dpa

Patient über Heilung von HIV: „Ich hab’s einfach gefühlt“

Der „Zweite Berliner Patient“ wurde als einer von 13 Menschen weltweit von HIV geheilt. Die Öffentlichkeit hat er bisher gescheut - nun ist klar, warum.

Von Antje Kayser, dpa

14.10.2026

Thomas Kahlert, der sogenannte zweite Berliner Patient. Sven Kaeuler/dpa

Thomas Kahlert, der sogenannte zweite Berliner Patient. Sven Kaeuler/dpa

© Sven Kaeuler/dpa

Er ist einer von weltweit 13 Menschen, die von HIV geheilt wurden, und der zweite in Berlin: Es gehe ihm „sehr gut“, sagt Thomas Kahlert, 62, der als „Zweiter Berliner Patient“ in die Medizingeschichte eingegangen ist. 

2009 wurde bei Kahlert im Rahmen einer Routineuntersuchung HIV festgestellt, 2015 eine akute myeloische Leukämie, eine Form von Blutkrebs. „Das war ein ganz furchtbarer Moment.“ Schnell sei klar gewesen, dass er eine Transplantation bekommen müsse. Bei der ersten Blutkontrolle nach der Transplantation seien keine Viren mehr nachweisbar gewesen. Als Kahlert das erzählt, ist er sichtlich bewegt, macht er immer wieder kurze Pausen, und ringt mit den Tränen. So gehe es ihm oft, wenn er die Geschichte erzähle, sagt er. 

Aufgrund der Leukämie war neben der Chemotherapie auch eine Stammzelltransplantation notwendig. Kahlert bekam am 14. Oktober 2015 - also genau vor elf Jahren - Stammzellen einer gesunden Spenderin inklusive ihres Immunsystems übertragen. Seitdem sind weder HI-Viren noch Krebszellen feststellbar - er gilt als geheilt. 

Familie und Freunde wussten lange nichts

Öffentlich gemacht wurde der Fall 2024, der Name des Patienten blieb damals geheim - auch weil er selbst seit 38 Jahren Mitarbeiter der Charité ist. Lange habe niemand aus der Familie und dem Freundeskreis von der Diagnose gewusst, erzählt Kahlert, er selbst habe es verdrängt. Er konnte aber auch, anders als viele andere Betroffene, ohne eine sogenannte antiretrovirale Therapie leben, er musste also nicht täglich Medikamente einnehmen, die ihn an die Diagnose erinnerten. Lange sei nicht klar gewesen warum. Die Forschung zeigte dann: Er selbst ist heterozygot, wie seine Spenderin.

Das HI-Virus befällt Immunzellen des Körpers an bestimmten Andockstellen, den sogenannten CCR5-Rezeptoren. Etwa ein Prozent der europäischstämmigen Bevölkerung hat nach Angaben der Charité eine Mutation dieser CCR5-Rezeptoren, die sogenannte Delta-32-Mutation. Diese verhindert das Eindringen des Virus - Betroffene gelten als natürlicherweise immun gegen HIV. 

Eröffnungsfeier des „BeCure Berlin Center for HIV Cure“ auf dem Charité Campus Virchow-KlinikumSven Kaeuler/dpa

Eröffnungsfeier des „BeCure Berlin Center for HIV Cure“ auf dem Charité Campus Virchow-KlinikumSven Kaeuler/dpa

© Sven Kaeuler/dpa

Beim ersten „Berliner Patienten“ war es gelungen, einen Stammzellenspender zu finden, dessen Gewebeeigenschaften zum Empfänger passten und der die immunitätsstiftende Mutation in sich trug. Bei Kahlert gab es einen etwas anderen Ansatz: Für die Stammzellspende wurde keine geeignete HIV-immune Person gefunden. Die Spenderin hatte aber auf ihren Zellen neben der normalen Version des CCR5-Rezeptors zusätzlich auch die mutierte Version der Andockstelle. Dies ist der Fall, wenn ein Mensch die Delta-32-Mutation nur von einem Elternteil vererbt bekommt. 

Nach der Stammzellspende bekam Kahlert auch eine antiretrovirale Therapie gegen das Virus. Diese verhindert die weitere Produktion des Virus, hat aber keinen Einfluss auf bereits bestehende Virusreservoirs, die sich nach der Infektion gebildet haben. 

Setzte Therapie gegen Rat des Arztes ab

Kahlert setzte die antiretrovirale Therapie drei Jahre nach der Transplantation aus eigener Entscheidung und entgegen dem Rat seines damaligen Arztes ab - seitdem wurden keine Hinweise auf eine erneute Virusvermehrung gefunden. Die Forscher waren damals selbst überrascht, er selbst sei davon überzeugt gewesen: „Ich hab’s einfach gefühlt.“ Außerdem habe er wissen wollen, ob sich die Anstrengungen gelohnt haben. Mit der Spenderin ist er bis heute in regelmäßigem Kontakt. Sein größter Wunsch sei es, dass die Erkenntnisse aus seiner Heilung in die Forschung einfließen und auch in Ländern zur Verfügung stehen, wo nicht jeder Zugang zu moderner Medizin hat. 

Auf den Tag elf Jahre nach der Transplantation eröffnet die Charité ein neues HIV-Heilungsforschungszentrum, das BeCURE, das auch das Brown-Kahlert-Studienzentrum beinhaltet. Dort sollen Strategien zur Heilung oder zur dauerhaften Kontrolle von HIV und anderen Viruserkrankungen entwickeln, wie die Charité mitteilte. Grundlagenforschung, klinische Forschung, qualitative und soziale Verhaltensforschung, Community-Einbindung und Datenanalyse sollen hier verbunden werden, sagte BeCURE-Direktor Christian Gaebler, der auch federführend an Kahlerts Heilung beteiligt war. Viele Erkenntnisse aus der HIV-Forschung seien auf andere chronische Viruserkrankungen übertragbar, etwa auf Hepatitis-B. 

Prof. Christian Gaebler, Direktor des BeCURESven Kaeuler/dpa

Prof. Christian Gaebler, Direktor des BeCURESven Kaeuler/dpa

© Sven Kaeuler/dpa

An der Charité wurde 2008 der erste Mensch weltweit von HIV geheilt, der erste „Berliner Patient“. Das Verfahren mit Stammzelltransplantationen kann gelingen, wenn es ebenfalls eine Krebsdiagnose gibt, sagte Gaebler. Auf eine große Masse übertragbar sei dieser Heilungsweg aber nicht. „Weil diese Therapiemaßnahmen einfach ein sehr, sehr hohes Risiko mit sich bringen und letztlich in einer Person, die mit HIV lebt und therapiert werden kann, nicht vertretbar sind“, so Gaebler. Die 13 Menschen weltweit, die bisher von HIV geheilt wurden, haben alle eine Stammzelltransplantation bekommen. 

Das Ziel sind Wege ohne Stammzelltransplantation 

„Das Ziel muss es sein, dass wir Wege finden, die ohne diese Stammzelltransplantation in die Breite übertragen werden können“, sagte Gaebler. Konkret gehe es um die Erforschung und Entwicklung von Antikörper- und Immuntherapien sowie neuartige Gen- und Zelltherapien. Es gebe weltweit mittlerweile Studienergebnisse, die Hoffnung machten, diesen Weg wolle man weitergehen. Das Zentrum helfe dabei, nicht am Bedarf vorbei zu forschen, sondern der Frage nachzugehen: Was hilft den Betroffenen wirklich? 

Weltweit leben etwa 41 Millionen Menschen mit HIV. Jeder fünfte Mensch in Deutschland, der mit einer HIV-Diagnose lebt, lebt in Berlin. Dem RKI zufolge sind es berlinweit knapp 18.000 Menschen, davon etwa 1.000 ohne eine Diagnose. Moderne Therapien sind in der Lage, die Virusinfektion zu behandeln, müssen aber lebenslang angewendet werden, ansonsten sieht man innerhalb weniger Wochen eine Virusreaktivierung.

Karte