Panorama

Studie: Cybermobbing nimmt weiter zu - Schule ist Tatort

Mobbingattacken im Netz haben laut einer Studie weiter zugenommen. Die Folgen gerade für Kinder und Jugendliche können gravierend sein. Schon in der Grundschule geht es los. Wird es mit KI schlimmer?

Von Yuriko Wahl-Immel,dpa

13.10.2026

Schon Grundschüler sind Ziel von Cyberattacken sein. (Archivbild) Oliver Berg/dpa

Schon Grundschüler sind Ziel von Cyberattacken sein. (Archivbild) Oliver Berg/dpa

© Oliver Berg/dpa

Unter einem heimlich im Schwimmunterricht aufgenommenen Foto eines Drittklässlers steht „fettes Schwein“, in eine pornografische Darstellung ist das Gesicht einer Jugendlichen hineingefälscht: Schockierende Beispiele für Schikane im Netz, die einer neuen Studie zufolge weiter zunimmt und für betroffene Kinder und Jugendliche katastrophale Folgen haben kann, wie das Bündnis gegen Cybermobbing berichtet. 

Ein Anstieg seit Jahren und ein „Weckruf“ zum Gegensteuern

Es sei davon auszugehen, dass aktuell fast 2,4 Millionen Schülerinnen und Schüler bundesweit von Angriffen im Netz betroffen sind, schildert das Bündnis bei Vorstellung seiner repräsentativen Befragung in Berlin. Das sei erneut ein Anstieg im Vergleich zur vorherigen Untersuchung 2024 und eine anhaltend negative Entwicklung seit der ersten Erhebung 2013, betont Uwe Leest, Mitautor der Studie. 

Es gehe öfter auch schon im Grundschulalter los. Die Angriffe laufen demnach vor allem über WhatsApp, TikTok, Snapchat, Instagram, Gaming-Plattformen oder in Chatrooms. Cybermobbing bedrohe die mentale Gesundheit einer ganzen Generation, heißt es im Bericht „Cyberlife“. 

Das Internet sei allgegenwärtig, es gebe keine verlässlichen Schutzräume, die Angriffe verfolgten die Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr und in alle Lebensbereiche hinein. Trotzdem werde die Problematik weiterhin unterschätzt, kritisiert der Verein, spricht von einem „dringenden Weckruf zum Handeln“. 

Einer Studie zufolge nimmt Cybermobbing weiter zu. (Archivbild) Marijan Murat/dpa

Einer Studie zufolge nimmt Cybermobbing weiter zu. (Archivbild) Marijan Murat/dpa

© Marijan Murat/dpa

Tatort ist fast immer die Schule 

Gut 1.100 Eltern, über 700 Lehrkräfte und 4.525 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 7 und 20 Jahren in Grundschulen, weiterführenden Schulen und Berufsschulen waren zwischen März und Juli online befragt worden. 

Eine gestiegene Zahl von 20,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler (2024 waren es 18,5 Prozent) gab an, Ziel eines Cybermobbing-Angriffs gewesen zu sein. Hochgerechnet sind das dem Bündnis zufolge fast 2,4 Millionen junge Betroffene. 

Und zur Häufigkeit gefragt, sagten diesmal 24 Prozent, dass sie täglich Cybermobbing ausgesetzt seien, 35 Prozent erlebten das nach eigener Aussage „einmal oder mehrmals pro Woche“ und 41 Prozent „seltener“. 

Zu gut 90 Prozent finden die Attacken laut Erhebung im Schulumfeld statt. Mehr als zwei Drittel der Opfer kennen die Angreifer, die oft aus der eigenen Schule oder der eigenen Klasse stammten. Betroffene nennen häufig Beschimpfungen, Beleidigungen, das Verbreiten von Lügen, Gerüchten und peinlichen Bildern, Erpressung und Bedrohung. Gut sieben Prozent der Befragten räumten ein, schon mal Täter gewesen zu sein. Nicht selten waren sie zugleich auch Mobbingopfer.

Mobbing im Netz kann für die Betroffenen gravierene Folgen haben. (Archivbild) Julian Stratenschulte/dpa

Mobbing im Netz kann für die Betroffenen gravierene Folgen haben. (Archivbild) Julian Stratenschulte/dpa

© Julian Stratenschulte/dpa

Cybermobbing führt oft zu schweren Folgen

Mobbing könne schwer belasten, zu Ängsten, Depressionen, Rückzug und abfallenden Schulleistungen führen, Kopf- und Bauchschmerzen oder Schlafstörungen seien häufig, so das Bündnis. Erschreckend sei, dass 25 Prozent der Betroffenen deswegen sogar nach eigener Darstellung schon mal Suizidgedanken hatten. 

Die Angriffe beginnen früh, wie Leest weiter schildert: Die Studie geht davon aus, dass etwa jeder zwölfte Grundschüler schon einmal attackiert wurde. „Diese Zunahme resultiert daraus, dass heute oft schon Sechs- bis Achtjährige ein Smartphone besitzen, die Social-Media-Nutzung früher beginnt und damit die Angriffsfläche früher gegeben ist“, sagt der Bündnis-Vorsitzende. Aber auch Jugendliche in der Pubertät seien sehr verletzlich. 

Bündnis: „Lehrkräfte und Eltern besser unterstützen“ 

Bei den Lehrkräften - darunter auch Schulleitungen und Schulsozialarbeiter - gaben fast zwei Drittel an, dass Cybermobbing an ihrer Schule ein Problem sei. Prävention wirke, müsse ausgebaut werden und schon in den Grundschulen beginnen, mahnt das Bündnis. Auch Eltern sollten besser unterstützt werden. Es habe sich gezeigt, dass Eltern sich der Gefahren von Cybermobbing in der Regel bewusst seien, es aber viel Überforderung gebe.

In puncto Social-Media-Nutzung habe sich eine große Mehrheit der Eltern und Lehrer für eine Altersbeschränkung ausgesprochen, favorisiert werde dabei eine Grenze von 16 Jahren. „Das müssen wir aufnehmen“, verlangt Leest. Das Netzwerk fordert von der Politik ein Cybermobbing-Gesetz. Strafrechtlich würden diese Angriffe „nicht oder nur sehr selten geahndet“. 

Auf das seit Jahren bestehende Problem haben auch andere Untersuchungen schon hingewiesen. „Die Gesellschaft unternimmt trotzdem zu wenig dagegen. Cybermobbing ist ein Dauerproblem und nimmt weiter zu“, moniert Leest. Das Bündnis, das mit einem Präventionsprogramm in die Schulen geht, plädiert auch für einen „Internet-Führerschein“ - am besten in den dritten Klassen mit geschulten Lehrern zu erarbeiten. Inhalte: Sozialverhalten, Erkennen von Risiken, sicherer Umgang mit sozialen Medien. „Das ins Bildungssystem zu integrieren, könnte unseren Kindern nachhaltig helfen.“ 

„Künstliche Intelligenz wird Problem verschärfen“ 

Auch Künstliche Intelligenz werde im Schulalter bereits genutzt, um Bilder, Videos, Sprache zu manipulieren oder fälschen, warnt das Bündnis aus Eltern, Pädagogen, Medizinern und Wissenschaftlern. KI erleichtere jungen Tätern das Handwerk. Angesichts der rasanten KI-Entwicklung brauche es schnelle Antworten. Leest befürchtet: Der Missbrauch von KI-Werkzeugen könnte das Problem Cybermobbing künftig noch deutlich verschärfen.

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