Zehn Jahre nach der BASF-Katastrophe: Was sich verändert hat
Eine falsche Leitung, ein Funke, eine Kettenreaktion: Das Unglück von 2016 kostete fünf Menschen das Leben. Heute setzt der Konzern auf zusätzliche Barrieren gegen menschliche Fehler.
Das Unglück führte auch zum Produktionsausfall im Stammwerk. (Archivbild)Einsatzreport Südhessen/dpa
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Explosionen bei BASF, es gibt Tote und Verletzte: Diese Nachricht erschüttert vor zehn Jahren Menschen in ganz Rheinland-Pfalz. Was nie geschehen sollte, ist am 17. Oktober 2016 passiert. Auslöser ist eine fatale Verwechslung beim weltgrößten Chemiekonzern: Ein Mitarbeiter einer Fremdfirma schneidet in Ludwigshafen mit dem Winkelschleifer eine falsche Leitung an. Das austretende Gemisch entzündet sich, die Flammen erhitzen eine unter Druck stehende Ethylen-Leitung, es kommt zu schweren Explosionen.
Fünf Menschen - vier Feuerwehrleute und ein Matrose - sterben während der Löscharbeiten in der Nähe eines Hafens, zwölf werden verletzt. Seitdem steht beim größten Arbeitgeber im Bundesland die Frage im Mittelpunkt, ob - und wie - ein solches Unglück zu verhindern ist. Die damaligen Verfahren hätten dem Stand der Technik entsprochen, sagt Werksleiter Helmut Winterling. „Dennoch haben wir sehen müssen, dass die Maßnahmen nicht ausgereicht haben.“
Fester Bestandteil der Erinnerungskultur
Zehn Jahre nach der verheerenden Explosion lädt das Unternehmen zum Pressegespräch in die zweitgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz - zum einen zum ehrenden Andenken an die damaligen Opfer. „Für uns ist das Geschehen ein fester Bestandteil unserer Erinnerungskultur“, betont Martin Kaller, Leiter der Werksfeuerwehr. Zum anderen will BASF unterstreichen, dass man bei der Sicherheit weiter nachgebessert hat.
Die Schadenssumme lag laut BASF im niedrigen dreistelligen Millionenbereich. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa
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„Es war eine Verkettung mehrerer unabhängiger Ursachen, die in dieser Kombination zum Unglück führte“, sagt Steffen Waglöhner, Leiter der Anlagensicherheit. „So darf sie nicht mehr vorkommen - deshalb haben wir die Kette analysiert und an mehreren Stellen zusätzliche Sicherheitsbarrieren eingezogen, damit sich ein solcher Ablauf möglichst früh unterbrechen lässt.“
Wo der Mensch den ersten Fehler machen kann, habe BASF optimiert. Wo früher eine Markierung den Schnittpunkt kennzeichnete, hängt heute eine Banderole mit drei Unterschriften. Ein Ortskundiger legt die Schnittstelle fest, ein weiterer Mitarbeiter und der ausführende Handwerker bestätigen sie. „Wir haben statt dem Vier-Augen-Prinzip ein Sechs-Augen-Prinzip eingeführt“, sagt Thomas Hill, Leiter der Arbeitssicherheit.
Kein offensichtlicher Leichtsinn
Vor Arbeiten werden benachbarte Leitungen und mögliche Wechselwirkungen systematisch geprüft. Checklisten fragen heute ausdrücklich nach möglichen Verwechslungen. Bei entzündlichen Stoffen kommen funkenarme Werkzeuge zum Einsatz. Die Erfahrungen aus Ludwigshafen flossen zudem in einen Industriestandard für das Öffnen von Rohrleitungen ein.
Der damalige Fehler war kein offensichtlicher Leichtsinn. Der Mitarbeiter war erfahren, hatte am Vormittag korrekt gearbeitet und war für die Aufgabe eingewiesen. Genehmigungen und Markierungen waren vorhanden. Nach dem Stand der Technik und den geltenden Abläufen war die Arbeit vorbereitet.
Gerade deshalb liegt eine der Lehren darin, Menschen für fehlbar zu halten. „Sicherheit hängt nicht nur von Technik ab, sondern auch von sorgfältiger Planung und Ausführung“, sagt Hill. Systeme müssen auch dann funktionieren, wenn ein Mensch sich irrt. Nicht der Mensch soll die letzte Sicherheitsbarriere sein - sondern möglichst mehrere Barrieren sollen verhindern, dass sein Fehler zur Katastrophe wird.
Unglück führt zu Produktionsausfall
Das Landgericht Frankenthal verurteilt den Arbeiter 2019 zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Richter Uwe Gau kritisiert auch die BASF. Vorangegangene Prüfungen hätten gezeigt, dass es Lücken gegeben habe, doch sei auf diese weder durch Warnschilder hingewiesen worden, noch sei das Meldewesen bei der Feuerwehr auf eine solche Möglichkeit eingerichtet gewesen. Eine strafrechtliche Verantwortung des Konzerns sieht er aber nicht. Das Unternehmen widerspricht dem Vorwurf eines angeblichen organisatorischen Versagens entschieden.
Das Landgericht Frankenthal verurteilte den Arbeiter 2019 zu einem Jahr Haft auf Bewährung. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa
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Das Unglück führt auch zum Produktionsausfall im Stammwerk. Mehr als 20 Anlagen müssen herunterfahren werden, Hafenanlage und Rohrgraben werden schwer beschädigt, schildert Winterling. „Die damaligen Kosten liegen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich.“
Zehn Jahre später ist die Explosion nicht einfach Vergangenheit. „Ich glaube, jeder, der damals in der BASF schon gearbeitet hat und an dem Tag in Ludwigshafen war, weiß noch heute ganz genau, wo er in dem Moment war, als das Unglück passiert ist“, sagt Winterling.
Erinnerung und Verantwortung
Die Einsatztaktik der Werkfeuerwehr wurde nicht grundsätzlich verändert. Die Feuerwehrleute hätten 2016 richtig gehandelt, betont Kaller. Das Problem war, dass niemand die Geschwindigkeit der Eskalation erkennen konnte. Genau dort setzen die technischen Nachrüstungen an: Sie sollen Brände und Gasaustritte früher melden, die Ausbreitung begrenzen und den Einsatzkräften mehr Zeit verschaffen. „Der Verlust von Kameraden an der Einsatzstelle ist das Schlimmste, was einer Feuerwehrorganisation passieren kann“, sagt Kaller.
Vor der Wache Nord erinnert ein Ehrenmal an die Opfer. Am Jahrestag soll dort um 11.27 Uhr eine Glocke fünfmal schlagen. Zum nicht öffentlichen Gedenken sind 100 Gäste geladen - Angehörige der betroffenen Familien, ehemalige Kolleginnen und Kollegen, Vertreter der Politik. „Erinnerung und Verantwortung“, sagt Werksleiter Winterling, „gehören für uns zusammen.“