NRW führt „ABC-Klassen“ für Sprachförderung ein
Rund 50.000 Kinder sollen in NRW künftig in „ABC-Klassen“ noch vor der Einschulung gezielt Deutsch lernen. Warum das neue Modell für Proteste sorgt.
Gegner der ABC-Klassen kritisieren, dass die Kinder für die Förderung aus dem vertrauten Kita-Alltag herausgelöst werden. (Symbolbild)Maximilian von Klenze/dpa
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Kita-Kinder mit mangelhaften Sprachkenntnissen werden in Nordrhein-Westfalen künftig in „ABC-Klassen“ im Jahr vor der Einschulung besonders gefördert. Der Landtag beschloss mit den Stimmen der Regierungsfraktionen von CDU und Grünen sowie der AfD eine Änderung des Schulrechtsgesetzes. SPD und FDP stimmten dagegen.
ABC-Klassen sind verpflichtende schulische Vorkurse, in denen Kinder gezielt auf die sprachlichen Anforderungen des Unterrichts vorbereitet werden. Sie sollen auch die Kinder verbindlich erreichen, die keine oder nur unregelmäßig eine Kita besuchen. Denn eine Kita-Pflicht gibt es in NRW nicht und soll es wegen verfassungsrechtlicher Bedenken auch nicht geben. Rund ein Drittel der Kinder in NRW zeigt bei der Einschulung Erhebungen zufolge sprachliche Mängel.
Zwei mal zwei Stunden pro Woche
Ab dem Schuljahr 2028/29 sollen in NRW die ersten „ABC-Klassen“ für Kita-Kinder mit nicht ausreichenden Sprachkenntnissen starten. Um Defizite rechtzeitig aufzuarbeiten, wird die Schulanmeldung in NRW vom Herbst auf das Frühjahr vorgezogen.
Im Frühjahr 2028 sollen erstmals landesweit alle Kinder nach einem einheitlichen Verfahren auf ihre Sprachkompetenz getestet werden. Geplant sind in den „ABC-Klassen“ ein Jahr lang zwei mal zwei Stunden pro Woche. Das gilt erstmals für Kinder, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden. Ähnliche Deutsch-Vorkurse gibt es auch in Hessen und Bayern.
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) rechnet mit rund 50.000 Kindern insgesamt in den ABC-Klassen. Dafür werden dem Gesetz zufolge 1.650 zusätzliche Lehrerstellen benötigt. Der zusätzliche Stellenbedarf kann auch durch sozialpädagogische Fachkräfte gedeckt werden. Die Gesamtkosten für die Beförderung der Kinder werden mit 108 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt.
Die ABC-Klassen sollen die alltagsintegrierten Sprachförderung in den Kitas ergänzen, sagt Schulministerin Dorothee Feller. (Archivbild).David Young/dpa
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Massive Proteste gegen ABC-Klassen
Gegen das Gesetz gab es bis kurz vor der Abstimmung massive Proteste von Bildungsverbänden und aus der Opposition. Gegner der ABC-Klassen kritisieren vor allem, dass die Kinder für die Förderung aus dem vertrauten Kita-Alltag herausgelöst würden. Millionen-Kosten entstünden zudem für den Bustransport der Kinder zu fremden Lehrkräften an unbekannte Schulen.
„Für die Sprachförderung von Vorschulkindern ist die Schule der falsche Ort“, erklärte die SPD-Oppositionspolitikerin Dilek Engin. „Kinder auszusortieren und aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, wird ihre Entwicklung sogar noch erschweren.“ Der SPD-Familienpolitiker Dennis Maelzer warf der Regierung vor, die förderbedürftigen Kinder durch die Sonderklassen zu stigmatisieren. Mit den Millionen Euro für die ABC-Klassen könnten doppelt so viele Sprachförderkräfte direkt in den Kitas finanziert werden.
Auch von der FDP kam harsche Kritik: Die Millionen Euro müssten bei den Kindern ankommen, und nicht bei Bus- oder Taxiunternehmen, so Franziska Müller-Rech.
Viele Grundschulen bieten bereits Vorkurse an
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) wies die Vorwürfe der Opposition zurück. Sie betonte, dass die ABC-Klassen nicht nur an Schulen, sondern auch an Kitas direkt angedockt werden können - je nachdem wo Platz und Bedarf sei. Die Kinder würden nur per Bus transportiert, wo dies erforderlich sei.
Nicht nur Sprachkompetenzen fehlten Kindern beim Start in der Grundschule, sondern auch andere Kompetenzen. „Wir können unsere Grundschulen damit nicht länger alleine lassen.“ Auch rund 500 Grundschulleitungen, mit denen sie gesprochen habe, hielten ABC-Klassen für richtig. Viele Grundschulen hätten bereits ähnliche Modelle wie die ABC-Klassen mit ihren umliegenden Kitas umgesetzt. Niemals sei von stigmatisierten oder traumatisierten Kindern die Rede gewesen, weil sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen würden.
Kritik übte auch der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW. „Kita-Fachkräfte sind speziell dafür ausgebildet und qualifiziert, Kinder in dieser sensiblen Entwicklungsphase ganzheitlich zu begleiten und zu fördern“, sagte Vorstand Christian Woltering. Dass Schulministerin Feller nun Geld in eine fachlich fragwürdige Parallelstruktur in den Schulen pumpe, führe den Gedanken einer alltagsintegrierten Sprachbildung ad absurdum.
Auch in Hessen und Bayern gibt es vergleichbare Modelle zu den ABC-Klassen. In Hessen etwa müssen Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen vor der Einschulung einen Vorlaufkurs in einer Grundschule oder Kita besuchen.