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Medizinstudium ohne Spitzen-Abi - Greifswald mit eigenem Weg

Medizin studieren, nur weil das Abitur so gut ist? Laut dem Greifswalder Klinikchef Klaus Hahnenkamp keine so gute Idee. Die dortige Unimedizin sucht mit einem aufwendigen Verfahren Überzeugungstäter.

Von dpa

05.01.2026

Klinikdirektor Klaus Hahnenkamp sagt, der Arztberuf sei „der tollste Beruf auf der ganzen Welt“.Christopher Hirsch/dpa

Klinikdirektor Klaus Hahnenkamp sagt, der Arztberuf sei „der tollste Beruf auf der ganzen Welt“.Christopher Hirsch/dpa

© Christopher Hirsch/dpa

Wer ein Medizinstudium auch ohne glattes Einser-Abitur anstrebt, hat an der Universität Greifswald im Vergleich zu anderen Hochschulen besonders gute Karten. Abiturienten auch ohne Bestnote ein Medizinstudium zu ermöglichen und andere Qualifikationen stärker zu gewichten, dabei ragt Greifswald bundesweit heraus, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) bestätigt. Die Fakultät hat diesen Ansatz nun weiter verstärkt.

„Wo wir eigentlich von wegwollen ist, dass Leute Medizin studieren, weil sie ein gutes Abitur haben“, erklärt Klaus Hahnenkamp, Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin in Greifswald. „Ich hätte viel lieber die Leute, die gerne Medizin machen wollen und deswegen versuchen, das beste Abitur zu machen, das sie können.“ Nach dem Weggang des bisherigen Chefs der Universitätsmedizin Greifswald (UMG), Uwe Reuter, leitet Hahnenkamp derzeit auch die UMG als Stellvertretender Ärztlicher Vorstand.

Greifswald setzt auf aufwendiges Interviewverfahren 

Um einen Medizinstudienplatz kann man sich in Deutschland über ein zentral organisiertes Verfahren bewerben, wobei hierbei grundsätzlich die Abiturbesten die besten Chancen haben. Über dieses Verfahren werden 30 Prozent der Studienplätze je Hochschule vergeben. Weitere 10 Prozent werden unabhängig von Schulnoten vergeben, etwa auf Grundlage von Tests und vorheriger Berufserfahrung. 60 Prozent der Studienplätze vergeben die Hochschulen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens nach eigenen Kriterien.

Die UMG setzt hierbei unter anderem auf ein aufwendiges Interviewverfahren und hat die Zahl der Studienplätze, die so vergeben werden, für das kommende Wintersemester nahezu verdoppelt auf 85. Dass eine Hochschule so viele Plätze über ein solches Verfahren vergibt, sei in der Form einzigartig, hieß es vom CHE.

Der Weg zum Arzt ist weit und anstrengend. Um ein böses Erwachen zu verhindern, setzt die Universitätsmedizin Greifswald bei der Auswahl von Studierenden verstärkt auch auf vorhergehende Berufsorientierung.Tom Weller/dpa

Der Weg zum Arzt ist weit und anstrengend. Um ein böses Erwachen zu verhindern, setzt die Universitätsmedizin Greifswald bei der Auswahl von Studierenden verstärkt auch auf vorhergehende Berufsorientierung.Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Neben der Abiturnote werden dabei naturwissenschaftliche Vorerfahrungen, aber auch soziales Engagement und Berufspraxis als Kriterien berücksichtigt. Abiturnoten von 1,0 bis 1,5 werden für die Auswahl zum Interview gleich bewertet. Über die anderen Kriterien können Bewerber ihre Abi-Note aufbessern. „Wenn man jetzt alle Hebel zieht hier bei uns, dann kann man bis zum Abitur von 2,4 zum Interview eingeladen werden“, erklärte Hahnenkamp.

Viele Nachwuchsärzte frühzeitig überlastet

Wieso geht die UMG diesen aufwendigen Weg? Natürlich sei ein Medizinstudium kognitiv anspruchsvoll und die schulischen Leistungen daher nicht gänzlich unerheblich, sagt Hahnenkamp. Auch korreliere die Abi-Note mit der Frage, ob jemand das Studium in Regelstudienzeit schafft. „Also die mit 1,0 schaffen es besser als die mit 1,6. Es gibt natürlich Ausnahmen.“

Die Abiturnote sage am Ende aber relativ wenig darüber aus, „wer gut als Arzt funktioniert und im System bleibt und nicht irgendwie was anderes macht, sondern Krankenversorgung“. Viele Nachwuchsärzte seien heutzutage frühzeitig überlastet oder stellten fest, dass ihre Work-Life-Balance nicht stimme. „Das Resultat ist dann häufig genug, dass die ihre Stellen reduzieren.“ Das trage dazu bei, dass Personal fehle.

Die stärkere Gewichtung vorhergehender Berufsorientierung solle dazu beitragen, dass Nachwuchskräfte am Ende nicht davon überrascht seien, „dass es ein anstrengender Beruf ist“.

„Der tollste Beruf auf der ganzen Welt“

Hahnenkamp verwies auch auf die Kosten eines Medizinstudiums. Diese lägen an einer staatlichen Hochschule bei etwa 200.000 bis 300.000 Euro. „Das ist ein echtes Investment vom Staat. Das ist einer der teuersten Studiengänge.“

Es komme nicht immer gut an, aber Studienanfängern und -anfängerinnen sage er mitunter: „Wer jetzt nicht weiß, dass das ein Beruf ist, der 24/7 abdecken muss und da jeder eben seinen Teil, der jetzt hier sitzt, beitragen wird müssen, der sollte jetzt gehen. Weil den Platz können wir dann besser an andere vergeben.“ Das gelte umso mehr in einem System, dem Personal fehle.

„Es ist trotzdem der tollste Beruf auf der ganzen Welt. Wirklich“, sagte Hahnenkamp, der nach eigener Aussage selbst kein Spitzen-Abitur hatte. 

Die Bewerbungsphase für die zentrale Vergabe von Medizinstudienplätzen endet am 15. Januar. Bewerbungen zum Greifswalder Interviewverfahren für das kommende Wintersemester können bis einschließlich 31. Januar eingereicht werden.

Die Universität Greifswald geht bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen eigene Wege.Daniel Vogl/dpa

Die Universität Greifswald geht bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen eigene Wege.Daniel Vogl/dpa

© Daniel Vogl/dpa

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