Wissenschaft

NRW fordert stabilere Lieferketten für Arzneimittel

„Germany first“ hört man in der Politik hierzulande nicht so häufig. Bei der Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten mahnen die NRW-Regierung und die Pharma-Branche aber eine Neuausrichtung an.

Von dpa

22.04.2026

Deutschland darf sich nicht aus Preisgründen von existenziell wichtigen Medizinlieferungen aus dem Ausland abhängig machen, mahnt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). (Symbolbild)Oliver Berg/dpa

Deutschland darf sich nicht aus Preisgründen von existenziell wichtigen Medizinlieferungen aus dem Ausland abhängig machen, mahnt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). (Symbolbild)Oliver Berg/dpa

© Oliver Berg/dpa

Sichere Lieferketten und kurze Wege zum Produktionsstandort sollten aus Sicht der Landesregierung und der Pharma-Branche in Nordrhein-Westfalen eine größere Rolle bei Arzneimittel-Ausschreibungen spielen. Der Preis dürfe nicht mehr das alleinige Kriterium sein, heißt es in einem in Düsseldorf vorgestellten „Chancenpapier“ mit 52 Handlungsempfehlungen.

Vor allem bei besonders wichtigen Arzneimitteln müssten auch die Lieferfähigkeit in Krisensituationen und damit eigene Sicherheitsinteressen Berücksichtigung finden - etwa durch Produktion in Deutschland. „Das wird zurzeit nicht gemacht“, kritisierte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Das müsse bundesrechtlich geregelt werden. 

Riskante Abhängigkeit von ausländischer Arznei-Produktion

Die unsichere geopolitische Lage habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass einige Länder, aus denen viele Medikamente oder Grundstoffe für Arzneien hergekommen seien, nicht mehr als sicher einzustufen seien. Ein Großteil der sogenannten Nachahmer-Präparate (Generika) für die Massenversorgung der Menschen würden nicht mehr im EU-Raum, sondern in Asien produziert. 

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sieht viel Handlungsbedarf, um der heimischen Pharma-Branche durch herausfordernde Zeiten zu helfen. (Archivbild)Federico Gambarini/dpa

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sieht viel Handlungsbedarf, um der heimischen Pharma-Branche durch herausfordernde Zeiten zu helfen. (Archivbild)Federico Gambarini/dpa

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Dabei gehe es etwa um Medikamente wie Insulin, Blutdruckmedikamente oder Penicillin, die viele Menschen benötigten, um weiterhin ein gesundes Leben zu führen. „Daraus kann man nur schließen: Wir müssen sehen, dass wir auch Produktionskapazitäten in Europa, in Deutschland und natürlich aus unserer Sicht auch besonders stark in Nordrhein-Westfalen haben, um auch in Krisenfällen die Versorgung unserer Bevölkerung sicherzustellen“, betonte der Minister. Seine Lehre aus der Corona-Pandemie: „Ich hatte Geld genug. Es war einfach nichts zu kriegen.“ 

Kein Krisenplan für militärische Notlagen

Zur Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten gehöre auch ein Krisenplan für militärische Notlagen. „Da gibt es nichts in Deutschland“, sagte Laumann. In den nächsten Monaten werde sein Haus einen solchen Plan für NRW erarbeiten. 

Das Chancenpapier soll helfen, Produktion, Beschäftigung und Innovationskraft der Pharma-Branche in NRW zu sichern. Seit 2015 sei die Zahl der Beschäftigten hier um 64 Prozent auf rund 20.000 Menschen gestiegen, bilanzierte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Der Produktionswert liegt bei fast sechs Milliarden Euro und damit 16 Prozent der bundesweiten Pharmaproduktion. Allerdings sei die Branche durch hohe Energiekosten, Lieferengpässe und fehlende Fachkräfte unter Druck geraten.

Wer zahlt für Arznei-Rückstände im Abwasser? 

„Versorgungssicherheit lässt sich nicht ärztlich verordnen, sie muss ermöglicht werden“, mahnte der Landesvorsitzende des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, Jörg Wolters. Bund, Land und EU müssten die dafür notwendigen Entscheidungen fällen.

Der Bund dürfe die wirtschaftliche Grundlage der Unternehmen nicht durch weitere gesetzliche Belastungen schwächen. Als problematische Beispiele nannte er den Entwurf für das Beitragsstabilisierungsgesetz in der gesetzlichen Krankenversicherung und die drohende kommunale Abwasserrichtlinie.

Gretchenfrage: Wert ist Verursacher bei Arzneimittelrückständen im Abwasser und muss die Zeche zahlen? (Symbolbild)Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Gretchenfrage: Wert ist Verursacher bei Arzneimittelrückständen im Abwasser und muss die Zeche zahlen? (Symbolbild)Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

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Auch Laumann betonte, es dürfe auf keinen Fall eine Wasserrichtlinie kommen, die für die Reinigung von Medikamentenrückständen im Abwasser die Pharma-Unternehmen zur Kasse bitte. Das müsse über die Abwassergebühren auf alle umverteilt werden - „ob sie Medikamente nehmen oder nicht“. 

Generell seien die Ausgaben im Gesundheitssystem jedoch wieder an die Einnahmen anzupassen. „Ich werde nicht gegen die Einsparungen in Berlin vorgehen.“ Die müssten für die Pharma-Industrie aber kalkulierbarer sein. 

Laumann kündigte an, in seinem Haus die Prozesse zur Arzneimittelüberwachung auf den Prüfstand zu stellen. Laut Start-up-Report 2025 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG für NRW hätten Bürokratieabbau und Hilfe im Förderprogramm-Dschungel auf den vorderen Plätzen der Wunschliste gestanden.

Arzneimittel-Tester gesucht

Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) hob die Notwendigkeit hervor, mehr Patienten zu finden, die bereit sind, an Studien teilzunehmen. Dazu soll das Freiwilligenregister mit derzeit 35.000 Probanden bekannter gemacht und ausgebaut werden. Wichtig für den Pharma-Standort sei zudem, dass ein größerer Anteil der internationalen Studenten in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern in Deutschland gehalten werden könne. 

In Wissenschaft und Forschung sei Deutschland sehr stark, sagte Brandes. „Wir müssen aber wieder stärker darin werden, mit diesen Forschungsergebnissen erfolgreich Unternehmen zu gründen und damit Geld zu verdienen.“ Dabei sollen Gründungsscouts an den Universitäten, Kontakte zu Kapitalgebern und Berater helfen - etwa zur Frage, wer der geistige Eigentümer der Forschungsleistungen ist. NRW wolle es „so einfach wie möglich machen, von der Erfindung zum Unternehmen zu kommen“.

Auf der Suche nach einem neuen Arznei-Scoop made in Germany: Wirtschaftsminister Mona Neubaur erklärt in Düsseldorf, was man aus der Geschichte der Aspirin-Erfindung lernen kann. (Symbolbild)Oliver Berg/dpa

Auf der Suche nach einem neuen Arznei-Scoop made in Germany: Wirtschaftsminister Mona Neubaur erklärt in Düsseldorf, was man aus der Geschichte der Aspirin-Erfindung lernen kann. (Symbolbild)Oliver Berg/dpa

© Oliver Berg/dpa

Aus Wuppertal-Elberfeld in die Welt

Einen „Leuchtturm“ dafür - allerdings schon aus dem Jahr 1897 - stellte Wirtschaftsministerin Neubaur heraus: Damals hatte ein Chemiker des Pharma-Unternehmens Bayer in Wuppertal-Elberfeld das später weltbekannte Aspirin erfunden.

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