Wissenschaft

Bahn setzt wieder auf Glyphosat gegen Wildwuchs im Gleis

Seit 2023 verzichtet die Bahn auf Glyphosat – doch die Alternativen wirken nur unzureichend gegen Pflanzenwuchs im Gleis. Nun kündigt der Konzern einen Kurswechsel an.

Von Michel Winde, dpa

19.10.2026

2023 hat die Bahn den Einsatz von Glyphosat eingestellt - und macht nun die Kehrtwende. (Archivbild)Sascha Thelen/dpa

2023 hat die Bahn den Einsatz von Glyphosat eingestellt - und macht nun die Kehrtwende. (Archivbild)Sascha Thelen/dpa

© Sascha Thelen/dpa

Die Deutsche Bahn rückt von ihrem Verzicht auf Glyphosat ab und will den umstrittenen Unkrautvernichter von kommendem Frühjahr an wieder nutzen. „Um ihre Gleise, Weichen und Signale wirksam von Pflanzenbewuchs freizuhalten“, setze man Glyphosat dann in begrenztem Umfang wieder ein, teilte eine Sprecherin der Bahntochter InfraGo auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. „Die Wirksamkeit des alternativ eingesetzten Herbizids Pelargonsäure ist ungenügend.“ 

Die InfraGo habe Anträge zur Glyphosat-Nutzung beim Eisenbahn-Bundesamt gestellt. Dies erteile jährlich Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf den Gleisen. Zurzeit sei es rechtlich zulässig, Glyphosat auf etwa einem Drittel des Netzes einzusetzen. Umweltschützer kritisieren seit langem den Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft und fordern ein Verbot des Mittels.

Die InfraGo-Sprecherin verwies darauf, dass auch die Bahnen in Nachbarländern wie der Schweiz, den Niederlanden oder Polen Glyphosat zur Vegetationskontrolle nutzten. Man sei gesetzlich dazu verpflichtet, einen sicheren Betrieb der Eisenbahninfrastruktur zu gewährleisten. Starker Bewuchs des Gleisbereichs könne unter anderem die Sicht auf die Signale beeinträchtigen sowie Rettungswege einschränken. 

67 Tonnen Glyphosat im Jahr

Die Bahn hatte den Glyphosat-Einsatz 2023 eingestellt. Unkraut an Bahntrassen solle stattdessen mit Mähmaschinen und der umweltschonenden Pelargonsäure beseitigt werden, hieß es damals. Noch 2017 hatte die Bahn 67 Tonnen Glyphosat eingesetzt. 2019 kündigte sie an, den Einsatz deutlich zu reduzieren.

Glyphosat ist ein sogenanntes Totalherbizid, das nahezu alle grünen Pflanzen schädigt. Es wird seit Mitte der 1970er-Jahre vor allem unter dem Handelsnamen Roundup genutzt und ist heute in zahlreichen Pflanzenschutzmitteln verschiedener Hersteller enthalten. 

WHO-Gremium: „Wahrscheinlich krebserregend“ beim Menschen

Die Internationale Agentur für Krebsforschung, ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation, stufte das Mittel 2015 als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ ein. Das bedeutet, dass eine Krebsgefahr grundsätzlich möglich ist. In diese Kategorie fällt aber genauso rohes und verarbeitetes Fleisch.

Glyphosast schädigt nahezu alle grünen Pflanzen. (Archivbild)Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Glyphosast schädigt nahezu alle grünen Pflanzen. (Archivbild)Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

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Im Gegensatz dazu schrieb etwa die Europäische Chemikalienagentur 2022 erneut, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht genügten, um Glyphosat als krebserregenden, genverändernden oder fortpflanzungsgefährdenden Stoff einzustufen. Auch kommen unter anderen die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die US-Umweltbehörde EPA zu einem solchen Schluss. Genauso weist Glyphosat-Hersteller Bayer den Verdacht zurück, dass der Unkrautvernichter krebserregend sei.

Die EU hat die Genehmigung für Glyphosat zuletzt bis Ende 2033 verlängert. In einem Teil der Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, sind zumindest Anwendungen in Haus- und Kleingärten sowie auf Flächen, die für die Allgemeinheit bestimmt sind, verboten oder stark eingeschränkt. 

Kosten steigen von 9 auf 60 Millionen in wenigen Jahren

Die Deutsche Bahn verweist nun darauf, dass das Eisenbahn-Bundesamt bereits 2025 zunehmenden Bewuchs im Gleis moniert habe. „Unsere Erfahrungen aus der Praxis decken sich mit externen Gutachten und Hinweisen von Behörden und Eisenbahnverkehrsunternehmen: Pelargonsäure reicht nicht aus, um Beeinträchtigungen des Bahnbetriebs durch Wildwuchs im Gleisbereich wirksam zu verhindern“, sagte Imke Kellner aus dem InfraGo-Vorstand nun auf dpa-Anfrage. Glyphosat werde ab 2027 „ein zusätzlicher Baustein in unserer integrierten Vegetationsstrategie“.

Der mechanische Vegetations-Rückschnitt reiche nicht aus. Außerdem seien die Einsätze personalintensiv und blockierten die Strecken. Das Budget für Vegetationskontrolle im Gleisbereich sei von etwa 9 Millionen Euro 2020 auf rund 60 Millionen Euro im vergangenen Jahr gestiegen.

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