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Führung und Stress: Wie Arbeit das Wohlbefinden beeinflusst

Psychische Erkrankungen sorgen in Schleswig-Holstein für mehr Fehltage als je zuvor. Warum Stress am Arbeitsplatz oft unterschätzt wird – und wie Führung das Wohlbefinden beeinflussen kann.

Von Felix Müschen (Text) und Frank Molter (Foto), dpa

04.10.2026

 „Ein Ausfall wegen einer psychischen Erkrankung dauert im Schnitt rund einen Monat“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler.Frank Molter/dpa

„Ein Ausfall wegen einer psychischen Erkrankung dauert im Schnitt rund einen Monat“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler.Frank Molter/dpa

© Frank Molter/dpa

Bei psychischen Erkrankungen müssen Arbeitgeber mit längeren Ausfällen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rechnen als bei anderen Krankheiten. „Ein Ausfall wegen einer psychischen Erkrankung dauert im Schnitt rund einen Monat“, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Insgesamt steigt die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen in Schleswig-Holstein. Ende Juli hatte eine Krankenstandsanalyse im Auftrag der DAK-Gesundheit gezeigt, dass die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 um 15 Prozent gestiegen sind. 

Den Angaben nach stieg die Zahl der Fehltage je 100 Beschäftigte von 187 im ersten Halbjahr 2025 auf 214 im ersten Halbjahr 2026. Damit ist diese Diagnose nun die häufigste Ursache für Fehlzeiten. Ausgewertet wurden die Daten von rund 111.000 berufstätigen DAK-Versicherten im nördlichsten Bundesland.

Macht Arbeit krank?

Laut der Wirtschaftswissenschaftlerin kann nicht abgelesen werden, welche Erkrankungen durch die Arbeit verursacht werden. Denn Arbeit ist nicht der einzige Lebensbereich, der Menschen belastet. Auch private, soziale und wirtschaftliche Faktoren können eine Rolle spielen. 

„Teil der Wahrheit ist, dass Menschen einen erheblichen Anteil der Zeit in der Arbeit verbringen und die Arbeit in der Regel auch eine hohe Wichtigkeit für die Menschen hat“, so Buengeler.

Zudem ist Arbeit mit zahlreichen sozialen Beziehungen und Netzwerken verbunden. Andere Menschen am Arbeitsplatz können das Wohlbefinden stärken, aber auch belasten. Hinzu kommen steigende Anforderungen, neue Technologien und Veränderungen der Arbeitsorganisation. 

„Da ist es manchmal schwer, genau zu sagen, welcher Faktor in einem bestimmten Fall wozu geführt hat“, sagte die Professorin. Zudem sei das Bewusstsein gegenüber psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen und es habe eine Entstigmatisierung stattgefunden.

Welchen Einfluss Stress haben kann

Dabei kann gerade Stress laut der Professorin über die Zeit krank machen: Anforderungen am Arbeitsplatz könnten Stress auslösen und das Wohlbefinden mindern. Schädlich seien sie aber nicht automatisch. Sie könnten Menschen auch anspornen, wenn sie über genügend Zeit, Einflussmöglichkeiten und andere Ressourcen verfügen, um diese zu bewältigen. 

Problematisch werde es, wenn die Anforderung über längere Zeit größer ist als die verfügbaren Ressourcen. Wichtig sei eine Balance, so Buengeler. Halte ein Ungleichgewicht an, lasse es sich irgendwann nicht mehr ausgleichen: „Dann sind auch die persönlichen Reserven erschöpft.“

Belastend könne auch Unterforderung sein, etwa durch eintönige Arbeit. Sie könne stark ermüden und Stress auslösen. Buengeler unterscheidet zwischen Anforderungen, die bei ausreichenden Ressourcen sogar anregend wirken können, und Bedingungen, die nicht zur Entwicklung beitragen. 

Anregend seien Herausforderungen, die Gelegenheit zum Wachstum bieten, wie ein spannendes Projekt, die Übernahme von Führung, die Zusammenarbeit mit neuen Personen oder das Lösen kniffliger Probleme. Auch wenn eine Tätigkeit wenig biete: Entscheidend sei, ob die Menschen die Möglichkeiten haben, mit den Anforderungen umzugehen.

Führung beeinflusst das Wohlbefinden

Die Art der Führung beeinflusst laut Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler maßgeblich, wie es den Mitarbeitenden geht.Frank Molter/dpa

Die Art der Führung beeinflusst laut Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buengeler maßgeblich, wie es den Mitarbeitenden geht.Frank Molter/dpa

© Frank Molter/dpa

Eine zentrale Rolle spielen dabei die Führung und die Aufmerksamkeit der Führungskraft. Denn Führung könne Mitarbeitende mit Ressourcen versorgen und Anforderungen abbauen - oder zu einem ungünstigen Verhältnis beitragen. Die Art der Führung beeinflusst laut Buengeler maßgeblich, wie es den Mitarbeitenden geht. 

Beziehungsorientiertes Führungsverhalten (unterstützend und wertschätzend), aufgabenorientiertes (klare Ziele und Struktur) und veränderungsorientiertes (inspirierend, charismatisch) gehe in der Regel mit höherem Wohlbefinden einher. Das gelte ebenso für ermächtigende, ethische oder dienende Führung. 

Aktiv-destruktives Führungsverhalten wie Mobbing, Herabsetzen oder übermäßige Kritik oder auch passive Laissez-faire-Führung schade hingegen, vor allem wenn es wiederholt auftritt. Auch autoritäre Führungsstile, die keinen Widerspruch dulden, hinterließen Spuren. Die Wissenschaftlerin weist dabei auf die Gefahr von „Trickle-down-Effekten“ in Unternehmen hin: Was auf höheren Führungsebenen geschieht, setzt sich oftmals nach unten fort. 

Führungskräfte brauchen ebenfalls Unterstützung

Führungskräfte stehen laut der Wissenschaftlerin unter immensem Druck, und Anforderungen an sie sind spürbar gestiegen. Besonders in der Pandemie habe sich das gezeigt: Plötzlich hätten sie viele zusätzliche Entscheidungen treffen und auch persönliche Notlagen im Team bewältigen müssen. Bei Zukunftsängsten, Unsicherheiten oder finanziellen Bedrohungen richteten sich Blicke verstärkt auf sie. Ihr Verhalten wirke dann stärker - positiv wie negativ.

Schwäche zuzugeben, falle Führungskräften oft besonders schwer und sei mit einem Stigma behaftet, sagt Buengeler. Gerade deshalb bräuchten Führungskräfte Unterstützung. Gleichzeitig sollten sie selbst entscheiden, ob und wie sie ihre Situation offenlegen. Wenn jedoch Mitarbeitende und die Arbeit stark darunter litten, müssten schnell Wege gefunden werden, um die Situation zu verbessern.

Wo Arbeitgeber ansetzen können

Arbeitgeber könnten vor allem bei der Gestaltung der Arbeit ansetzen. Aufgaben sollten so zugeschnitten sein, dass sie machbar und zugleich sinnvoll und motivierend bleiben. Das helfe, Menschen langfristig engagiert und gesund zu halten. Arbeitgeber, die es ernst meinen, müssen laut der Professorin die Arbeitsumgebung und die Aufgabenverteilung genau prüfen. 

„Habe ich gewisse Entscheidungsspielräume, erhalte ich Feedback auf meine Arbeit und sehe ich, was aus meiner Arbeit geworden ist? Habe ich abwechslungsreiche Aufgaben, bei denen ich auch weiterhin etwas lernen kann?“, führte die Wissenschaftlerin aus. Neben dem Fokus auf Führung und gute Teamarbeit seien dies einige der wichtigsten arbeitsbezogenen Hebel, damit Menschen zufrieden und motiviert bleiben und mit arbeitsbezogenen Anforderungen gut umgehen können.

Außerdem gehöre zur Gesundheit die Möglichkeit, sich nach Feierabend von der Arbeit zu lösen. „Wenn ich das Gefühl habe, mich nie wirklich aus der Arbeit herausziehen und völlig abschalten zu dürfen, wird Erholung erschwert“, sagte Buengeler. Das wirke sich oft auch auf den Schlaf aus. „Darunter leiden die eigenen Ressourcen, und ich komme am nächsten Tag weniger fit an.“ So komme es zu einem Kreislauf aus Erschöpfung und neuer Belastung.

Verpflichtungen auch in der Freizeit

Zu diesem Kreislauf kann es Experten zufolge auch kommen, wenn die Last des Alltags in der Freizeit bestehen bleibt. Wer auch in der freien Zeit einem engen Programm folge, ständig erreichbar bleibe oder sogar die eigene Erholung optimiere, komme innerlich kaum zur Ruhe, sagte Ulrich Reinhardt, der wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. 

Hobbys können laut Ulrich Reinhardt als bewusster Gegenpol zur Beschleunigung helfen. (Archivbild)Sven Hoppe/dpa

Hobbys können laut Ulrich Reinhardt als bewusster Gegenpol zur Beschleunigung helfen. (Archivbild)Sven Hoppe/dpa

© Sven Hoppe/dpa

Hobbys könnten als bewusster Gegenpol zur Beschleunigung helfen. Doch viele Bürgerinnen und Bürger spürten den Druck, nichts verpassen zu dürfen. Laut Reinhardt gibt es immer mehr kommerzielle Angebote für die Freizeit. Dazu kämen Einladungen und soziale Verpflichtungen. Kurzum: Es gebe immer mehr Möglichkeiten, aber nicht mehr freie Zeit. Sie liegt Berechnungen zufolge seit rund 40 Jahren an einem Werktag fast unverändert bei vier Stunden.

Überdies sind laut dem Freizeitmonitor der Stiftung mittlerweile sieben der zehn häufigsten Unternehmungen digital. Regenerative Tätigkeiten sowie persönliche Treffen mit Familie, Freunden oder Nachbarn kämen deutlich seltener vor. Zu wenig Pausen bedeuten nach Ansicht des Wissenschaftlers zu wenig Erholung, weniger reale Kontakte führen zu geringerer sozialer Einbindung - und damit zu weniger Ausgleich für die Psyche. Das kann, muss aber nicht, krank machen.

Arbeit ist einer von vielen Lebensbereichen, der Menschen belastet. (Symbolbild)Frank Molter/dpa

Arbeit ist einer von vielen Lebensbereichen, der Menschen belastet. (Symbolbild)Frank Molter/dpa

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