Schaffner Hohn: „Angespuckt werden, ist viel häufiger“
Ticketkontrolle mit Notfallknopf und Bodycam: Warum der Alltag von Schaffner Ralf Hohn immer rauer wird. Wird ein Sicherheitsgipfel der Bahn am Freitag Verbesserungen bringen?
Ralf Hohn ist schon seit 25 Jahren im Dienst.Marcus Brandt/dpa
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Für Ralf Hohn sind die Schienen im Norden sein Zuhause. Als Kundenbetreuer im Nahverkehr begleitet er die Regionalbahn durch Schleswig-Holstein und Hamburg. Unterschwellig fahren auch Bedenken mit. Denn nach 25 Jahren im Dienst stellt er fest: Die Passagiere sind deutlich aggressiver geworden – und das beschränkt sich nicht auf Beleidigungen. „Dass ich angespuckt werde, ist sehr viel schlimmer und auch sehr viel häufiger in letzter Zeit“, sagt er am Hamburger Hauptbahnhof der Deutschen Presse-Agentur.
Als Konsequenz aus dem tödlichen Angriff Anfang Februar auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz will die Bahn bei einem Gipfeltreffen am Freitag in Berlin über Verbesserungen bei der Sicherheit beraten.
Hohn sagt, manche Menschen kümmere es wenig, wann der Zug fahre. „Hauptsache, es ist warm und trocken.“ Wolle man sie jedoch aus dem Zug bitten, weil sie keine Fahrkarte hätten, reagierten sie oft schnell aggressiv. Einen gewaltsamen Übergriff habe der Schaffner bisher aber nicht erlebt.
Hohn trägt zudem zur Sicherheit eine Bodycam und einen Notfallknopf bei sich. „Weil ich denke, wenn ich mal angegriffen werde, dass das Ganze besser ist, wenn ich auch eine Videoauswertung habe“, führt er aus. Ob er bei einem Vorfall an das ganze Equipment denken würde, das könne er bisher nicht sagen. Hohn fügt hinzu: „Ich habe auch Tierabwehrspray dabei.“
Aufnahmen werden durch Bundespolizei ausgewertet
Wenn ein Fahrgast ihn bedrängt, würde Hohn nach eigenen Angaben die Bodycam einschalten. Zuerst leuchte ein grünes Licht und der potenzielle Angreifer sehe sich im Display der Kamera gespiegelt. Drückt der Schaffner dann den roten Knopf, startet die Aufnahme – der Fahrgast muss darauf ausdrücklich hingewiesen werden.
Beim Einschalten der Bodycam leuchtet zunächst nur das grüne Licht.Marcus Brandt/dpa
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„Die Aufnahmen können wir uns als solches nicht noch mal angucken“, sagt er. Die würden am Ende durch die Bundespolizei abgerufen und ausgewertet werden. „Wir kommen selber an die Aufnahme nicht ran“, betont er. Außerdem kann der Schaffner per Notfallknopf in der Tasche direkt die Leitstelle der Polizei alarmieren.
Sicherheitsgipfel der Bahn
Die Deutsche Bahn meldete im vergangenen Jahr über 3.000 Angriffe auf ihre Mitarbeitenden. Etwa die Hälfte davon traf Kundebetreuer im Nahverkehr. Seit 2024 tragen diese freiwillig Bodycams – derzeit nutzen bundesweit rund 1.400 Schaffner die Kameras.
Beim Sicherheitsgipfel der Bahn geht es um weitere Maßnahmen. Anlass war ein Angriff in einem Regionalzug zwischen Landstuhl und Homburg im Saarland: Nach einer Ticketkontrolle hatte ein Fahrgast einen 36 Jahre alten Zugbegleiter mit Faustschlägen gegen den Kopf so schwer verletzt, dass dieser wenige Tage später starb. Der Fall löste bundesweit Entsetzen aus.
Die Stimmung unter den Mitarbeitenden hat sich laut Hohn seit der Tat nicht geändert. „Die Stimmung unter den Kollegen ist gut - je nachdem, wie sehr uns die Fahrgäste an dem Tag geärgert haben oder eben nicht“, berichtet er. Allerdings würden Mitfahrende sie auf den Vorfall ansprechen.
Auch Passagiere können Helfen
Auch Passagiere könnten den Schaffnern in Notsituationen helfen, betont Hohn. Wenn dem Zugpersonal irgendwo etwas passiere, könne man als Reisender zu den Notrufsprechstellen im Waggon gehen und dem Triebfahrzeugführer Bescheid geben.
Auch Passagiere könnten den Schaffnern in Notsituationen helfen, betonte Hohn.Marcus Brandt/dpa
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Zudem könnten Fahrgäste dem Schaffner oder der Schaffnerin beistehen, indem sie Präsenz zeigten. „Umso mehr Leute um mich herumstehen, umso weniger Stress habe ich mit dem, der dort gerade sitzt beziehungsweise mich angreifen möchte.“
Anspannung in der Gesellschaft nimmt zu
Die Deutsche Bahn erklärt, Bahnhöfe und Züge in Deutschland seien Teil eines offenen Systems. Dort entladen sich dieselben Konflikte, die auch auf Plätzen, in öffentlichen Einrichtungen und auf den Straßen ausgetragen werden. Mit wachsender Anspannung und schwindendem Respekt in der Gesellschaft häuften sich somit auch die Konflikte und Übergriffe im öffentlichen Verkehr.
Die DB Regio befördert laut der Deutschen Bahn jeden Tag rund 4,7 Millionen Reisen quer durch die Republik.Marcus Brandt/dpa
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Insgesamt arbeiten laut der Bahn rund 5.500 Schaffner in Deutschlands Regionalzügen und S-Bahnen. Dabei befördere die DB Regio jeden Tag rund 4,7 Millionen Reisen quer durch die Republik. Hohn wählte den Beruf des Kundenbetreuers im Nahverkehr, weil er nach eigener Aussage mit Menschen arbeiten wollte.
Hohn: Fahrgäste sollen pünktlich nach Hause kommen
„Ich wollte tatsächlich etwas machen, wo ich mit Menschen zu tun habe“, erzählt er. Während seiner Ausbildung galten für ihn die gleichen Voraussetzungen wie für Lokführer. Doch allein vorn im Zug zu sitzen, sei nichts für ihn „Das ist nicht meine Welt“, sagt der Schaffner. Dabei schätze er die schönen Tage, wo überall eine Fahrkarte vorhanden und die Passagiere freundlich seien.
„Es gibt hier keine großen Schwierigkeiten. Es sind auch keine technischen Probleme im Zug“, erklärt Hohn, während sein Regionalzug von der Hansestadt in Richtung Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein rollt. „So ist das eigentlich eine Sache, die mir gefällt.“ Ein völlig leerer Zug wäre jedoch nichts für ihn, denn dann hätte er nichts zu tun.
„Ich wollte tatsächlich etwas machen, wo ich mit Menschen zu tun habe“, sagte Ralf Hohn.Marcus Brandt/dpa
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„Ich möchte hier keinen großen Stress auf dem Zug und die Fahrgäste sollen rausgehen und sagen: „Alles klar, wir sind gut und schön und vor allem pünktlich nach Hause gekommen.““ Doch sobald eine Störung auftritt, eine Tür klemmt oder ein Passagier beim Ein- oder Aussteigen stürzt, beginnt der Stress. Hohn betont: „Dann muss ich zusehen, dass ich dieses Problem schnellstmöglich bewältige.“