Feines Gespür – wann steckt Hochsensibilität dahinter?
Geräusche, Gerüche, Blicke: Wer alles besonders intensiv wahrnimmt, fragt sich oft, ob er oder sie hochsensibel ist. Doch ein feines Gespür kann auch andere Ursachen haben. Ein Facharzt klärt auf.
Wenn die Sinne auf „laut“ stehen: Gedränge, Gerüche, Geräusche – Hochsensibilität kann dahinterstecken, muss aber nicht.picture alliance/dpa
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Was ist das für ein Geruch? Wer spricht? Was dröhnt da so im Hintergrund? Wie ist die Stimmung im Raum? Manche Menschen nehmen die Details ihrer Umgebung besonders intensiv wahr und können Umweltreize nicht einfach ausblenden. Unter Umständen kann eine sogenannte Hochsensibilität dahinterstecken.
Laut Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, handelt es sich dabei um eine „überdurchschnittliche Empfindlichkeit des Nervensystems gegenüber inneren und äußeren Reizen“. Sie zeige sich beispielsweise in einem feinen Gespür für nonverbale und paraverbale Signale, etwa bei minimalen Abweichungen von Mimik und Tonfall.
Hochsensibilität, soziale Angst, ADHS: Überschneidungen möglich
„Ein solch ausgeprägtes Erleben kann allerdings auch andere Gründe haben“, so der Ärztliche Direktor der Klinik am schönen Moos in Bad Saulgau. In verschiedenen Fällen kann es ihm zufolge Überschneidungen in Verhalten und Erleben geben, die Unterschiede werden aber recht schnell klar. Einige Beispiele:
- Soziale Angst: Es kann vorkommen, dass soziale Signale bei einer Angststörung ebenfalls sehr fein registriert werden, die Interpretation ist in dem Fall laut Häfner zufolge aber häufig von Furcht geprägt. „Zu bemerken, dass mich jemand seltsam anschaut, ist nicht das Gleiche wie die Annahme, die Person schaut so, weil sie mich ablehnt“, sagt er.
- Nach traumatischen Erlebnissen: Nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen kann eine erhöhte Wachsamkeit auftreten, die unter Umständen dazu führt, dass Menschen besonders auf Details ihrer Umgebung achten und kleinste Abweichungen bemerken. Das liegt dem Facharzt zufolge aber vorwiegend daran, dass das Nervensystem in Alarmbereitschaft ist und „ständig nach Gefahr Ausschau hält“.
- ADHS: Auch bei Menschen mit ADHS kann die Verarbeitung vieler Sinneseindrücke zu einer Reizüberlastung führen, ähnlich wie bei Hochsensibilität. Ein Tag mit vielen Sinneseindrücken löst dann unter Umständen ein starkes Bedürfnis nach Rückzug aus. Bei ADHS geht es jedoch nicht nur um die Wahrnehmung von Reizen, sondern vor allem um Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit und Impulse gezielt zu steuern und zwischen verschiedenen Anforderungen zu wechseln.
Hochsensibilität: In der Regel nicht behandlungsbedürftig
Dem Facharzt zufolge reichen einzelne psychologische Muster wie „Ich bin schnell überreizt“ nicht aus, um auf Persönlichkeitsmuster, psychische Störungen oder Merkmale einer Neurodivergenz zu schließen.
Wichtig: Hochsensibilität ist keine psychische Störung und keine medizinische Diagnose. Sie wird als Persönlichkeitsmerkmal beschrieben und ist als solche in der Regel nicht behandlungsbedürftig. Das Konzept geht maßgeblich auf die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron zurück, die einen Fragebogen zur Erfassung entsprechender Merkmale entwickelte. Die Forschung dazu ist in vielen Bereichen aber noch nicht abgeschlossen. Allgemein anerkannte diagnostische Kriterien gibt es somit bislang nicht.
Vielen Menschen kann Einordnung aber dabei helfen, „das persönliche Erleben besser zu verstehen und so zu erkennen, was einem guttut und wo die eigenen Grenzen liegen“, wie Steffen Häfner sagt. Wer sich durch die eigene Reizempfindlichkeit belastet fühlt, kann beobachten, in welchen Situationen Überforderung auftritt und welche Maßnahmen anschließend entlasten – etwa Rückzug, ausreichende Erholung oder ein bewusster Umgang mit sozialen Kontakten.
Zudem sollte nicht jede Form von Überforderung vorschnell als Hochsensibilität gedeutet werden. Womöglich sind auch psychische und körperliche Beschwerden Ursache für Beeinträchtigungen im Alltag. Hier ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.