Panorama

Warum die Psychiatrie kein Ort der Angst ist

Beim Gedanken an psychiatrische Kliniken wird manch einem unheimlich zumute. Aber viele Vorstellungen sind falsch. Wie die stationäre Behandlung heute aussieht – und wer dort Hilfe findet.

Von Sabine Maurer, dpa

26.01.2026

Psychiatrische Kliniken helfen Menschen als Schutzraum in akuten psychischen Krisen.picture alliance / Westend61

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Wer sich in einem Krankenhaus behandeln lassen muss, macht daraus in den meisten Fällen kein Geheimnis. Anders kann das bei einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik aussehen. Um diese Krankenhäuser ranken sich immer noch Mythen, Patientinnen und Patienten werden oft stigmatisiert.

„Viele Menschen haben mittelalterliche Vorstellungen von Psychiatrie“, sagt Psychiater und Buchautor Manfred Lütz. Es gebe dort aber weder Zwangsjacken, noch würden alle mit Medikamenten ruhig gestellt. Zudem seien die mit Abstand meisten Patienten freiwillig in der Klinik.

Auch Professor Florian Metzger, ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie in Haina, räumt mit Mythen auf und beschreibt psychiatrische Kliniken als „niedrigschwelliges Angebot für Menschen in Not, ein Schutzraum, um sich öffnen und auch ungewöhnliche Gedanken äußern zu können“.

Psychische Krankheiten: Wann eine Klinikbehandlung nötig ist

Die Mehrheit psychischer Erkrankungen wird in Deutschland ambulant behandelt. Bei schweren psychischen Erkrankungen reiche jedoch eine Behandlung in einer psychotherapeutischen Praxis nicht immer aus, wie die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) erklärt. Unter Umständen schlägt der behandelnde Psychotherapeut dann eine Behandlung in einem psychosomatischen oder psychiatrischen Krankenhaus vor.

Im Prinzip werden in einer Psychiatrie alle psychischen Krankheiten behandelt - von Angstzuständen, Depressionen, Essstörungen bis hin zu Suchterkrankungen. Einige Kliniken haben sich zudem auf ein oder mehrere Krankheitsbilder spezialisiert. Informationen der BPtK zufolge gibt es auch Krankheitsbilder, die insbesondere in akuten Phasen fast ausschließlich in der Psychiatrie behandelt werden - Schizophrenie etwa.

Im Normalfall benötigen Patientinnen und Patienten für die Aufnahme in einem psychiatrischen Krankenhaus eine Einweisung durch einen Arzt oder eine Ärztin. In akuten Notfällen können sich Betroffene aber auch direkt an ein Krankenhaus wenden, wie die BPtK erklärt.

Der mit Abstand seltenere Fall ist die Zwangseinweisung, etwa bei Suizidgedanken, Wahnvorstellungen oder Fremdgefährdung. In solchen Fällen muss ein Richter in der Regel innerhalb von 24 Stunden entscheiden, ob jemand zwangsweise in der Psychiatrie bleibt und falls ja, wie lange. In solchen Fällen ist auch eine Zwangsmedikation möglich.

Was einen in der Psychiatrie erwartet

„In einer Psychiatrie ist es heute wie in einem normalen Krankenhaus, es gibt Ein- und Zwei-Bett-Zimmer“, sagt Psychiater Manfred Lütz. Die großen Unterschiede: Die Patientinnen liegen deutlich weniger im Bett, tragen ihre Alltagskleidung und können in der Regel jederzeit etwa spazieren gehen. Zudem finden sich in modernen Psychiatrien tendenziell stärker therapeutisch orientierte Raumkonzepte, die Wohnlichkeit und Wohlbefinden fördern sollen.

Alle stationären Einrichtungen arbeiten mit Behandlungskonzepten, die sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzen. Dazu gehören etwa Psychotherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie, Physiotherapie, Sport- und Bewegungstherapie sowie Medikamente.

Wird ein Patient stationär aufgenommen, steht - wie in jedem Krankenhaus - zunächst die Anamnese an. Welche Vorgeschichte hat der Patient oder die Patientin? Was ist das aktuelle Problem? Zudem gibt es eine körperliche Untersuchung. Denn: „Psychische Erkrankungen können auch körperliche Gründe haben“, erklärt Lütz.

Wie die Therapie aussehen kann

Nach der Anamnese wird ein individueller Therapieplan erstellt. Der Tagesplan eines Patienten in der Psychiatrie hängt von dem Stand seiner Erkrankung ab. „Ein Mensch direkt in einem akuten Alkoholentzug hat etwa weniger Therapie als ein Depressiver, der schon länger in Behandlung ist“, so Professor Metzger. Je fortgeschrittener die Behandlung, desto voller wird meist der Terminkalender, das Therapieangebot ist groß.

Manche Patienten erhalten Medikamente, wie etwa Antidepressiva oder Neuroleptika. Allerdings reagiert die Psyche nicht wie auf Knopfdruck. So wirkt nicht jedes Antidepressivum bei jedem Patienten, dies muss über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausprobiert werden.

Viele Bausteine, ein Ziel

Möglich ist etwa bei schwer depressiven Menschen auch die sogenannte Elektrokonvulsionstherapie. „Sie ist das wirksamste Verfahren gegen Depressionen“, sagt Professor Florian Metzger. Bei Menschen in einer schweren Phase ihrer Erkrankung, in der weder Psychotherapie noch Medikamente ausreichend wirkten, könne sie sehr hilfreich sein.

Die Behandlung erfolgt unter kurzer Narkose. Über am Kopf befestigten Elektroden wird ein kurzer elektrischer Impuls abgegeben. Dieser löst einen kontrollierten epileptischen Anfall aus, der zwischen 30 und 60 Sekunden dauert.

„In der Bevölkerung herrscht das Vorurteil, dass diese Therapie etwas ganz Schlimmes wäre. Doch es ist ein wirksames Verfahren, das man Patienten nicht vorenthalten sollte“, so Metzger. Zudem seien die Nebenwirkungen gering und stammten hauptsächlich von der Narkose, großen Studien zufolge gebe es keine bleibenden Schäden.

Nicht jeder bleibt gleich lang

Insgesamt ist die Aufenthaltsdauer von Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. Die durchschnittliche Dauer liegt bei zwischen 20 und 30 Tagen.

Schwer erkrankte Menschen oder Erkrankte, die noch nicht alleine leben können, bleiben länger. „Manche sind aber auch nur ein bis zwei Tage da“, so Florian Metzger. 

Der Weg zurück in den Alltag

Und wie geht es weiter nach der Psychiatrie? Manchmal war der Grund für den Aufenthalt eine kurze Krise, solche Menschen gehen wieder zurück in ihren Alltag. Andere müssen nach dem Krankenhausaufenthalt lernen, wieder im Alltag zurechtzukommen. 

Laut BPtK ist es ratsam, weiterbehandelt zu werden. Das Krankenhaus müsse Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, die Therapie möglichst nahtlos fortsetzen zu können. Etwa, ambulant bei einem Psychiater oder einer Psychotherapeutin, auch teilstationäre Behandlungen sind möglich. „Alles passiert im Einvernehmen mit dem Patienten“, so Metzger.

Der Behandlungsplan in der Klinik wird individuell abgestimmt und enthält zum Beispiel oft Psychotherapie in der Gruppe.picture alliance/dpa

Der Behandlungsplan in der Klinik wird individuell abgestimmt und enthält zum Beispiel oft Psychotherapie in der Gruppe.picture alliance/dpa

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Eine akute Krise kann den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nötig machen. Nach dem Aufenthalt sollten Patientinnen und Patienten weiter unterstützt werden.Jens Büttner/dpa/dpa-tmn

Eine akute Krise kann den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nötig machen. Nach dem Aufenthalt sollten Patientinnen und Patienten weiter unterstützt werden.Jens Büttner/dpa/dpa-tmn

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Das therapeutische Angebot in psychiatrischen Kliniken ist vielfältig und kann auch Kunst- oder Musiktherapie umfassen.picture alliance/dpa

Das therapeutische Angebot in psychiatrischen Kliniken ist vielfältig und kann auch Kunst- oder Musiktherapie umfassen.picture alliance/dpa

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