„Tatort“: Geldwäsche, Gewalt und Korruption in Kiel
Im zweiten Teil des Falls steht Mila Sahin, nach Borowskis Abschied nun Hauptkommissarin, vor einer großen Entscheidung: weiter aufsteigen auf der Karriereleiter - oder nach Gerechtigkeit streben?
Mit einem Zweiteiler wird das neue Kieler-„Tatort“-Duo der Schauspielerinnen Almila Bagriacik (l.) und Karoline Schuch eingeführt. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
© Christian Charisius/dpa
Anna Nowak ist tot - offensichtlich ein Opfer ihres Drogenkonsums. Leblos liegt die junge Kripo-Beamtin auf dem Fußboden eines kleinen Holzhauses an einem See mitten im Wald, als neben großem Polizeiaufgebot auch die neue Kieler Hauptkommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) eintrifft. Verzweifelt schreit Sahin ihre Betroffenheit über die Wasserfläche hinaus. Auch, weil sie sich schuldig fühlt. Hat sie sich zu wenig um ihre labil wirkende Freundin aus alten Berliner Polizeischultagen gekümmert, war sie ihr gegenüber nicht aufrichtig genug?
Bleierne Farben, leise dröhnende Töne
Denn Nowak (Lilith Stangenberg, „Stammheim - Zeit des Terrors“) hat sich gerade erst wohl auch deshalb in den Norden versetzen lassen, um bei der gefestigten Kollegin eine Art Schutz zu finden. Mit den in bleiernen Farben gefilmten und mit leise flirrenden Tönen unterlegten Szenen am See beginnt der Kieler „Tatort: Unter Feinden“ - zu verfolgen am kommenden Sonntag (18. Oktober) um 20.15 Uhr im Ersten.
Es ist der zweite Teil eines ansehnlichen, moderner und rauer als zu Zeiten von Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) geratenen Doppelfilms zum Start des Ermittlerinnen-Teams Sahin plus Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch, „Oderbruch“). Nach seinem eigenen Drehbuch inszeniert vom zweifachen Grimme-Preisträger Lars Kraume (53), der zuvor schon viele „Tatorte“ verantwortet hat. „Der Kieler „Tatort“ war ja auch früher immer etwas düsterer. Das versuchen wir, beizubehalten“, sagt Bagriacik der dpa im Online-Gespräch. Und sie fügt hinzu: „Aber in unserer Zwischenmenschlichkeit bringen wir auch eine gewisse Leichtigkeit neu mit hinein - es wird ein wenig privater.“
Hierarchisch denkende Männer
Im ersten Teil „Unter Freunden“ vom 11. Oktober haben sich die ungleichen Frauen eben bei einem latent aggressiv verlaufenden Psychologeninterview kennengelernt. Darauf musste die ehemalige Borowski-Mitarbeiterin Sahin sich einlassen, denn als nächsten Karriereschritt will sie sich auf die frei werdende Stelle von Dienststellenleiter Schladitz (Thomas Kügel) bewerben. Das tut allerdings auch Kollege Iwersen (Yorck Dippe). Und dann bekommen es die beiden Ermittlerinnen mit einem Fall zu tun, der den hierarchisch denkenden Männern besonders unangenehm zu sein scheint.
Es geht um zwei Morde in Zusammenhang mit einem Datenklau bei der Hightech-Firma Prometheus - ausgerechnet einem Vorzeige-Unternehmen der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Dabei trifft Sahin gemeinsam mit Nowak auch auf ihren für Wirtschaftskriminalität zuständigen, zwielichtig schillernden Kollegen Kuper (Sven Schelker). Nowak vertieft bei einem abendlichen Kneipenbesuch den Kontakt mit dem so hübschen wie unstet wirkenden jungen Mann - und folgt ihm in sein seltsam verwinkeltes Loft.
Karriere oder Gerechtigkeit?
Später, nach ihrem Tod, herrscht Sahin noch am Tatort ihre Mitarbeiter an: „Macht eure Arbeit - und macht keine Fehler!“. Doch da sie an ihrer Dienststelle keine Unterstützung für weitere Untersuchungen im Fall Prometheus bekommt und Nowaks Ende nur als Suizid behandelt wird, verzichtet die so zielstrebige wie leidenschaftliche Hauptkommissarin wider Erwarten auf ihre Bewerbung. Sie nimmt Urlaub und ermittelt in kerniger Freizeit-Kluft auf eigene Faust. Ihr Weg führt zu Geldwäsche und Korruption - und ins Mafia-Milieu. Sahins Arbeit ist extrem gefährlich und ihre Darstellerin Bagriacik überzeugt dabei auch in diesem zweiten Film mit ihrer vielschichtigen, den Bildschirm füllenden Präsenz.
In einem fulminanten Showdown wird Sahin schließlich von der zunächst sehr zurückgenommen, kopflastig und eher fein erscheinenden Krieger mehr als tatkräftig unterstützt. Eine erste Annäherung der beiden Ermittlerinnen also - wie mag ihr Verhältnis weitergehen? Die neuen Kieler „Tatorte“ drei und vier sind bereits abgedreht und sollen 2027 darüber Auskunft geben. Auch die Dreharbeiten für zwei darauffolgende Filme stehen kurz bevor. Und wie sieht es mit der Zusammenarbeit der beiden Hauptdarstellerinnen aus - schon gut eingespielt? „Absolut“, antworten beide der dpa wie aus einem Munde. Und Schuch fügt hinzu: „Wir sind schon zwei alte Hasen“.
Im ersten Teil „Unter Freunden“ vom 11. Oktober hat sich das neue Kieler-„Tatort“-Duo bei einem latent aggressiv verlaufenden Psychologeninterview kennengelernt. (Archivbild)Thorsten Jander/NDR/ARD/dpa
© Thorsten Jander/NDR/ARD/dpa