Zwischen Dorfladen und Smart Store: Reallabor zum Testen
Vor allem im ländlichen Raum steht die Nahversorgung vor einer Menge Herausforderungen. Welche Chancen kann Technologie für kleine Geschäfte bringen? In Jena kann das nun an einem Ort getestet werden.
Hier sollen neue Technologien, Handelskonzepte und Ideen getestet werden.Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa
Lebensmittel in Regalen, Kameras, Bildschirme: Was aussieht wie ein kleiner Hightech-Supermarkt, ist tatsächlich ein sogenanntes Reallabor. Ob elektronische Preisschilder oder Möglichkeiten zum Self-Checkout: Hier können Inhaber kleiner Supermärkte, Bahnhofsshops oder Tante-Emma-Läden verschiedene Technologien für den Einzelhandel ausprobieren. Das neu gebaute Gebäude des Reallabors Nahversorgung steht auf dem Campus der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena.
Hinter dem Projekt stehen Andrej Werner, Professor für E-Commerce und E-Business an der Hochschule, und sein Team. „Die großen Unternehmen haben alle enorme Ressourcen, sei es finanzieller oder technologischer Zugang oder auch Fachkräfte“, sagt Werner. Bei den kleineren Unternehmern seien diese Ressourcen jedoch nicht vorhanden.
Bei der Vielzahl an Technologien sei es gerade für kleine, inhabergeführte Läden schwer, sich aus dem Angebot die für sie passende Lösung zu entscheiden. „Und da können wir als Hochschule genau diesen Part übernehmen, dass wir Technologie zeigen können, dass die sozusagen Technologie ausprobieren können, bevor sie Entscheidungen treffen, Technologie einzukaufen.“
Herausforderungen im ländlichen Raum
Denn wenn der letzte Dorfladen schließt, entstehe nicht nur Frust, „sondern dann werden die Bürger auch unzufriedener“, sagt Werner. Dort, wo Handel aufgrund von mangelndem Personal nicht stattfinden könne, kann ihm zufolge etwa Technologie helfen. „Wir wollen nicht Personal ersetzen per se, sondern wir wollen die Lücke sozusagen auffüllen“.
Die Nahversorgung, vor allem im ländlichen Raum, steht vor einer Menge Herausforderungen. Neben wirtschaftlichem Druck spielen in Thüringen laut Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft und ländlichen Raum auch der wachsende Online-Handel mit seinen Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten sowie der demografische Wandel und die Suche nach Nachfolgern sowie Personal eine Rolle.
„Das Reallabor Nahversorgung bietet die Chance, neue Lösungen unter realen Bedingungen zu erproben und herauszufinden, was im Alltag funktioniert“, sagt Ministerin Colette Boos-John (CDU). Dabei gibt es ihr zufolge nicht „die eine Lösung für alle“. Denn was für das eine Dorf passe, müsse nicht automatisch für eine größere Gemeinde oder einen touristisch geprägten Ort funktionieren. „Die Erfahrungen aus Jena können deshalb wichtige Impulse für andere Regionen Thüringens geben.“
Was kann getestet werden?
In dem Reallabor können unterschiedliche Systeme getestet werden. So gibt es vor dem Hauptraum etwa eine Schleuse, über die reguliert werden kann, wie viele Menschen in den Verkaufsraum gelangen können.
Aber auch für das sogenannte „Grab and Go“-System wird sie gebraucht. Dabei loggt man sich mit einer Karte ein. Basierend auf Kameras und Waagen wird erkannt, welche der Produkte man dann im Raum ausgewählt hat, wie Andreas Jewtschuk erklärt. Er ist Mitarbeiter in Werners Team. Beim Verlassen des Raums wird die entsprechende Summe automatisch von dem hinterlegten Konto abgebucht.
Unter anderem sind Kameras im Einsatz.Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa
Aber auch elektronische Preisschilder, die etwa bei sich oft verändernden Preisen hilfreich sein können, oder Kamerasysteme zum Überprüfen des Bestands im Regal befinden sich im Reallabor. Vor dem Gebäude stehen zudem sogenannte Serviceboxen, die für die Abholung von Produkten über das „Click and Collect“-System genutzt werden.
Kleine Unternehmen am digitalen Wandel teilhaben lassen
Gänzlich neu sind all diese Technologien rund um Smart Stores nicht, erklärt Werner. Aber bei der Frage, wie man die Technologie integrieren will, gebe es eine Reihe von Entscheidungen zu treffen. „Die potenziellen Unternehmer oder Anwender können sozusagen sich Gedanken darüber machen, was funktioniert wie, welche positiven oder welche negativen Aspekte gibt es - und können dann vielleicht bessere Entscheidungen treffen“.
Werner und sein Team seien kein Beratungsunternehmen, betonte der Professor. Ihr Ziel sei es, dass kleine und mittelständische Unternehmen am digitalen Wandel mitmachen können. Sie gäben jedoch keine Empfehlung ab, welche Anbieter oder Software sie nutzen sollten. „Aber ich glaube, mit unserer Unterstützung können sie bessere Entscheidungen treffen, welche Systeme sie kaufen möchten, oder mit wem sie zusammenarbeiten möchten.“
Das Projekt wird Werner zufolge auch für die wissenschaftliche Forschung genutzt - etwa indem systematisch Daten erhoben und Anwendungsfälle beschrieben werden. Dadurch könnte künftig gegebenenfalls auch Input für die Technologieentwickler oder Anbieter gegeben werden.
Wie geht es weiter?
Das Reallabor steht auf dem Campus der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa
Seit 2023 wird das Projekt im Rahmen des Nucleus-Projekts, an dem auch die Friedrich-Schiller-Universität Jena beteiligt ist, aus Bundesmitteln gefördert sowie vom Land Thüringen kofinanziert. Laufzeit ist bis Ende 2027. Mit einigen Praxispartnern arbeiteten Werner und sein Team bereits zusammen, etwa einem kleinen Bahnhofsladen. Dort sind sie bisher mit der Technologie hingefahren - in Zukunft können Interessenten dafür nach Jena kommen.
Die Perspektive der Einkäufer - etwa mit Blick auf Fragen des Datenschutzes oder für weniger technikaffine Menschen - wurde im Rahmen des Projektes nicht betrachtet. Bislang war nur die Unternehmerseite involviert. Doch das soll sich ändern - geplant sind demnach Formate, bei denen auch Interessierte in das Reallabor kommen und die verschiedenen Technologien testen können.