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Warum Wahlplakate zur Zielscheibe werden und trotzdem wirken

Im hessischen Kommunalwahlkampf häufen sich Angriffe auf Wahlplakate – doch warum bleiben sie für Parteien trotzdem ein zentrales Wahlkampfmittel?

Von Michael Bauer, dpa

03.03.2026

Zielscheibe von Vandalismus: Zerrissene und abgerissene Wahlplakate im Kommunalwahlkampf. Michael Bauer/dpa

Zielscheibe von Vandalismus: Zerrissene und abgerissene Wahlplakate im Kommunalwahlkampf. Michael Bauer/dpa

© Michael Bauer/dpa

Kaum hängen sie, sind sie vielerorts auch schon wieder zerrissen, beschmutzt, verbrannt, beschmiert. Wahlplakate gehören zu einem Wahlkampf wie der Senf zur Wurst. Doch die bunte Eigenwerbung der Parteien ist auch Zielscheibe von Vandalismus.

Fast täglich berichten Polizeidienststellen aus allen Teilen Hessens in den vergangenen Wochen von Angriffen auf Wahlplakate. So erfasste die Polizei beispielsweise in Stadt und Landkreis Offenbach sowie in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis in ihrem am Montag vorgelegten Wochenüberblick acht Straftaten. Die Zerstörungswut richtet sich hessenweit sowohl gegen Wahlwerbung im XXL-Format als auch gegen kleinere Plakate, die die Parteien gerne an Laternenmasten aufhängen. 

Landeskriminalamt beobachtet Anstieg von Straftaten

Genaue Zahlen zum Ausmaß der Übergriffe im laufenden Kommunalwahlkampf gibt es noch nicht. Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Im Vergleich zu den vier Wochen vor der Bundestagswahl 2025 zeigt sich nach Beobachtung des Hessischen Landeskriminalamtes aktuell ein deutlicher Anstieg von Straftaten gegen Wahlplakate in Hessen.

Dieser Anstieg lasse sich vor allem durch ein verändertes Anzeigeverhalten einiger Parteien erklären, insbesondere in Nordhessen, erläuterte ein LKA-Sprecher. „Hier melden vor allem die AfD und die Linke überdurchschnittlich viele Straftaten, häufig in Form von Sammelanzeigen ohne Hinweise auf Täter.“ Bei anderen Parteien oder kommunalen Bündnissen seien derzeit keine auffälligen Häufungen zu beobachten.

Zerstörungslust oder politische Motivation?

Was steckt hinter diesen Taten? Eine spontane Lust am Zerstören oder eine  politische motivierte Aktion gegen missliebige Parteien oder Politikerinnen und Politiker? 

„Die Motivationen der Täter sind schwer zu bestimmen, da die Aufklärungsquote bei diesen Delikten gering ist“, erklärt das LKA. „Sind gezielt Plakate einer Partei durch Straftaten betroffen, könnte dies auf eine politisch motivierte Straftat hinweisen. Bei Angriffen auf Plakate unterschiedlicher Parteien wird eher von Vandalismus, Jugendkriminalität oder allgemeiner Politikverdrossenheit ausgegangen.“

Täter bleiben oft unerkannt

Dass ein Täter oder eine Täterin erwischt wird, ist eher die Ausnahme. Doch die Täter können sich nicht immer darauf verlassen, unerkannt zu bleiben. Gibt es Festnahmen wie beispielsweise kürzlich in Offenbach, Fulda und Hainburg (Kreis Offenbach), handelt es sich laut Polizeiberichten häufig um Jugendliche.

Aber auch im Erwachsenenalter schlagen Täter zu. In Frankfurt wurde am Wochenende ein 43-Jähriger festgenommen, der zwei Wahlplakate abgerissen und verbrannt haben soll. Die Beamten stellten bei ihm einen Atemalkoholwert von drei Promille fest. Aufmerksame Zeugen traten den Brand aus. 

40 Jahre alte Frau festgenommen

In Eschwege wurde eine 40 Jahre alte Frau unter dem Verdacht vorläufig festgenommen, mindestens vier Wahlplakate in der Innenstadt mit Farbe besprüht haben. In der Regel würden Täter dann gefasst, wenn aufmerksame Zeugen die Polizei alarmierten, hieß es.

Vor jeder Wahl gehören die Plakate zum Stadtbild. (Archivbild) Michael Brandt/dpa

Vor jeder Wahl gehören die Plakate zum Stadtbild. (Archivbild) Michael Brandt/dpa

© Michael Brandt/dpa

Was bringen Plakate überhaupt?

Die politischen Parteien stecken viel Geld und Zeit in den Wahlkampf mit Plakaten. Doch bringen die bunten Plakate mit Gesichtern und Slogans überhaupt etwas in einer Zeit, in der sich alles nur noch um Social Media zu drehen scheint?

Wissenschaftlerin: Plakate sind nicht unmodern

„Die spezielle Qualität des Wahlplakats liegt in der Reduktion der Botschaft auf Logos, Bilder und einfache Slogans. Dies hat den Vorteil eines hohen Wiedererkennungswertes“, erklärt die Gießener Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève. Soziale Medien spielten heute natürlich eine wichtige Rolle. „Es gibt Parteien wie die AfD und die Linke, die das Potenzial sozialer Medien sehr professionell ausschöpfen. Doch dieses Format ersetzt keinen Haustürwahlkampf oder ein Gespräch am Wahlstand.“

Die Anforderungen an die Parteien, eine produktive Kampagne auf unterschiedlichen Kanälen zu organisieren, sind nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin sehr hoch. Gerade im ländlichen Raum sei dies wegen der zuweilen sehr dünnen Personaldecke eine enorme Herausforderung.

Laternenmaste sind beliebte Anbringungsmöglichkeiten. (Archivbild)Michael Brandt/dpa

Laternenmaste sind beliebte Anbringungsmöglichkeiten. (Archivbild)Michael Brandt/dpa

© Michael Brandt/dpa

Unterschied zwischen Stadt und Land

Wahlplakate gehören laut de Nève zum Standardrepertoire von Wahlkampagnen und sind damit Teil der politischen Tradition. „Bei der Kommunalwahl ist die Kandidatenorientierung besonders im ländlichen Raum wichtig. Auf Wahlplakaten sind dann also vertraute Gesichter des eigenen Lebensumfeldes zu sehen“, erläutert sie. 

In Städten sei diese Beziehung zu den Kandidaten weniger wichtig. Stattdessen spiele dann auch bei Kommunalwahlen die Parteiorientierung eine größere Rolle. „Wahlplakate vermitteln keine komplexen Botschaften und Inhalte. Sie sind jedoch ein wichtiges Signal im öffentlichen Raum“, erklärt die Politikwissenschaftlerin. 

Hohes Mobilisierungspotenzial

Die Plakate haben ihrer Ansicht nach aufgrund ihrer großen Reichweite ein hohes Mobilisierungspotenzial. „Denn keine anderen Wahlbotschaften stellen sich den Wählern so im wörtlichen Sinne in den Weg wie Wahlplakate“, sagt de Nève.

Die Polizei beobachtet im hessischen Kommunalwahlkampf eine Zunahme von Straftaten gegen Wahlwerbung.Carolin Eckenfels/DPA

Die Polizei beobachtet im hessischen Kommunalwahlkampf eine Zunahme von Straftaten gegen Wahlwerbung.Carolin Eckenfels/DPA

© Carolin Eckenfels/DPA

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