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Der Leuchtturm von Point Amour wacht über uralte Landschaft.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Landschaften sind ein Grund, warum wir reisen. In der wilden Natur von Neufundland und Labrador öffnen sich Bilderbücher der Geologie, rauben Eisberge den Atem. Und hinterlassen ein bleibendes Gefühl.dpa-infografik/dpa-tmn
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