Sportmix

Bolls Erbinnen: Frauen-Team beeindruckt die Tischtennis-Welt

Jahrelang drehte sich Tischtennis in Deutschland vor allem um einen Namen: Timo Boll. Nun stehen bei der Mannschafts-WM Sabine Winter oder Annett Kaufmann im Blickpunkt.

Von Sebastian Stiekel, dpa

28.04.2026

Die deutschen Frauen jubeln nach dem EM-Finale. Ihr nächstes Ziel ist eine WM-Medaille. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

Die deutschen Frauen jubeln nach dem EM-Finale. Ihr nächstes Ziel ist eine WM-Medaille. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

© Manfred Schillings/dpa

Das große Ziel ist: ein Bad in der Themse. Nachdem die deutsche Tischtennis-Nationalmannschaft der Frauen im vergangenen Oktober den Titel bei der Team-Europameisterschaft gewonnen hatte, liefen alle Spielerinnen im kroatischen Zadar vom Strand ins Meer. Etwas Ähnliches soll sich nun auch bei der Mannschafts-WM in London wiederholen. „Bei einer WM-Medaille springen wir ins Wasser“, sagt die ehemalige Junioren-Weltmeisterin Annett Kaufmann vor dem ersten Spiel am Samstag gegen Frankreich. „Das ist jetzt unser Brauch!“

In London fand 1926 die erste Tischtennis-WM statt. Und wenn das schnellste Rückschlagspiel der Welt genau 100 Jahre später in die Wembley Arena direkt neben dem berühmten Fußball-Stadion zurückkehrt, haben die deutschen Frauen etwas geschafft, das sich nicht allein in Titeln und Medaillen ausdrücken lässt: Sie haben die Aufmerksamkeit in einer Sportart gewonnen, die in Deutschland jahrelang nur mit dem Namen Timo Boll verknüpft war.

„Jede einzelne Spielerin“, sagt der deutsche Sportvorstand Richard Prause, „wäre in vielen anderen Nationen die unumstrittene Nummer eins. Und jede einzelne Spielerin hat eine eigene starke Geschichte.“

Tischtennis-Nationalspielerin Sabine Winter. (Archivbild)Then Chih Wey/XinHua/dpa

Tischtennis-Nationalspielerin Sabine Winter. (Archivbild)Then Chih Wey/XinHua/dpa

© Then Chih Wey/XinHua/dpa

Sabine Winter

Die 33-Jährige ist bereits zum achten Mal bei einer Team-WM dabei. Aber seit 2025 läuft in ihrer Karriere nichts mehr so, wie es vorher war. Winter stellte ihren Spielstil um und klebte sich einen sogenannten Antitop-Belag auf den Schläger, der ihre Gegnerinnen entnervt und ihnen das Spieltempo raubt.

Winters größten Erfolge seitdem: Gewinn des europäischen Top-16-Turniers. Halbfinale beim Grand-Smash-Turnier in Singapur. Bronzemedaille beim World Cup in Macau. Und der Sprung auf Platz neun der Weltrangliste - als einzige Europäerin unter den besten 15.

„Die ganze Entwicklung ist toll. Mit der Top-10-Platzierung habe ich etwas erreicht, das ich nie für möglich gehalten hätte“, sagt Winter. „Trotzdem: Medaillen und Titel sind das, was man als Sportler jagt. Das ist mir persönlich mehr wert. Und wir sind in London auf jeden Fall ein großer Medaillenkandidat.“

Tischtennis-Nationalspielerin Annett Kaufmann. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

Tischtennis-Nationalspielerin Annett Kaufmann. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

© Manfred Schillings/dpa

Annett Kaufmann

Sie ist 19 Jahre alt und erst seit 2025 Profi. Aber Kaufmann ist seit den Olympischen Spielen 2024 schon so etwas wie das neue Gesicht des deutschen Tischtennis. Wenn sie spielt, schalten Zuschauer ein. Wenn sie sich öffentlich äußert wie im vergangenen Monat über Morddrohungen und Hasskommentare in den sozialen Medien, dann wird das gehört.

„Wir sind ein wirklich gutes Team“, sagt Kaufmann. „Und das sieht bei anderen Ländern anders aus. Das merkt man in der Box, wenn dir eine Spielerin gegenübersteht, die genau weiß: Meine Teamkollegin gönnt mir das nicht, wenn ich jetzt gewinne.“

Winters Erfolge sind für Kaufmann kein Problem: „Ich bin die letzte Person, die da neidisch ist“, sagt sie. „Neid ist eine der schlimmsten Eigenschaften. Das macht so viel kaputt. Wir sind alle schlau genug, um zu verstehen: Ihre Erfolge machen meine Erfolge nicht kleiner oder weniger wert.“

Ying Han

Die 42-Jährige war bereits dabei, als die deutschen Frauen 2016 in Rio de Janeiro Olympia-Silber gewannen. Im Januar 2024 riss ihr die rechte Achillessehne. Ein halbes Jahr später passierte ihr das Gleiche im linken Fuß nochmal. Trotzdem kämpfte sie sich mit über 40 zurück und gehört wieder zu den Top 20 der Welt. „Ihr Kampfgeist und ihr Wille sind krass“, sagt die 23 Jahre jüngere Kaufmann. Gleich zweimal verlor sie in den vergangenen fünf Monaten bei wichtigen Turnieren gegen Han.

In London gehören noch zwei weitere Europameisterinnen zum Team: Nina Mittelham (29) und Yuan Wan (28). Und hinter Kaufmann rücken auch noch weitere Toptalente nach. Koharu Itagaki (16) und Mia Griesel (20) sind aktuelle Junioren-Weltmeisterinnen. Josephina Neumann (16) spielte schon mit 12 Jahren in der Frauen-Bundesliga.

Eltern aus dem Leistungssport

Was bei all diesen Entwicklungen und Erfolgen auffällt, ist die „Eltern-Generation“ (Prause). Kaufmanns Vater war Eishockey-Profi, Yuan Wans Vater Nationalspieler in China. Itagakis Vater ist Trainer in der Männer-Bundesliga, Neumanns Mutter spielte selbst in Liga eins. „Diese Spielerinnen sind zu Hause aufgewachsen mit Leistungssport“, sagt Prause. „Denen muss ich nicht vermitteln, was das heißt.“

In London erwartet der deutsche Sportchef nun eine WM, „die so eng und so spannend sein wird, wie das schon lange nicht mehr der Fall war“. Bei den Männern ist zum ersten Mal seit 2000 wieder ein anderer Weltmeister als China denkbar. Bei den Frauen haben die Deutschen zumindest aufgeholt.

Teamgeist bei der Team-EM: Die deutschen Frauen während des Finales gegen Rumänien. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

Teamgeist bei der Team-EM: Die deutschen Frauen während des Finales gegen Rumänien. (Archivbild)Manfred Schillings/dpa

© Manfred Schillings/dpa

Karte
Das könnte Sie auch interessieren

Sportmix

zur Merkliste

Ein Verein im Aufruhr: Nur noch wenig Harmonie bei Borussia

Ein Präsident in Tränen aufgelöst, ein aufgebrachter Aufsichtsratschef und ein Trainer unter Druck: Es brodelt bei Borussia Mönchengladbach. Auf der Mitgliederversammlung gibt es ungewohnt viel Unmut.

Sportmix

zur Merkliste

Leverkusen holt Torjägerin Lobke Loonen

Bayer Leverkusens Frauen - derzeit Tabellenvierte in der Bundesliga - bauen weiter an ihrem Team für die kommende Saison. Wer aus den Niederlanden kommt und Tore verspricht.