Zeuge zu Drogenlabor: Rauschgift überall in Halle verteilt
Vor gut einem Jahr hoben Ermittler ein riesiges Drogenlabor aus. Hunderte Kilogramm synthetischer Drogen sollen dort produziert worden sein. Ein Zollfahnder berichtet vor Gericht von den Dimensionen.
Zwei Männer sind wegen Drogenhandels angeklagt.Soeren Stache/dpa
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Riesige Müllberge, heimliche Übergaben, schlimme Gerüche: Im Prozess um ein riesiges Drogenlabor im brandenburgischen Nauen hat einer der Zollfahnder von der Dimension des Labors berichtet. Bei der Durchsuchung im Herbst 2025 hätten die Ermittler ein enormes Arsenal von Hilfsmitteln und Stoffen zur Drogenproduktion gefunden, sagte der Zollinspektor zu Prozessbeginn vor dem Landgericht in Potsdam. Drei Beamte wurden bei der Durchsuchung der Halle durch giftige Dämpfe an den Augen verletzt.
Die beiden polnischen Angeklagten im Alter von 54 und 42 Jahren äußerten sich zunächst nicht. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, mit weiteren Menschen in einer Lagerhalle synthetische Betäubungsmittel hergestellt und damit Handel getrieben zu haben. Zwischen 2023 und 2025 sollen sie laut Anklageschrift Hunderte Kilogramm der Partydrogen 3-CMC und 4-CMC hergestellt und verkauft haben. Die Ermittler fanden Müllmengen, die auf die Herstellung erheblicher Mengen hindeuteten.
300 Kilogramm Drogen waren in Halle verteilt
„Es lag eine Unterteilung der Räume vor“, führte der Zoll-Beamte aus. So habe es etwa einen eigenen „Kristallisationsraum“ gegeben. Es sei „sehr unordentlich“ gewesen - die Kanister seien bis unter die Decke gestapelt gewesen. Die Kreativität, mit der dort offenbar operiert worden sei, sei beeindruckend gewesen. Es habe „selbstgebaute Reaktionsgefäße und Rührvorrichtungen“ gegeben.
Rund 300 Kilogramm der Drogen fanden die Ermittler in der Halle verteilt. „Bis zum letzten Tag“ seien dort Krümel der synthetischen Stoffe gefunden worden. Allein aus den gefundenen Chemikalien hätte man noch Hunderte Kilogramm der synthetischen Betäubungsmittel herstellen können, führte der Zollmitarbeiter aus. Durch die Dämpfe der Chemikalien erlitten drei Beamte schwere Augenreizungen.
DNA-Spuren von weiteren Menschen
„Hauptspurenverursacher“ seien die beiden Angeklagten, sagte der Zeuge. Es wurden jedoch auch DNA-Spuren von zwei anderen Menschen festgestellt. Die beiden Angeklagten wurden dann in ihren Wohnungen angetroffen. Mehrere Kilogramm der Drogen - verpackt in vakuumierten Beuteln - fanden die Beamten vor Ort. 37 Handys lagen in den Wohnräumen verteilt. Es gab schriftliche Aufzeichnungen, die Auskünfte über Transporte, die chemischen Prozesse und Geldbeträge gaben. Zudem wurden mehr als 200.000 Euro in bar und rund 160.000 polnische Złoty gefunden.
Daten aus elektronischen Geräten, die im Nachgang ausgewertet wurden, zeigten, dass nach der Herstellung mit den Drogen gehandelt wurde. „Sie werden in Polen angeboten, die werden in Deutschland angeboten“, erzählte der Zoll-Inspektor. Demnach sollen die Drogenproduzenten sogar beratend tätig gewesen sein und anderen bei der Herstellung von Drogen geholfen haben.
Halle wurde bereits 2022 angemietet
Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Taten seit September 2023 vor. Der Mietvertrag für die Halle, in der das Labor ausgehoben wurde, galt jedoch schon seit September 2022. Die Kriminellen sollen laut dem Zoll-Inspektor einen obdachlosen Strohmann für die Anmietung genutzt haben. Der Mann sei mittlerweile aber gestorben, berichtete der Beamte. Bei Vertragsabschluss war laut dem Ermittler keiner der Beschuldigten vor Ort.
In den Jahren danach operierten die mutmaßlichen Täter zunächst unentdeckt. Nachbarn berichteten im Zuge der Ermittlungen jedoch von „Umladetätigkeiten in der Nacht“ und „massiver Geruchsbelästigung“. Irgendwann wurden laut den Ermittlern die Fenster der Lagerhalle abgeklebt.
Den Anstoß für die Ermittlungen bekamen die deutschen Beamten im Mai 2025 durch einen Hinweis der polnischen Polizei. Diese berichteten, dass Grundstoffe zur Herstellung synthetischer Drogen nach Deutschland geschafft wurden. Die Ermittlungen führten letztlich zur Festnahme der zwei Männer, die sich nun vor dem Landgericht verantworten müssen. Nach Beginn der Ermittlungen beobachteten die Polizeibeamten mehrere Übergaben, bei denen Transporter „Tür an Tür“ nebeneinander parkten und große Kanister mit transparenter Flüssigkeit übergeben wurden. Die Stoffe sollen in die Lagerhalle nach Nauen gebracht worden sein.
Drogenherstellung in großem Stil
Für die Ermittler war der Fund des Drogenlabors in Nauen ein bislang beispielloser Fall. Sie stießen auf tonnenweise Chemikalien und Mengen an Müll, die wegen der schieren Menge über mehrere Tage abtransportiert wurden.
Der Einsatzleiter der Zollfahndung, Henner Grote, sagte nach dem Einsatz im Herbst: „Das Besondere ist die Größe: Ich mache die Arbeit seit über 30 Jahren. Ich habe so ein Labor noch nie gehabt.“ Tagelang waren die Ermittler damit beschäftigt, die Halle zu räumen. „Das ist schon ein sehr großes Ding“, sagte der Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg, Christian Lanninger.
Mutmaßliche Partydrogen hergestellt
Nach dem Zugriff folgte eine lange Untersuchung der Chemikalien. Die Ergebnisse werden auch Gegenstand der Hauptverhandlung sein. Nach ersten Ergebnissen der Zollfahndung wurden die Drogen 3-CMC und 4-CMC gefunden. Sie gehörten zu den Amphetaminen und seien als Partydroge einzustufen, sagte ein Polizeisprecher. Crystal Meth wurde nach bisherigen Erkenntnissen nicht produziert.
Die Polizei sah synthetische Drogen zuletzt stark auf dem Vormarsch. Berlin mit seiner Partyszene sei der Hotspot für aufputschende Partydrogen, sagte ein Sprecher. Drogenhersteller bauten deshalb öfter rund um Berlin ihre Labore auf. Hier fühlten sie sich abgeschottet. Zudem sei die Anmietung von Hallen in Brandenburg meist günstiger als in Berlin.