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So schlimm ist der Lehrermangel im Südwesten

Mehr besetzte Stellen, aber kaum weniger Unterrichtsausfall: Warum kommt die Entlastung an vielen Schulen nicht an? Gerade Kinder mit besonderem Förderbedarf trifft der Lehrermangel hart.

Von dpa

19.10.2026

Zwischen den Schularten gibt es erhebliche Unterschiede bei der Versorgung. (Symbolbild)Philipp von Ditfurth/dpa

Zwischen den Schularten gibt es erhebliche Unterschiede bei der Versorgung. (Symbolbild)Philipp von Ditfurth/dpa

© Philipp von Ditfurth/dpa

Fehlende Lehrkräfte, zusammengelegte Klassen und Hilfskräfte ohne Lehramtsstudium: An vielen Schulen in Baden-Württemberg bleibt die Personallage nach einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) angespannt. Besonders groß sind die Lücken ausgerechnet dort, wo Kinder intensive Unterstützung brauchen: an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Nur rund zwei Prozent der SBBZ melden eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent. 

Der VBE hat vom 5. bis 9. Oktober, also in der vierten Unterrichtswoche, Schulleitungen an Grundschulen, Schulen der Sekundarstufe I und Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zur Unterrichtsversorgung befragt. 749 Schulen haben sich demnach beteiligt - teilgenommen haben 409 Grundschulen, 211 Schulen der Sekundarstufe I und 129 Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren. Teilweise sei ein Vergleich mit einer Untersuchung aus 2024 möglich. 

Unterrichtsausfälle und Klassenzusammenlegungen 

Während sich an anderen Schulformen Verbesserungen zeigten, blieben die SBBZ abgehängt, so der VBE. Diese seien flächendeckend unterversorgt. „Ausgerechnet dort, wo Kinder und Jugendliche besonders intensive pädagogische Unterstützung benötigen, fehlen in erheblichem Umfang Lehrkräfte“, kritisiert VBE-Chef Gerhard Brand. 

78 Prozent der befragten Schulleitungen berichten von einer Unterrichtsversorgung von 90 Prozent oder weniger. Die personellen Engpässe gehen nach den Angaben vieler Leitungen mit Unterrichtsausfällen einher: Gut die Hälfte der befragten SBBZ meldet bereits zum Beginn des Schuljahrs ausfallende Stunden. 

Viele Beschäftigte ohne Lehramtsausbildung

Brand bemängelt auch den hohen Anteil von Beschäftigten ohne Lehramtsausbildung an den SBBZ. 62 Prozent der SBBZ geben an, dass bei ihnen Vertretungen ohne Lehramtsausbildung unterrichten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. An knapp jeder dritten dieser Schulen machen nicht originär ausgebildete Lehrkräfte rund 30 Prozent oder mehr des Kollegiums aus.

Die SBBZ litten schon immer an zu wenig Personal, erklärt Brand. Das liege daran, dass der Bereich für viele Studierende wohl nicht attraktiv genug sei. Gleichzeitig gebe es mehr Kinder mit Förderbedarf, etwa mit Diagnose Autismus. „Da treffen zwei ungünstige Entwicklungen aufeinander.“

Das Land müsse genügend qualifizierte Fachkräfte ausbilden und einsetzen, fordert der Verbandschef. „Sonderpädagogische Diagnostik und die Förderung von Kindern mit komplexen Unterstützungsbedürfnissen erfordern besondere fachliche Kompetenzen.“ Eine fundierte Ausbildung lasse sich nicht beliebig ersetzen. Sonderpädagogik soll demzufolge an allen sechs Pädagogischen Hochschulen angeboten und die Zulassungsbeschränkung abgeschafft werden.

Bessere Versorgung verhindert Ausfälle nicht

Besser ist die Entwicklung an den Schulen der Sekundarstufe I - also im Bereich der weiterführenden Schulen bis zum mittleren Abschluss: die Klassenstufen 5 bis 10. Dort geben inzwischen 34 Prozent der befragten Leitungen an, mindestens den vollen Unterrichtsbedarf abdecken zu können. 2024 waren es 25 Prozent. 

Trotzdem fällt an sechs von zehn Schulen in der Sekundarstufe I Unterricht aus. An den Grundschulen sind es 37 Prozent, an den SBBZ 51 Prozent. „Der Unterrichtsausfall bleibt nahezu unverändert hoch. Die teilweise bessere Personalausstattung kommt im Schulalltag zu wenig an“, erklärt Brand.

Mehrarbeit, größere Klassen und Pensionäre

An den Grundschulen erreichen unverändert rund 38 Prozent der Befragten eine volle Versorgung. Viele Schulen müssen improvisieren: 55 Prozent gleichen fehlendes Personal durch Mehrarbeit aus, 42 Prozent legen Klassen zusammen. An drei von zehn Schulen helfen Pensionäre aus. 

Der Schulalltag bleibe extrem störanfällig, kritisierte Brand. Dem VBE zufolge fehlen Reserven etwa für Erkrankungen, Fortbildungen oder zusätzliche Aufgaben. Für den Unterricht verlangt Brand eine Personalversorgung von mindestens 110 Prozent, um Ausfälle auffangen zu können.

Ganztag: Zu wenig Personal und Platz

Auch die Ganztagsbetreuung bereitet der Umfrage zufolge Probleme. Seit diesem Schuljahr gilt der Rechtsanspruch zunächst für Erstklässler. Drei Viertel der befragten Grundschulleitungen halten unter den derzeitigen Bedingungen eine hochwertige Ganztagsbetreuung nicht für möglich. Rund die Hälfte bezweifelt, dass der Rechtsanspruch die Chancengleichheit erhöht.

Als Herausforderungen nennen 71 Prozent den Mangel an qualifiziertem Personal und 63 Prozent unzureichende Räumlichkeiten. 46 Prozent verweisen auf zusätzliche Belastungen für Lehrkräfte. Zwischen dem politischen Anspruch beim Ganztag und den Voraussetzungen vor Ort klafften erhebliche Lücken, so Verbandschef Brand. Neben pädagogischen Fachkräften und Lehrern würden viele Quereinsteiger, Ehrenamtliche, Studierende und Kräfte ohne Ausbildung eingesetzt. Der VBE fordert einen verbindlichen Qualitätsrahmen für den Ganztag, Fortbildungen und eine bedarfsgerechte Finanzierung.

Der VBE vertritt nach eigenen Angaben über 18.000 Mitglieder im Bildungsbereich.

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