„Als wäre man aus seinem eigenen Haus ausgesperrt“
Die Verbandsgemeinde Rhein-Nahe kämpft nach einem Cyberangriff mit Einschränkungen und muss Pragmatismus an den Tag legen. Dass rheinland-pfälzische Kommunen angegriffen werden, ist kein Einzelfall.
Über IP-Adressen hätten Spezialisten erkannt, dass der Angriff aus Russland und anderen Ländern in Europa kam. (Symbolbild)Sina Schuldt/dpa
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Als wäre man aus seinem eigenen Haus ausgesperrt. So beschreibt Benedikt Seemann, wie es sich in der Verbandsgemeinde Rhein-Nahe im Landkreis Mainz-Bingen seit dem 16. Juli anfühlt. Seemann ist CDU-Bürgermeister der Kommune. Und die Gemeinde ist Opfer eines Cyberangriffs geworden, offenbar aus Russland und anderen Ländern.
„Du nimmst nicht punktuell auf die Sekunde wahr: Ups, Cyberangriff. Da erscheint kein Totenkopf auf dem Bildschirm, wie in Filmen.“ Viel mehr merke man, dass da was im System sei, beschreibt es Seemann. Doch relativ schnell sei klar geworden, was Sache sei: „Das war eine richtige Cyberattacke.“ Die Gemeindeverwaltung sei aus ihrem eigenen System ausgesperrt worden.
Über IP-Adressen hätten Spezialisten erkannt, dass der Angriff aus Russland und anderen Ländern in Europa gekommen sei. Zudem sei es ein Angriff von außerhalb des Systems gewesen. „Es ist nicht durch Nutzerfehler entstanden oder durch eine Phishing-Attacke, dass einer hier auf Gewinnspiele geklickt hat, sondern der Perimeter wurde von außen gebrochen. Nicht durch einen Trojaner von Innen“, sagt Seemann.
Kriminelle fordern Lösegeld
„Du bist quasi aus dem eigenen Haus ausgesperrt. Innen ist noch alles da, also es ist nichts verloren gegangen. Nur diese Cyberkriminellen, die wollen dich aussperren.“ Durch den Angriff solle ein Lösegeld erpresst werden, berichtet Seemann. Die Angreifer hätten in den noch zugänglichen Daten eine Art Bekennerschreiben hinterlassen. Darin hätten sie eine Kontaktmöglichkeit aufgeschrieben und die Forderung nach Lösegeld aufgestellt. „Und dann würden sie dir helfen, dass es wieder geht, wenn du dich erkenntlich zeigst.“
Konkret bedeutet der Angriff für die Verbandsgemeinde aktuell, dass etwa Bürgerdienste und Finanzverwaltung eingeschränkt sind. Ferner seien die Kommunikationswege eingeschränkt, per Mail ist die Verbandsgemeinde derzeit nicht erreichbar. Es komme dann auch schon vor, dass Menschen vor der Tür stünden und sagten, sie hätten einen Termin beim Bürgeramt ausgemacht, weil sie vom Cyberangriff nichts mitbekommen hätten, so Seemann. „Zur Not helfen wir den Leuten auch ohne Zugriff aufs System, wenn es geht. Ist dann schon ein bisschen umständlicher, muss man sagen.“
Schon acht Angriffe auf Kommunen in diesem Jahr
Dass Kommunen in Rheinland-Pfalz Opfer von Cyberangriffen werden, ist nicht ungewöhnlich. Im vergangenen Jahr sorgten etwa mögliche Angriffe auf Trier und Ludwigshafen für Aufsehen. 2022 wurde der Rhein-Pfalz-Kreis Opfer einer Attacke, bei der die IT-Systeme der Kreisverwaltung mittels Schadsoftware verschlüsselt und damit unbrauchbar gemacht wurden.
Nach Angaben des für Digitalisierung zuständigen Finanzministeriums wurden in diesem Jahr bereits acht Kommunen Opfer von Cyberangriffen. Im gesamten vergangenen Jahr seien zehn Angriffe gemeldet worden. Es gebe in Rheinland-Pfalz jedoch keine Meldepflicht für Cyberangriffe, auch der Polizei müssten sie nicht angezeigt werden.
Zu den konkreten Auswirkungen der Cyberangriffe gibt es in Rheinland-Pfalz kaum Daten. Jedoch ließen sich die Auswirkungen aus Einzelfällen und aus Aussagen der Betroffenen grob abschätzen, erklärte eine Sprecherin des Finanzministeriums.
So erläuterte die Kreisverwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises, dass der Ransomware-Angriff im Oktober 2022 einen vollständigen, wochenlangen Stillstand der Verwaltung, den Diebstahl sensibler Daten und Kosten von über 1,7 Millionen Euro verursacht habe.
Hohe Kosten
Komme es zu einem Angriff, könnten Kommunen schnell und unkompliziert Hilfe vom Land erhalten, heißt es vom Finanzministerium. Über einen Cyber-Notruf könne ein spezialisierter Dienstleister der Landesverwaltung verständigt werden. Dieser könne dann innerhalb von 24 Stunden vor Ort sein. „Das Land übernimmt die Kosten für die Bereithaltung und stellt bei einem Vorfall die anfängliche Finanzierung sicher, um auch außerhalb der gewöhnlichen Betriebszeiten unbürokratisch schnell Unterstützung leisten zu können.“ Die Kosten für den Dienstleister müssten die Kommunen jedoch selbst tragen.
Die Kosten für den Dienstleister, der bei der Behebung des Schadens hilft, müssen die Kommunen selbst tragen, sagt das Finanzministerium. (Archivbild)Michael Brandt/dpa
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Mittlerer bis hoher fünfstelliger Betrag für die Bekämpfung
Das komme auch auf die Verbandsgemeinde Rhein-Nahe noch zu, berichtet Bürgermeister Seemann. Vermutlich kostet die Bekämpfung des Angriffs durch einen externen Dienstleister einen mittleren bis hohen fünfstelligen Betrag. Bis alle Systeme wieder funktionierten, könne es jedoch noch einige Tage dauern. „Wir werden jetzt nicht monatelang ausgeknockt sein, sondern wir werden jetzt in der nächsten, übernächsten Woche schon wieder Riesenfortschritte machen können.“
Immerhin: Mittlerweile könne die Kommune wieder Zahlungen leisten. Der Zahlungsfluss habe - neben den Bürgerdiensten - auch Priorität bei der Wiederherstellung gehabt, „damit wir die Hilfe zum Lebensunterhalt von Geflüchteten bis hin zu Sozialhilfebereichen zahlen können“.
Wenn das weiterhin nicht möglich gewesen wäre, hätte Bürgermeister Seemann aber einen Plan B gehabt: „Im allerschlimmsten Fall wird der gute alte Bar-Scheck oder Verrechnungsscheck ausgeschrieben.“