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Wer im Nordosten vom Wählen ab 16 profitieren könnte

In wenigen Tagen wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Zum ersten Mal dürfen auch junge Menschen unter 18 Jahren mitmischen. Wie wählen sie? Und wem könnte das nützen?

Von dpa

11.09.2026

Im Nordosten können in diesem Jahr erstmals auch schon 16- und 17-Jährige wählen. (Symbolbild)Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Im Nordosten können in diesem Jahr erstmals auch schon 16- und 17-Jährige wählen. (Symbolbild)Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

© Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Zum ersten Mal dürfen auch 16- und 17-Jährige bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September ihre Stimme abgeben. Welche Auswirkungen könnte das auf den Ausgang der Wahl haben? Und wer könnte davon profitieren? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ist es sinnvoll, das Wahlalter zu senken?

Fachleute wie die Politikwissenschaftlerin Sabine Achour von der Freien Universität Berlin halten das heruntergesetzte Wahlalter für richtig und wichtig. „Aus der Jugendforschung wissen wir, dass Jugendliche ihre Interessen politisch nur wenig berücksichtigt sehen – was mit Blick auf Klima oder Wehrpflicht besonders deutlich wird“, sagt sie. Dabei seien junge Menschen durchaus in der Lage, politische Fragen zu verstehen und abzuwägen.

Kritische Stimmen befürchten dagegen etwa eine mangelnde Urteilsfähigkeit. Achour findet das nicht überzeugend. Auch ältere Menschen urteilten politisch nicht zwingend rational.

Jochen Müller von der Universität Greifswald hält dagegen: „Studien zeigen, dass 16- und 17-Jährige ihre Wahlentscheidungen ähnlich ernsthaft und konsistent treffen wie ältere Erstwähler.“ Zudem verändere sich mit der Wahlberechtigung auch das politische Verhalten, sagt der Politikwissenschaftler. „Wer wählen darf, informiert sich eher, spricht häufiger über Politik und nimmt politische Entscheidungen stärker als persönlich relevant wahr.“

In welchen Bundesländern darf ab 16 gewählt werden?

Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, auch in Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und neuerdings auch in Nordrhein-Westfalen liegt das Mindestalter bei den Landeswahlen bei 16 Jahren. Eine Kandidatur ist grundsätzlich ab 18 Jahren möglich. Für die Hauptstadt, in der am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird, ist es ebenfalls die erste Wahl, bei der Minderjährige ihren Stimmzettel in die Urne werfen können.

Wie wählen junge Menschen?

Viele Menschen entscheiden sich Fachleuten zufolge erst kurz vor der Wahl, welcher Partei sie ihre Stimme geben. „Auch junge Menschen entscheiden sich häufig erst im Wahlkampf“, sagt Müller. Sie orientierten sich so wie ältere Wählerinnen und Wähler etwa an der Frage, welche Politik nach der Wahl gemacht werden solle. „Weil sie oft weniger fest an Parteien gebunden sind, können aktuelle Themen, Wahlkampf und Social Media stärker wirken.“

Generell würden junge Menschen in ihren politischen Einstellungen durch ihr soziales Umfeld beeinflusst, ergänzt Achour. Auch Social Media und Schule prägten die eigene Überzeugung. Das Wahlrecht ab 16 könne wie ein Brennglas wirken und soziale Ungleichheiten deutlicher sichtbar machen.

Der Landesjugendring hat auch in diesem Jahr eine Kinder- und Jugendwahl organisiert, in diesem Jahr erstmals eine U16-Wahl. Bei der U18-Wahl vor der vergangenen Landtagswahl 2021 lag bei den Jugendlichen die SPD mit rund 20 Prozent vorn, gefolgt von CDU, AfD, Grünen, FDP und Linke.

Welche Parteien dürften profitieren?

„Junge Menschen sind keine homogene Gruppe“, sagt Müller. Es komme etwa auf Bildung, Geschlecht und Wohnort an. Junge Frauen mit höherer Bildung in Großstädten seien etwa deutlich anders eingestellt als junge Männer außerhalb von Großstädten und ohne entsprechendes Bildungsniveau. Es lasse sich demnach nicht seriös sagen, dass eine bestimmte Partei automatisch profitiere.

Rund zwei Prozent der Wahlberechtigten sind unter 18 Jahre alt. (Symbolbild)Jens Büttner/dpa

Rund zwei Prozent der Wahlberechtigten sind unter 18 Jahre alt. (Symbolbild)Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

Bundesweite Studien zeigen laut Müller zuletzt besonders starke Potenziale für Linke und AfD, allerdings in sehr unterschiedlichen Gruppen. Es gehe also weniger um „die Jugend“ als Wählerblock als um sehr verschiedene junge Milieus.

Achour und Müller sind sich sicher: Parteien, die junge Menschen glaubwürdig ansprechen, hätten bessere Chancen. Inhalte müssten nicht nur verständlich sein, sondern könnten auch mit Witz oder Musik verpackt oder über bekannte Persönlichkeiten transportiert werden, sagt Achour. „Komplexe politische Zusammenhänge lassen sich aber nicht immer in wenigen Sekunden angemessen erklären. Deshalb sollte es nicht nur darum gehen, junge Menschen zu erreichen, sondern sie tatsächlich einzubeziehen.“

Könnten die unter 18-Jährigen das Zünglein an der Waage sein?

Jein. Rund zwei Prozent der Wahlberechtigten sind unter 18 Jahre alt – das sind weniger als 30.000 Menschen. Sie müssen am Wahltag mindestens 16 Jahre alt sein, um einen Stimmzettel ausfüllen zu dürfen. Erstwählerinnen und Erstwähler dürfte es deutlich mehr geben, zuletzt wurde der Landtag vor fünf Jahren gewählt.

„Allein entscheiden sie keine Landtagswahl“, sagt Müller. „In knappen Situationen können sie aber relevant werden, etwa bei Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde oder bei sehr engen Mehrheiten.“ Der größere Effekt sei aber unabhängig vom Wahltag: Wer früher wählen dürfe, setze sich früher mit Politik auseinander, oft noch in der Schule oder im Elternhaus, sagt Müller. Zudem könne wählen auch zur Gewohnheit werden: „Wer früh wählt, hat bessere Chancen, auch bei zukünftigen Wahlen wieder zu wählen.“

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