Pro-Olympia-Material an Schulen sorgt für Streit in Hamburg
Rund zwei Monate vor dem Olympia-Referendum gibt es Streit um Unterrichtsmaterialien: Werden die Schülerinnen und Schüler ausreichend über Gegenargumente informiert?
Die Innenbehörde hat Hamburgs Schulen mit Unterrichtsmaterialien für Olympische Spiele in der Hansestadt versorgt. Stimmen von Olympia-Gegnern verschickte sie nicht. (Archivbild)Peter Kneffel/dpa
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Hamburgs Kinder und Jugendliche sollen in den Schulen über die geplante Olympia-Bewerbung der Hansestadt diskutieren, findet der rot-grüne Senat. Die SPD-geführte Innenbehörde hat deshalb bereits Infomaterial und Themenvorschläge verschickt und auch Recherchehinweise gegeben - allerdings nur in ihrem Sinne, also Pro-Olympia. Die ebenfalls SPD-geführte Schulbehörde findet das in Ordnung. Das Material sei vom Amt für Bildung geprüft „und als weitergabefähig eingeschätzt“ worden, sagt ein Sprecher. Die Olympia-Gegner sehen darin einen Verstoß gegen den Beutelsbacher Konsens.
Was ist der Beutelsbacher Konsens?
Der inzwischen 50 Jahre alte Beutelsbacher Konsens mit seinen drei Grundsätzen gilt nach wie vor als Standard für eine demokratische und verantwortungsvolle Bildungsarbeit in Deutschland. Demnach dürfen Lehrkräfte Schülern nicht ihre eigene Meinung aufzwingen, sollen sie vielmehr in die Lage versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zweitens gilt: Was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, soll auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. Am Ende soll der Schüler eigenständig die politische Lage und seine eigene Position darin analysieren können, um sich in seinem Sinne aktiv am politischen Prozess beteiligen zu können.
Was hat die Innenbehörde gemacht?
Angesichts des Bürgerschaftsreferendums am 31. Mai, bei dem alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren über eine Olympia-Bewerbung der Hansestadt entscheiden können, hatte die Innenbehörde bereits Anfang Februar in einem Schulbrief - unterschrieben vom Vorprojektteam für die Olympischen und Paralympischen Spiele – Unterrichtsmaterialien zu olympischen Werten und zum Hamburger Bewerbungskonzept angekündigt.
Die Olympia-Gegner von NOlympia sehen im Vorgehen der Innenbehörde einen Verstoß gegen den Beutelsbacher Konsens.(Archivbild)Georg Wendt/dpa
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Zudem sollte es Unterstützung bei der Einbindung in schulsportliche Veranstaltungen und einen Aufruf zu ehrenamtlichem Engagement von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern als Volunteers geben. Anfang März erreichten die Materialien dann die ersten Schulen, zunächst vom Vorprojektteam selbst, später direkt von der Schulbehörde. In allen Fällen strahlten die Papiere in den Farben der Olympia-Bewerbung.
Was steht in den Materialien drin?
Für die Klassen 8 bis 10 lautet etwa ein Thema „Wie würde ich abstimmen? Argumente recherchieren, gewichten und das Referendum nachspielen“. In Aufgabe eins heißt es: „Nutze dazu die Internetseiten aus der Info-Box als Grundlage.“ Doch die wiederum verweist allein auf die eigens für die Olympia-Bewerbung eingerichtete Homepage der Innenbehörde sowie auf eine „Tagesschau“-Bilanz der Sommerspiele 2024 in Paris.
Für die Klassen 11 bis 13 schlägt die Innenbehörde vor, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Bewerbungskonzept des Senats beschäftigen sollen. Die dafür notwendigen Materialien aus Sicht der Innenbehörde? Die Olympia-Homepage, die Websites der fünf Bürgerschaftsfraktionen mit deren Stellungnahmen zu Olympischen Spielen sowie für die Schülerinnen und Schüler die von der Behörde erstellten Kopiervorlagen. Kein Wort dazu, dass im Abstimmungsheft zum Referendum gleichberechtigt auch eine Stellungnahme der Olympia-Gegner von NOlympia abgedruckt sein wird.
Was sagt die Schulbehörde dazu?
„Aus Sicht der Bildungsbehörde werden die Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses eingehalten. Auf Grundlage der vorliegenden Materialien und Quellen sowie eigener Recherche können und sollen sich Schülerinnen und Schüler zu einem eigenen Urteil gelangen“, sagt ein Behördensprecher. Dass auf die ebenfalls online abrufbaren umfangreichen Informationen der Olympia-Gegner nicht verwiesen worden sei, liege daran, dass zum Zeitpunkt des Versands der Materialien der Senat noch nicht formell festgestellt habe, „dass die Unterschriftensammlung von NOlympia erfolgreich war“.
Die SPD-geführte Schulbehörde hat am Vorgehen der ebenfalls SPD-geführten Innenbehörde dagegen nichts auszusetzen. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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Die Gegner von Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg hatten bereits am 21. Februar, also deutlich vor dem Versand der Materialien, nach eigenen Angaben 19.423 Unterschriften an den Landeswahlleiter übergeben - fast doppelt so viele wie nötig. Die Überprüfung und Bestätigung von mindestens 10.000 gültigen Unterschriften durch den Senat erfolgte dann tatsächlich erst am 17. März. Ob die NOlympia-Leute nun ebenfalls ihr Infomaterial an den Schulen verteilen dürfen, kläre die Schulbehörde derzeit mit der Innenbehörde, sagt der Sprecher - „zumal inzwischen die Homepage von NOlympia online ist und dort auf umfangreiche Materialien zurückgegriffen werden kann“.
Wie finden das die NOlympia-Vertreter?
„Zu einem Zeitpunkt, wo die Regierungsparteien sich über die vermeintlichen Fesseln des Neutralitätsgebots bei Volksentscheiden mokieren, ist es erstaunlich wie unreflektiert die Schulbehörde der Hamburger Olympiawerbeabteilung direkten Zugang zu den Lehrkräften ermöglicht“, sagt NOlympia-Sprecher Eckart Maudrich. Er verweist etwa auf Volunteering-Avancen oder die Unterrichtsmaterialien auf Olympiabewerbungspapier, „die eine deutliche Quellenunwucht zugunsten der Olympiawerbeabteilung“ hätten.
Was fehlt?
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) geändert habe. Die Stadt müsse sich jetzt nicht mehr den Spielen anpassen, sondern vielmehr die Spiele der Stadt. Eine Aussage, denen etliche widersprechen dürften. Eine Diskussion in den Schulen über das IOC selbst ist in den Papieren der Innenbehörde dennoch nicht vorgesehen.
Dabei gäbe es durchaus Themen. Etwa über die Frage, ob es angemessen ist, dass Russland trotz seines Angriffskriegs in der Ukraine bei den Paralympics in Italien bei der Eröffnungs- und Abschlussfeier wieder mit Flagge und Hymne einlaufen durfte, während zuvor der ukrainische Skeleton-Pilot Wladyslaw Heraskewytsch vom IOC disqualifiziert worden war, weil er auf seinem Helm im Krieg gefallener Sportlerinnen und Sportler gedenken wollte.
NOlympia wirft der Schulbehörde nun vor, unreflektiert „der Hamburger Olympiawerbeabteilung direkten Zugang zu den Lehrkräften ermöglicht“ zu haben. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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Ein weiteres Thema könnte sein, ob das IOC mit seinem Bestehen auf politische Neutralität beim ukrainischen Skeleton-Fahrer glaubwürdig ist, wenn es gleichzeitig in Italien im offiziellen Fanshop T-Shirts mit dem Motiv von Olympia 1936 in Berlin verkaufen ließ. Die Spiele wurden damals von den Nazis als weltoffenes, tolerantes und friedliebendes Propaganda-Spektakel missbraucht. Hinter den Kulissen wurden längst Juden und Andersdenkende unterdrückt und eingesperrt.
Gibt es direkte Gespräche von Abgeordneten und Schülern?
Vor dem Bürgerschaftsreferendum 2015, das letztlich die Olympia-Gegner für sich entschieden, gab es an vielen Hamburger Schulen die „it’s your choice“-Tour. Schülerinnen und Schüler konnten dabei mit Abgeordneten aller Fraktionen und NOlympia-Vertretern über das Für und Wider von
Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg diskutieren. Das Ziel war, die Jugendlichen für das Thema zu interessieren und für eine Beteiligung an dem Referendum zu gewinnen. Diesmal wird es das nicht geben. Der Sportausschuss der Bürgerschaft hat einen entsprechenden Antrag der Linken bereits mit den Stimmen der SPD, der Grünen und der CDU abgelehnt.
Für den 28. April organisiere die Bürgerschaftskanzlei stattdessen im Rathaus eine per Livestream übertragene Diskussionsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern aller Fraktionen sowie mit Parlamentspräsidentin Carola Veit und Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD), sagt der Sprecher der Schulbehörde. Die Veranstaltung richte sich an Schülerinnen und Schüler ab Klasse zehn. Etwa 90 von ihnen würden persönlich ins Rathaus geladen - von insgesamt fast 271.000 Schülerinnen und Schülern in Hamburg.