Politik Inland

Showdown in NRW-AfD – Parteichef Vincentz kämpft um sein Amt

Ein gutes Jahr vor der Landtagswahl steckt die AfD NRW in einem Machtkampf, in dem mit harten Bandagen ausgetragen wird. Das Schicksal von Landeschef Martin Vincentz ist ungewiss.

Von Dorothea Hülsmeier, dpa

04.03.2026

AfD-Landeschef Martin Vincentz muss um den Parteivorsitz bangen. (Archivbild)Fabian Strauch/dpa

AfD-Landeschef Martin Vincentz muss um den Parteivorsitz bangen. (Archivbild)Fabian Strauch/dpa

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Als der umstrittene Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke kürzlich durch Nordrhein-Westfalen tourte, war das eine Kampfansage. Kurz vor dem Landesparteitag an diesem Wochenende, der über die künftige Ausrichtung des mitgliederstärksten AfD-Landesverbands entscheiden wird, hatte sich das Rechtsaußen-Lager mit Höcke zugkräftige Verstärkung in den Westen geholt. 

Seit Monaten tobt in der AfD im bevölkerungsreichsten Bundesland ein Machtkampf zwischen einem eher gemäßigt auftretendem Lager um Landeschef Martin Vincentz und einem äußerst rechten Lager, als dessen Strippenzieher der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich gilt. Letzterer wurde zwar in erster Instanz aus dem Landesverband ausgeschlossen, ist aber weiter aktiv - und das letzte Wort hat noch das AfD-Bundesschiedsgericht.

Der Dortmunder AfD-Rechtsaußen Matthias Helferich gilt als Strippenzieher in der Partei. (Archivbild)Fabian Strauch/dpa

Der Dortmunder AfD-Rechtsaußen Matthias Helferich gilt als Strippenzieher in der Partei. (Archivbild)Fabian Strauch/dpa

© Fabian Strauch/dpa

An diesem Samstag und Sonntag treffen sich 500 AfD-Delegierte in Marl, um einen neuen Landesvorstand zu wählen. Landeschef Vincentz steht schwer unter Druck. Der Höcke-Auftritt im Vorfeld sei „Schützenhilfe für den innerparteilichen Machtkampf in Nordrhein-Westfalen“ gewesen, sagt Anke Hoffstadt, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA) an der Hochschule Düsseldorf. Höcke, übrigens ein gebürtiger Westfale aus Lünen, war zweimal wegen Verwendung einer verbotenen Nazi-Parole rechtskräftig verurteilt worden.

Vincentz beansprucht Spitzenkandidatur für NRW-Wahl

Der 39-jährige Partei- und Landtagsfraktionschef Vincentz führt den Landesverband seit 2022. Mit einer erneuten Wahl möchte sich der eloquente Mediziner auch ein Sprungbrett für die Spitzenkandidatur zur NRW-Landtagswahl in knapp 14 Monaten schaffen. Dass er als AfD-Spitzenkandidat 2027 antreten will, hatte Vincentz bereits klar angekündigt. 

Herausgefordert wird Vincentz nun von den Bundestagsabgeordneten Fabian Jacobi und Christian Zaum, die beim Parteitag als Doppelspitze antreten wollen. Der Ausgang der Wahl gilt in Parteikreisen als ungewiss. Die Satzung der NRW-AfD lässt bis zu drei Sprecher als Parteiführung zu. Über eine Doppelspitze müsste der Parteitag in Marl entscheiden, bevor es anschließend in die Wahl des Landesvorstands geht. Das dürfte die erste Machtprobe werden. 

Der Bundestagsabgeordnete Christian Zaum kämpft zusammen mit dem Abgeordneten Fabian Jacobi um die Führung der NRW-AfD. (Archivbild)Niklas Treppner/dpa

Der Bundestagsabgeordnete Christian Zaum kämpft zusammen mit dem Abgeordneten Fabian Jacobi um die Führung der NRW-AfD. (Archivbild)Niklas Treppner/dpa

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Vincentz-Herausforderer setzen auf weniger Lagerkämpfe

Zaum und Jacobi betonen, sie wollten den Landesverband wieder zusammenführen. „Wir müssen vor allem wieder mehr in die politische Arbeit und weniger in Lagerkämpfe investieren, um langfristig erfolgreicher zu werden“, sagt der 56-jährige Zaum. Der frühere Gymnasiallehrer, Mitglied der Deutschen Burschenschaft, hatte Höcke bei dessen Terminen in NRW begleitet. Berichten von „WAZ“ und „Ruhr Nachrichten“ zufolge sagte Zaum angeblich scherzhaft, man habe ihn mal für den „zweitgefährlichsten Geschichtslehrer in Deutschland“ gehalten - nach Höcke. 

Der 52-jährige, eher unauffällige Rechtsanwalt Jacobi sitzt seit 2017 im Bundestag und ist stellvertretender AfD-Landesvorsitzender in NRW. Mit Doppelspitzen hat die seit Jahren von Zerwürfnissen und Lagerkämpfen geprägte AfD NRW zuletzt schlechte Erfahrungen gemacht. Das bisher letzte Führungsduo zerlegte sich 2019 nach einem Richtungsstreit.

Der Bundestagsabgeordnete Fabian Jacobi strebt zusammen mit seinem Kollegen Christian Zaum an die Spitze der NRW-AfD. (Archivbild)Niklas Graeber/dpa

Der Bundestagsabgeordnete Fabian Jacobi strebt zusammen mit seinem Kollegen Christian Zaum an die Spitze der NRW-AfD. (Archivbild)Niklas Graeber/dpa

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Kurs der „Selbstverharmlosung“

Die AfD ist auch im Westen immer stärker geworden. Bei der Kommunalwahl in NRW im vergangenen Herbst hatte sie ihr landesweites Ergebnis mit 14,5 Prozent im Vergleich zu 2020 fast verdreifacht. Laut einer jüngsten WDR-Umfrage käme die AfD bei der Landtagswahl 2027 auf 15 Prozent (2022: 5,4 Prozent) und könnte damit die Grünen überholen. Die AfD-Mitgliederzahl stieg binnen eines Jahres von 7.000 bis Ende 2025 auf fast 12.500. 

Vincentz versuche seit Jahren, der AfD in NRW „den Mantel der Wohlanständigkeit überzuwerfen“, so Wissenschaftlerin Hoffstadt. „Er möchte diesen Kurs der Selbstverharmlosung fahren und ist wohl auch tatsächlich überzeugt davon, dass die radikalsten Ränder der AfD ihrer Wählbarkeit nicht guttun.“ In der seit Monaten von Personalquerelen erschütterten NRW-AfD werfen manche Mitglieder Vincentz jedoch Führungsschwäche vor. Er gilt zwar als „Schwiegermutter-tauglich“, aber als wenig charismatisch.

Vincentz hat Unterstützer 

Aber auch die Vincentz-Unterstützer formieren sich. Die Bundestagsabgeordneten Kay Gottschalk und Sascha Lensing wollen als stellvertretende Parteichefs kandidieren und haben sich für Vincentz als Einzelspitze ausgesprochen. Gottschalk ist bereits Vize-Landeschef und Lensing Beisitzer im Landesvorstand. 

„Aus meiner Sicht sorgt eine klar zugeordnete Verantwortung an der Spitze für eindeutige Zuständigkeiten, Stringenz in der Führung und ein geschlossenes Auftreten nach außen“, sagt Lensing. Vincentz habe dies aus seiner Sicht bislang „hervorragend gemeistert“. Es gehe um Geschlossenheit, Verlässlichkeit und eine strategische Vorbereitung auf die Landtagswahl.

Der Duisburger Kriminalhauptkommissar Lensing würde aber auch als Führungsduo zusammen mit Vincentz antreten, falls der Parteitag einen Antrag für eine Doppelspitze absegnet. Gottschalk hat das für sich ausgeschlossen. 

Der Bundestagsabgeordnete Sascha Lensing stellt sich hinter Vincentz. (Archivbild)Katharina Kausche/dpa

Der Bundestagsabgeordnete Sascha Lensing stellt sich hinter Vincentz. (Archivbild)Katharina Kausche/dpa

© Katharina Kausche/dpa

AfD als Partei der „Häutungen“

„Ich vermute, dass sich bundesweit, aber auch auf Landesebene Positionen wie die von Helferich und Co. langfristig durchsetzen werden“, sagt Hoffstadt. Die AfD sei seit Jahren „eine Partei rechtsradikaler Zuspitzungen und Häutungen“. Der Kampf um die Führung der AfD in NRW könne „knallharte realpolitische Konsequenzen“ haben, so Hoffstadt. „Eine Vincentz-Abwahl - und die Wahl einer möglicherweise auch von Helferich gesteuerten Doppelspitze - wäre gefährlich.“

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