Panorama

Vom Asphalt zur Natur: Wandern in den Hörselbergen

Eine Region im Wandel: Wo einst die Autos durch die Hörselberge sausten, entstehen gerade sieben Wanderwege. Schon heute ist die Gegend reizvoll. Und sagenhaft.

Von Deike Uhtenwoldt, dpa

02.09.2026

Der Verkehr rollt nun um die Berge herum: Dieser ehemalige Streckenabschnitt der Autobahn A 4 soll bald offizieller Wanderweg sein.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Der Verkehr rollt nun um die Berge herum: Dieser ehemalige Streckenabschnitt der Autobahn A 4 soll bald offizieller Wanderweg sein.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

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Es brummt und summt noch immer auf der Trasse: Bienen, Hummeln, Libellen geben alles. Auch geht es, wie in den berüchtigten Staus auf den Straßen, nur zäh voran. Doch statt Lastwagen und endloser Blechkolonnen verengt ein Wildwuchs aus Wacholder, Ginster und Birken den Weg. 

Doch wo Autofahrer mindestens verzagt wären, sind die Wanderer verzückt: Vögel singen, Schmetterlinge schwirren umher, und ein kleiner Eisfalter tarnt sich gar zwischen kargem Boden und Kalkschotter. Ist das noch Bauschutt oder schon Natur? Auf jeden Fall ist der Untergrund immer noch verdichtet von schweren Betonplatten und dem Fernverkehr, der sich hier jahrelang am Höhenzug entlang quälte. 

Wir sind unterwegs auf einem Teilstück der ehemaligen Trasse der Autobahn 4 in den Hörselbergen, ein Wanderrevier östlich von Eisenach. Noch ist es gerade eher unwegsam, doch das soll sich ändern. Anfang 2010 wurde der A4-Streckenabschnitt stillgelegt und dann zurückgebaut, der Verkehr wurde auf eine Umfahrung jenseits der Berge verlegt. Aber bald schon wird der A4-Abschnitt als der Premiumwanderweg „PWW2“ mit Hinweisschildern in Autobahnblau wiedereröffnet. 

Auch einen eigenen „Zubringer“ gibt es: der ehemalige Verzögerungsstreifen am Parkplatz Kleiner Hörselberg. Dort stehen Bänke, Tische, Abfalleimer zwischen Asphalt - ganz wie auf dem Autobahnrastplatz. Die ehemalige Raststätte gibt es noch, auch wenn sie aktuell nur an Wochenenden und feiertags betrieben wird. „Es ist so unberechenbar, an richtig schönen Tagen hast du nicht genug Gläser, und dann gibt es wieder tote Tage“, sagt Sylvia Grasreiner, Koordinatorin des Projekts „Sagenhafte Hörselberge“.

Ein geduldeter Trampelpfad - noch

Der A 4-Abschnitt und sechs weitere Premiumwanderwege sollen zukünftig Strahlkraft erzeugen und die Besucher lenken, sagt Grasreiner. Bisher wurde die freigewordene Autobahntrasse zwar schon als Natur- und Wanderraum wahrgenommen, und Ortsfremde probierten einfach die Maschinenwege aus, die im Wald endeten und gingen dann querfeldein weiter. Grasreiner sagt: „Das wollen wir ändern.“

Die Koordinatorin hat aus dem zuständigen Landratsamt Wartburgkreis einen Kartenausschnitt mitgebracht. Im Norden sieht man die verlegte A 4, im Süden die B 88 nach Eisenach, die ebenfalls mal ein Stück der alten A 4 war, dazwischen ein Wegenetz bunt geschwungener Linien. „Das sind sieben Rundwege, und wir laufen jetzt den Blauen.“

Wo vor über zwanzig Jahren noch die Autos bretterten, begegnet uns niemand. Das hat mit der Hitze des Tages zu tun, aber auch mit einer fehlenden Beschilderung. Noch ist der „PWW2“ kein offizieller Weg, sondern ein geduldeter Trampelpfad. Je weiter wir uns vom Parkplatz entfernen, desto schmaler wird er und desto mächtiger die Natur: Das hochgewachsene Grün verschluckt das Rauschen der Bundesstraße, nimmt den Blick auf die Gemeinde Wutha-Farnroda - und auch auf die Ebene, die mal den Gegenverkehr nach Osten aufnahm.

Man muss schon einen Jägersitz erklimmen und sehr genau ins Dickicht schauen, um eine breite Schneise zu erahnen. Kiefern, Birken und Buchen wachsen da, wo einst Schilder und Leitplanken den Verkehr führten. Sie hat sich im Alleingang renaturiert, die A 4. Blätterrauschen und Vogelstimmen dominieren, wo die Motoren jaulten. Nur der Pfad selbst erinnert noch an die Betonpiste: Schnurgerade zieht er eine Schneise ins Grün.

Für die Reichsautobahn zwangsenteignet

Dass in dieser entlegenen Gegend Ende der 1930er-Jahre überhaupt eine Reichsautobahn gebaut wurde, hat mit der Wartburg, dem Thüringer Wald und den damals schon „sagenhaften“ Hörselbergen zu tun. Die Landschaft soll Richard Wagner auf einer Durchreise zu seiner Tannhäuser-Oper angeregt haben.

„Man wollte die Autofahrer locken und die landschaftlichen Schönheiten zeigen, es war nicht der Verkehr wie heute“, sagt Bernd Rether. Der Biologe ist tätig bei der Station Thüringer Wald im Natura 2000-Schutzgebietsnetz - und nun auch für die Hörselberge zuständig. Nach der Wende habe der Verkehr gewaltig zugenommen. „Es gab hier große Probleme im Winter“, sagt Rether. Weil für den Ausbau zur dreispurigen Autobahn kein Platz war, sei die Trasse nach Norden verlegt worden.

Naturschützer, Touristiker und vor allem die Anwohner im Tal finden es gut so. Mehr Ruhe und bessere Luft bedeuten auch mehr Gäste: „Wir befürworten das neue Konzept, aber die Wanderwege müssen ausgewiesen werden“, sagt Kurt Schnorr.

Der promovierte Agrarwirt ist auf dem Waldhof in der Gemeinde Wutha-Farnroda aufgewachsen, sozusagen dem Tor zu den Hörselbergen. Ein Teil des Grundbesitzes seines Vaters wurde 1938 zwangsenteignet und dann Reichsautobahn. Schnorr hat noch Familienfotos vom Bau einer Unterführung. Jüngere Bilder von 2010 zeigen ihn selbst, wie er im Winter mitten auf der gesperrten Trasse posiert.

Nach dem A 4-Rückbau erhielt der Unternehmer seinen Grundbesitz von der Autobahngesellschaft zurück: „Aber wir dürfen da nicht darauf bauen und auch keine Maßnahmen durchführen.“

Schnorrs Ex-Frau betreibt den Gasthof „Zapfengrund“, der direkt am Wanderweg liegt, der zum Großen Hörselberg führt und für den Sohn Thomas gerade das Eichenholz für mehrere Sitzbänke gesponsert hat - die Familie hält viel vom Wandern. Gerade deshalb hätte sich Schnorr eine echte Renaturierung gewünscht. Zunächst habe man wieder ordentlichen Boden aufbringen wollen, aber die Natur sich selbst zu überlassen, sei billiger gewesen. „Dadurch sind Brocken liegen geblieben“, bedauert Schnorr.

Geschichtsliebende Wanderer entdecken so einige Relikte: Wir begegnen Gullys und auch einem vermoosten Betonschacht im Gestrüpp, der vermutlich einst die Fahrbahn entwässern sollte. Dann tauchen steile Rampen auf, die ehemalige Unterführungen nach ihrer Demontage hinterlassen haben. Der Weg fällt ab und steigt wieder an, eine offene Wunde im Gelände. Wir gehen außen herum und entdecken das grobe Profil von Motocross-Maschinen. Offenbar nutzt hier jemand die Rampen als Trail - illegal, versteht sich.

Rinder auf der Autobahn

Nächste Wegmarke: eine Rinderweide, die Landwirt Schnorr am Ende des Weges abgezäunt hat. Rinder auf der A 4, in DDR-Zeiten sei das ein Problem gewesen. „Es gab nicht überall Leitplanken.“ Kurt Schnorr musste deswegen oft nachts raus. Heute sind die Rinder hier willkommen. Ohne sie und ihre Weiden wären die Hörselberge bald nur noch bewaldet.

Dabei macht der Wechsel zwischen offenem Gelände, Ausblick und Naturerlebnis einen guten Wanderweg aus, sagt Sylvia Grasreiner. So wie es am Rastplatz „Jesusbrünnlein“ schon gelungen ist. Hinter uns schattenspendende mächtige Buchen, vor uns eine weite Wiese und geschwungene Wege, die hinauf zum Berggipfel oder hinab zum Zapfengrund führen.

Aber es gibt noch viel zu tun für die Koordinatorin: „Projektende ist September 2027, ich hoffe, dass wir es bis dahin schaffen.“ Was Wanderer in der Gegend nur bedingt kümmern muss. Laut einer Wanderkarte des Wander- und Heimatvereins Hörselberggemeinde legt sich ein Wegenetz von 34 Kilometern über die Hörselberge - nur ein Tipp: der sechs Kilometer lange Kammweg von Wutha an der Venushöhle vorbei bis Schönau, wo man auf den Spuren des Ritters Tannhäuser wandelt.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Die Hörselberge sind ein Muschelkalk-Höhenzug mit zwei Hauptgipfeln, dem Kleinen (436 m) und Großen Hörselberg (484 m). Bekannt sind sie für ihre Sagenwelt, etwa um den durstigen Schäfer, der nach einem Stoßgebet das „Jesusbrünnlein“ entdeckte, oder Richard Wagners „Tannhäuser“. 

Das Projekt: „Sagenhafte Hörselberge“ knüpft an die Sagenwelt an; bis September 2027 sollen sieben Premium-Wanderwege auswiesen werden. Entlang der ehemaligen Autobahntrasse führen dann gut vier blau markierte Kilometer Wanderweg.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst

Anreise: Mit dem eigenen Auto über die B 88 nach Wutha-Farnroda oder die A 4 bis Sättelstädt. Hierhin kann man auch mit dem Zug anreisen oder bis nach Schönau am Zapfengrund (bahn.de).

Weitere Informationen: thueringen.tourismusnetzwerk.info/2022/07/27/wandern-in-den-hoerselbergen

Sylvia Grasreiner ist Projektkoordinatorin der „Sagenhaften Hörselberge“.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Sylvia Grasreiner ist Projektkoordinatorin der „Sagenhaften Hörselberge“.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Befürwortet das neue Wanderwegs-Konzept für das Stück renaturierte A 4: Kurt Schnorr, ehemaliger Anwohner und promovierter Agrarwirt. Seine Familie wurde 1938 zwangsenteignet, um auf dem Grund die einstige Reichsautobahn zu bauen.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Befürwortet das neue Wanderwegs-Konzept für das Stück renaturierte A 4: Kurt Schnorr, ehemaliger Anwohner und promovierter Agrarwirt. Seine Familie wurde 1938 zwangsenteignet, um auf dem Grund die einstige Reichsautobahn zu bauen.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Damit nicht überall nur Wald ist: Rinder halten einige Flächen auf der alten A 4 frei.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Damit nicht überall nur Wald ist: Rinder halten einige Flächen auf der alten A 4 frei.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

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Ein Gulli am Wanderweg? Solche Relikte findet man entlang der alten A 4, die inzwischen der Erholung dienen soll.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Ein Gulli am Wanderweg? Solche Relikte findet man entlang der alten A 4, die inzwischen der Erholung dienen soll.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

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Ein Stück Leitplanke? Eine verlorene Fracht eines LKW? Oder ein Stück abgeplatzte Autofelge? Könnte alles sein, was da mitten auf dem Trampelpfad der alten A 4 liegt.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Ein Stück Leitplanke? Eine verlorene Fracht eines LKW? Oder ein Stück abgeplatzte Autofelge? Könnte alles sein, was da mitten auf dem Trampelpfad der alten A 4 liegt.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

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Immer geradeaus: Was später mal offizieller Wanderweg werden soll, erinnert noch immer an Autobahn.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Immer geradeaus: Was später mal offizieller Wanderweg werden soll, erinnert noch immer an Autobahn.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

© Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Wo sich Wälder und Wiesen abwechseln: Die Hörselberge östlich von Eisenach laden zum Wandern und Verweilen ein.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

Wo sich Wälder und Wiesen abwechseln: Die Hörselberge östlich von Eisenach laden zum Wandern und Verweilen ein.Deike Uhtenwoldt/dpa-tmn

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Im Wandergebiet Hörselberge kann man auf einer ehemaligen Autobahntrasse laufen.dpa-infografik/dpa-tmn

Im Wandergebiet Hörselberge kann man auf einer ehemaligen Autobahntrasse laufen.dpa-infografik/dpa-tmn

© dpa-infografik/dpa-tmn

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