„Versailles des Meeres“: Bootstrip zum König der Leuchttürme
Wie eine Erscheinung ragt er in Südwestfrankreich aus dem Atlantik: der Leuchtturm von Cordouan. Er ist der dienstälteste und schönste im Land, Welterbe der Unesco - und mit tiefer Symbolik verknüpft.
Sieben Kilometer vor der Küste liegt der Leuchtturm von Cordouan.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Kurs auf ein Streichholz. So wirkt der Leuchtturm von Cordouan aus der Ferne. Einsam, fast unwirklich steigt er sieben Kilometer vom Festland entfernt über einer winzigen Felseninsel aus der offenen See. Unser Ausflugsboot passiert die breite Mündung der Gironde, schaukelt hinaus.
Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Heute ist der Atlantik ein Meer der Ruhe. Das kann ganz anders sein. Seit über vier Jahrhunderten trotzt der Leuchtturm den Naturgewalten. Je näher man kommt, desto stärker erwächst der Winzling zum Giganten: elegant, erhaben, 67,5 Meter hoch.
Ein Meisterwerk der Technik und Architektur. Ein Zeitzeugnis, das unter Denkmalschutz steht und klingende Beinamen wie „König der Leuchttürme“ und „Versailles des Meeres“ trägt.
Wärter und Gästeführer
Pierre Cordier empfängt die Bootsankömmlinge oft barfuß. Bei Flut steht die äußere Basis der Anlage unter Wasser. Bei Ebbe treten Schnecken und Miesmuscheln hervor, die am felsigen Untergrund haften. Cordier zählt zum Team der Leuchtturmwärter, die von April bis Oktober in Personalunion als Gästeführer agieren.
Turnusmäßig hat er zwei Wochen Dienst, zwei Wochen frei. Der 42-Jährige räumt mit überholten Vorstellungen von seinem Job auf. Früher, erzählt er, lebten die Wärter in spartanischen Kammern und mussten rund um die Uhr auf den Turm, wo Holz, Pech, Walfette oder Kohle für die Leuchtfeuer dienten.
Besuch beim Leuchtturm: Je nach Wasserstand kommen die Bootsgäste an diesem Steinwall an.Andreas Drouve/dpa-tmn
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In der Gegenwart sieht es so aus: „Wir haben große Zimmer und eine große Gemeinschaftsküche. Nachts schlafen wir. Das Licht des Leuchtturms ist automatisiert. Im Notfall springt ein Alarmsystem an.“ Die Treppen bis zur Spitze steigt er einzig mit den Besuchern auf und unterstreicht: „Cordouan ist mehr als ein Leuchtturm.“
Den antiken Weltwundern nachgeeifert
Unter der Ägide des Königshauses entstand Cordouan als Monument mit Symbolkraft und Imponiergehabe. Es war ein Statement der Weltmacht Frankreich, eine Glorifizierung der Monarchie, verwegen errichtet in den Jahren 1584 bis 1611. Erklärtes Ziel war, in der würdigen Nachfolge des Leuchtturms von Alexandria zu stehen, einem der sieben Weltwunder der Antike.
Cordouan habe „den Fuß einer Festung, den Körper einer Kapelle der Renaissance, den Kopf und das Auge eines Leuchtturms“, skizzierte 1901 der französische Journalist Henri Clouzot. Anfangs war der Leuchtturm niedriger und verschnörkelter. Später erlebte er diverse Umbauten samt Aufstockung auf sechs Etagen, ohne seine Essenz zu verlieren.
Wer die untere Plattform betritt, glaubt sich in eine Melange aus Burg, Palast und Sakralbau versetzt. Säulen wölben sich hervor. Der Eingang gleicht einem Domportal. Draußen und drinnen ziehen sich kunstvolle Dekors über die Mauern, steinerne Pflanzengirlanden und Reliefs von Köpfen.
Königswohnung und Kapelle
Die Wohnung des Königs nimmt den ersten Stock ein, ist edel ausgelegt mit schwarz-weißem Marmor, ein Ausdruck des Wohlstands, der Stärke. „Doch nie hat sich ein Souverän die Mühe gemacht, nach Cordouan zu kommen“, verbürgt das Besuchsheft. Adieu Respekt: Schon früh nutzten die Wärter den Raum, um zu kochen. Denn es gab einen Kamin.
Die Wendeltreppe windet sich zur Kapelle, die weltweit als Unikat in einem Leuchtturm mitten auf See gilt.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Die Wendeltreppe windet sich zur Kapelle, die weltweit als Unikat in einem Leuchtturm mitten auf See gilt, so Monsieur Cordier. Sie entstand auf Betreiben von Herrscher Heinrich IV., einem Hugenotten, der 1593 aus Kalkül zum Katholizismus konvertierte.
Es ist etwas düster. Kerzen flackern. Das Licht fällt durch Buntglasfenster mit Heiligen. Hoch über dem Altar hält die Madonna ihr Kind in Händen. In Cordouan spiegelt sich seit jeher auch der Glaube - und Heinrich wollte die Monarchie von Gottes Gnaden demonstrieren.
301 Stufen bis oben
Nummerierte Stufen führen weiter hinauf. Bei 301 ist Schluss, dann tritt man hinaus aufs Aussichtsrund. Möwen kreischen. Die Luft schmeckt nach Salz. Das Wasser kreiselt um tückische Sandbänke. Der Blick schweift bis zur Küste und verliert sich am Horizont. Die Gedanken treiben davon. Wie viele Tragödien mag der Leuchtturm verhindert, wie viele Leben gerettet haben?
Die Strahlen reichen 19 Seemeilen weit. Leuchttürme geben Hoffnung, Sicherheit. Sie warnen, mahnen zur Vorsicht. Sie weisen den Weg in der Heimat oder der Fremde. Sie sind standhaft, trotzen stürmischen Zeiten. Jeder Mensch braucht Signale, Lichter, Ankerpunkte der Orientierung - also Leuchttürme, auch im übertragenen Sinn.
Pierre Cordier zählt zum Team der Leuchtturmwärter, die von April bis Oktober auch als Gästeführer agieren.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Die Besuchszeit ist um. Rasch signiert Wärter Cordier sein Buch über die Geschichte von Cordouan, erhältlich im Shop. Eigentlich ist er Historiker, fühlt sich aber hier ebenso in seinem Element. „Jeder Tag ist anders, das Wetter, das Meer, wenn die Wellen direkt hinter den Mauern krachen. Das ist mein zweites Zuhause“, sagt er zum Abschied. Zurück an Bord, schrumpft der Leuchtturm von Cordouan bald wieder zum Streichholz.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Der Leuchtturm von Cordouan (franz.: Phare de Cordouan) ist im Südwesten Frankreichs der Gironde vorgelagert, dem gemeinsamen Mündungstrichter von Garonne und Dordogne in den Atlantik.
Reisezeit: Besuche des Leuchtturms sind im Zuge organisierter Bootstouren nur von April bis Oktober möglich, tagesabhängig vom Wetter. Startpunkte sind die Häfen in Le Verdon-sur-Mer und Royan.
Anreise: Im eigenen Fahrzeug oder per Bahn oder Flugzeug nach Bordeaux, dann im Zug nach Le Verdon-sur-Mer oder Royan.
Touren, Preise und Tipps: Die Bootsausflüge dauern vier Stunden, inklusive Fahrt, Aufenthalt und Führung. Die Abfahrtszeiten wechseln, da sie sich nach den Gezeiten richten. Die Preise enthalten den Leuchtturm-Eintritt: Juli bis Mitte September ab Royan 63 Euro, während der übrigen Monate 51 Euro; ab Le Verdon-sur-Mer 59/47 Euro. Kleine Preisnachlässe für Senioren und 3- bis 15-Jährige (www.phare-de-cordouan.fr).
Für die Anlandung muss man auf ein flaches, kleineres Boot umsteigen und vor dem Leuchtturm gegebenenfalls ein Stück durchs Wasser und über schlüpfrigen Felsuntergrund gehen. Flipflops sind nicht erlaubt, es empfehlen sich wasserfeste Schuhe oder Sandalen.
Zusatztipp: In Le Verdon-sur-Mer ist das Museum des Leuchtturms von Cordouan in einem anderen Leuchtturm untergebracht, dem Phare de Grave, der ebenfalls besteigbar ist; Eintritt 6 Euro (www.asso-cordouan.fr)
Weitere Infos: visit-nouvelle-aquitaine.com
Der denkmalgeschützte Phare de Cordouan trägt Beinamen wie „König der Leuchttürme“ und „Versailles des Meeres“.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Weil das Licht des Leuchtturms automatisiert ist, steigt der Wärter die Treppen bis zur Spitze einzig mit den Besuchern auf.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Die Kapelle im Phare de Cordouan liegt auf der zweiten von insgesamt sieben Etagen, genau unterhalb der königlichen Gemächer.Dominique Abit/Smiddest/dpa-tmn
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Einsamer Arbeitsplatz: historischer Raum der Wache.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Besuche des Leuchtturms sind im Zuge organisierter Bootstouren nur von April bis Oktober möglich.Andreas Drouve/dpa-tmn
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Der Leuchtturm von Cordouan ist dem Mündungstrichter Gironde vorgelagert. Bootsausflüge starten in Le Verdon-sur-Mer oder Royan.dpa-infografik/dpa-tmn
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