Verse im Vollzug - Wenn das Gefängnis zur Bühne wird
Hinter Gittern präsentieren drei Dichter ihre Texte. Die Gefangenen bewerten die Auftritte. Zwei Stunden lang steht Kultur im Knast im Mittelpunkt.
Osca ist nicht nur zum Zuhören gekommen. Er tritt selbst auf.Uwe Anspach/dpa
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Es ist ein seltsamer Ort für Poesie. Hinter Mauern und Stacheldraht sickert Abendlicht durch die Oberlichter der Gefängnisturnhalle. Abgewetzte Spielfeldlinien – blau, schwarz, rot – ziehen sich wie flüchtige Erinnerungen über den Boden. Es riecht leicht nach Putzmittel. Der Sportsaal der Justizvollzugsanstalt Frankenthal ist gewiss kein Kulturpalast. Für eine Lockerungsübung in Sachen Literatur gibt es aber wohl keinen besseren Platz.
Die Turnhalle der JVA wird zur Bühne
Der Abend gehört einem Poetry-Slam, einem Dichterwettstreit hinter Gittern. Hobbyliteraten stellen sich einer Jury aus Insassen. Etwa 40 Gefangene sitzen vor einer improvisierten Bühne. Bewegt sich jemand, quietscht der Stuhl leise. Aus weinroter Anstaltskleidung lugen persönlicher Schmuck und Tattoos hervor. In der Luft liegen Spannung, Vorfreude - und ein wenig Nervosität.
Ex-TV-Programm-Macher Felsberg erntete Applaus für nachdenkliche Texte.Uwe Anspach/dpa
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„Der Knast trifft jeden Kriminellen. Zehn Jahre kann alles gut laufen. Aber der Tag kommt, an dem man erwischt wird“, sagt Osca. So will der 32-Jährige genannt werden, zwei seiner sechs Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge ist er abgesessen. „Ich habe hier drin alles verloren. Mit meinen drei Kinder habe ich kaum Kontakt. Aber dein größter Feind hier ist die Zeit.“
In den Händen hält er einen eng beschriebenen Zettel. Osca ist nicht nur zum Zuhören gekommen. Er tritt selbst auf. Vor den Mitinsassen und dem Wachpersonal mit den Funkgeräten und vor Anstaltsleiterin Gundi Bäßler. „Kopf oder Zahl, oben oder unten, im Block keine Wahl“, rappt er. „Mittel zum Zweck, unser Mittel aus dem Dreck.“ Am Ende reckt er einen Mittelfinger in die Höhe. Die obszöne Geste gilt nicht dem Personal. Sie gilt den Verhältnissen.
Urteil der Verurteilten: Acht Punkte für den Text.Uwe Anspach/dpa
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Mutiger Auftritt, viel Applaus. „Wenn ich rauskomme, fange ich von Null an“, sagt Osca und streicht sich durch den Bart. Wovon träumt er? „Von einem Beruf mit Zukunft.“
Anstaltsleiterin Bäßler ist zufrieden mit dem Abend. „In diesen Momenten wird deutlich: Wir sind kein Gegeneinander, sondern müssen zusammenarbeiten.“ Etwa 400 Häftlinge sitzen in Frankenthal. „Wir sind voll belegt. Männer von 18 bis über 80.“ Zuständig ist die JVA für Fälle mit Haftstrafen bis acht Jahre.
Wo Gefangene zu Juroren werden
Warum macht sie solche Veranstaltungen? „Poetry Slam heißt raus“, sagt Bäßler. „Nicht nur raus aus der Zelle, sondern raus aus dem Haftalltag. Etwas für den Kopf machen und Leute sehen, die man sonst nicht trifft.“
Die gebürtige Mainzerin Bäßler leitet die JVA seit 2015.Uwe Anspach/dpa
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Das gilt auch für Joachim, eingesperrt wegen gefährlicher Körperverletzung. „Endlich etwas anderes als Zelle“, sagt der 39-Jährige. „Es ist gut, jemand von draußen zu hören. Sollte man öfter machen, eine schöne Abwechslung.“ Mitmachen wie Osca wolle er aber nicht. „Ich bin nicht so der Reimer.“
Der Mann hinter dem ungewöhnlichen Abend ist Rolf Suter. Sein Verein Die Landkulturschaffenden Südwest organisiert seit zweieinhalb Jahren „Kultur dort, wo sie nicht alltäglich ist“, wie der Sozialarbeiter in Rente sagt. „Frankenthal ist die 148. Veranstaltung. Resozialisierung kommt durch Sprache. Sprache zu nutzen, ist Identität, ist Freundschaft, ist Schule, ist Beruf, ist Fortschritt.“ Bei den Kosten gelte „Hauptsache, eine schwarze Null“.
Worte statt Waffen
Suter hat an diesem Tag Georg Felsberg, Semolina und Gusto mitgebracht. Sie treten mit eigenen Texten in zwei Runden an. Pointenreich bei Gusto, poetisch bei Semolina, nachdenklich bei Felsberg. Entschieden wird von Häftlingen.
Autorin Semolina bot eher poetische Texte.Uwe Anspach/dpa
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Die Gefangenen verhandeln in kleinen Gruppen ihr jeweiliges Votum und halten eine Tafel mit der Punktzahl hoch. Am Ende trägt Gusto den Sieg davon.
Kultur hinter Gittern ist keine neuzeitliche Erfindung. In den USA gibt es das Theaterprogramm „Shakespeare Behind Bars“, in Großbritannien die Organisation „Koestler Arts“, die Kunst von Gefangenen ausstellt, und in norwegischen Gefängnissen werden Musikprojekte, Bands und kulturelle Workshops gefördert. Der Auftritt von US-Musiker Johnny Cash 1968 im Hochsicherheitsgefängnis Folsom nahe Sacramento schrieb Musikgeschichte.
Applaus im Knast
Nach zwei Stunden ist Schluss in der holzvertäfelten Turnhalle von Frankenthal. Osca nimmt einen Text von Ex-TV-Programm-Macher Felsberg („ARD-Buffet“) mit in die Zelle. „Der hat mich berührt“, sagt der Rapper.
Autor Gusto trug den Sieg in Form einer Trophäe aus der Arbeitstherapie der JVA davon.Uwe Anspach/dpa
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Wann es weitergeht, weiß Anstaltsleiterin Bäßler noch nicht. „Wir hatten einen Gitarrenkurs, und bei einem Deutschkurs kooperieren wir mit der Volkshochschule“, sagt die gebürtige Mainzerin, die die JVA seit 2015 führt. Dieses Jahr habe man den Häftlingen ein Konzert sowie eine „Olympiade“ und den Poetry-Slam bieten können. „Nun kommt eine längere Durststrecke.“
Organisator Suter hat hingegen schon die nächsten Veranstaltungen im Blick. JVA-Kulturabende sind unter anderem in Rastatt (Baden-Württemberg), Schwalmstadt (Hessen), Saarbrücken sowie Diez und Ludwigshafen geplant.