Kinderrückgang: Diese Ideen sollen Thüringens Kitas helfen
Fusionsprämien, Filialmodelle, mehr Geld pro Kind und Sockelfinanzierung: Thüringens Politik sucht Wege gegen das Kita-Sterben. Im Fokus stehen vor allem kleinere Einrichtungen.
Kleinere Kindergärten in Thüringen stehen teilweise unter Druck. Grund ist der demografische Wandel. (Symbolbild)Sebastian Kahnert/dpa
© Sebastian Kahnert/dpa
Geburtenschwache Jahrgänge bringen Kindergärten in Thüringen teils in Bedrängnis: Plätze bleiben frei, weniger Geld steht zur Verfügung. Nun wollen Thüringens Bildungsminister Christian Tischner (CDU) und die Regierungskoalition aus CDU, BSW und SPD das Kindergartengesetz ändern und vor allem kleineren Einrichtungen finanziell stärker unter die Arme greifen. Die SPD sieht sich bestätigt - sie hatten ähnliche Vorschläge bereits im vergangenen Sommer vorgebracht. Doch es gibt noch mehr Ideen, wie den Kindergärten geholfen werden soll.
Warum geraten kleinere Kindergärten unter Druck?
Grund ist der demografische Wandel. Thüringens Bevölkerung altert und es kommen immer weniger Kinder nach. Im Jahr 2024 gab es ein historisches Geburtendefizit im Freistaat. Statistisch wurden pro Tag 32 Babys geboren, während 83 Menschen in Thüringen starben.
In den Kindergärten ist der Trend längst angekommen und könnte sich die kommenden Jahre noch zuspitzen. Nach Daten des Statistischen Landesamtes, die dpa vorliegen, werden in Thüringen mehr als 21.000 Kinder in Einrichtungen betreut, die weniger als 50 Kindergartenkinder insgesamt haben. Rund 1500 Kinder besuchen sogar Einrichtungen, die insgesamt weniger als 21 Kindergartenkinder haben.
SPD-Bildungspolitiker Matthias Hey will einer Schließungswelle gegensteuern. (Archivbild)Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa
„Natürlich ist so ein Kindergarten irgendwo auch ein Wirtschaftsfaktor“, sagt der SPD-Bildungspolitiker Matthias Hey. Einrichtungen, so Hey, könnte sich nur dann tragen, wenn die Kinderzahlen es hergeben, dass Hausmeister, Strom, Gas und pädagogisches Personal bezahlt werden können. Das werde für viele kleineren Einrichtungen aber immer schwieriger. Wegen des Geburteneinbruchs haben Einrichtungen, die einst um die 40 Kindergartenkinder hatten, inzwischen nur noch 20 oder 25, sagte Hey.
Bereits Ende 2024 habe ein „Wegsterben der Kindergartenstruktur“ eingesetzt - eine Schließungswelle. Grund sei auch das System, nach dem die Finanzierung organisiert werde. „Die Landesmittel werden schon pro Kopf verschlüsselt an die Einrichtungen gegeben“, erläutert Hey. Bedeutet: Hat eine Einrichtung weniger Kinder, bekommt sie weniger Geld.
Stehen damit kleinere Kitas vor dem Aus?
Das ist die Befürchtung vieler Bildungspolitiker, die deshalb gegensteuern wollen. „Ein Kindergarten ist tatsächlich so eine Art Anker in einem Ort“, sagt Hey. Die Politik tue viel dafür, dass junge Menschen in den ländlichen Raum ziehen. Dafür spielten Kindergärten eine große Rolle. Wenn man weiter abwarte, würden weitere Kindergärten sterben.
Die Linke-Bildungspolitikerin Ulrike Grosse-Röthig sagte, ein Kindergarten sei ein „Ort des Lebens“. „Ein Kindergarten ist mehr als eine Bildungsstätte, er ist ein ganz wichtiges Zentrum im Ort.“
Linke-Bildungspolitikerin Ulrike Grosse-Röthig brachte weitere Vorschläge ins Spiel. (Archivbild)Michael Reichel/dpa
© Michael Reichel/dpa
Welche Hilfen plant die Brombeer-Koalition?
Pläne der Regierungskoalition sehen vor, kleineren Kindergärten einen Zuschlag zum Pro-Kopf-Beitrag zu gewähren. Hey spricht von einer „Veredelung“. „Das soll die Träger davon abhalten, solche Schließungspläne weiter zu betreiben.“ Als Vorbild nannte er Bayern, wo Einrichtungen als kleine Kindergärten gelten, die zwischen fünf und zehn Kinder haben. „Wir wollen diesen Schlüssel ansetzen bei allen Kindergärten, die unter 50 Kinder haben.“
Der BSW-Bildungspolitiker Dirk Hoffmeister sagte, damit könnten kleinere Kitas vielleicht noch eine Weile am Leben erhalten werden. Zugleich betonte er aber: „Trotz aller finanziellen Hilfen, die wir hier zur Verfügung stellen, werden wir die Schließung von Kindergärten nicht vermeiden können.“ Er verwies darauf, dass die Geburtenraten bis 2030 weiter zurückgehen könnten. Es wäre unredlich, den Menschen zu suggerieren, dass jede Kita auch dauerhaft erhalten werden könnte. Schließe ein Träger eine Kita, sei das immer eine betriebswirtschaftliche Entscheidung des Trägers, so Hoffmeister.
Die Schließung von Kindergärten sei trotz verbesserter Finanzierung nicht zu vermeiden, sagt BSW-Bildungspolitiker Dirk Hoffmeister. (Archivbild)Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Welche Ideen werden noch diskutiert?
Die Linke-Politikerin Grosse-Röthig spricht sich für eine Sockelfinanzierung aus. Ein Sockelbetrag plus Kopfpauschalen, so schlägt es die Linke vor, sollen kleineren Kitas dabei helfen, am Leben zu bleiben. „Das wird das Land etwas kosten“, sagte Grosse-Röthig. Man müsse darüber reden, welche Infrastruktur sich das Land leisten will und muss.
Die Vorschläge aus den Reihen der Regierungskoalition sehen auch Fusionsprämien für Kindergärten vor. Grosse-Röthig bringt zudem Filial-Lösungen ins Spiel: Nach dieser Idee würde es eine größere und mehrere kleine Einrichtungen geben, wobei die Größere Personal an die Kleineren entsendet. Damit könnten Urlaubs- oder Krankheitszeiten besser abgefangen werden, so Grosse-Röthig. „Es wäre vor Ort damit immer noch eine Kinderbetreuung möglich.“
Hoffmeister sagte, man müsse auch Tagesmütter und -väter mit einbeziehen. Außerdem gab der BSW-Politiker zu bedenken, dass bei längeren Wegen zu den Kindergärten Transport ein Thema sei.