Thüringer lieben Demokratie, hadern aber mit der Umsetzung
Mehr als die Hälfte der Thüringer teilt populistische Einstellungen. Und die verschieben sich nach rechts. Was der neue Thüringen-Monitor über die Stimmung im Land verrät.
Der Thüringen-Monitor wird seit 2000 im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei von Wissenschaftlern der Universität Jena erstellt (Symbolbild)Martin Schutt/dpa
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Die Thüringer sind überzeugt von der Demokratie, viele aber unzufrieden mit ihrer Umsetzung. Das geht aus dem neuen Thüringen-Monitor der Universität Jena hervor. Demnach unterstützen 90 Prozent der Menschen im Freistaat die Idee der Demokratie - der höchste Wert in der Geschichte der Langzeitstudie. Mit der konkreten Praxis sind jedoch nur 44 Prozent zufrieden. Diese Kluft biete Anknüpfungspunkte für populistische und systemkritische Narrative, die die grundsätzliche Legitimität des politischen Systems infrage stellten, warnt die Politikwissenschaftlerin Marion Reiser.
Während Institutionen wie Polizei und Gerichte nach wie vor hohes Vertrauen genießen, schneidet die Landesregierung deutlich schlechter ab. Nicht einmal jeder Dritte (29 Prozent) war zuletzt zufrieden - der niedrigste Wert seit langem. Noch schlechter kommt die Bundesregierung mit nur 21 Prozent weg.
„Positiv, ist, dass diese hohe Demokratieunzufriedenheit wie auch schon in den Vorjahren nicht zu einer gestiegener Befürwortung alternativer Gesellschaftsordnungen geführt hat“, konstatiert Studienleiterin Reiser. So sei die Zustimmung zur Aussage, der Nationalsozialismus habe auch seine guten Seiten, ebenso konstant zu den Vorjahren (12 Prozent) wie die Zahl derer, die eine Rückkehr zum Sozialismus befürworten (20 Prozent).
Mehr als jeder Zweite teilt populistische Einstellungen
Weitgehend stabil sei der Anteil der Personen mit rechtsextremen Einstellungen. Der liege bei 18 Prozent. Insgesamt sind den Angaben nach populistische Einstellungen in Thüringen weit verbreitet und werden von mehr als der Hälfte der Wahlberechtigten geteilt. „Populismus hat sich in Thüringen zuletzt nicht weiter ausgebreitet, sich aber stärker nach rechts verschoben“, erklärt Reiser. So nehme die Überschneidung zu rechtsextremen und ethnozentristischen Positionen zu. Es bleibe eine wichtige Aufgabe in Thüringen, „die Resilienz gegen antidemokratische Einstellungen zu stärken“, mahnt Reiser.
Politikwissenschaftlerin Marion Reiser: „Populismus hat sich in Thüringen zuletzt nicht weiter ausgebreitet, sich aber stärker nach rechts verschoben.“ (Archivbild)Martin Schutt/dpa
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Staatskanzleichef Stefan Gruhner (CDU) sprach insgesamt von einer „hohen demokratischen Reife“ Thüringens. Mit dem Thüringen-Monitor halte sich das Land seit 25 Jahren den Spiegel vor. „Der Freistaat verfügt über ein wirklich stabiles gesellschaftliches Fundament.“ Angesprochen auf den Vertrauensverlust in die Landesregierung als Institution sagte er: „Wir nehmen diese Werte sehr ernst.“ Es gehe einerseits darum, Versprechungen einzuhalten und konkret umzusetzen. Andererseits habe sich die Landesregierung zum Ziel gesetzt, stärker vor Ort zu sein und den Menschen Dialogangebote zu machen.
Nach Ansicht der Linken zeigen die Ergebnisse, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Thüringen unter Druck steht. „Besonders gefährlich wird es, wenn soziale Unsicherheit gegen Minderheiten gelenkt wird“, warnen die Landtagsabgeordneten Christian Schaft und Katharina König-Preuss. Politik müsse die Menschen entlasten. Schaft betonte: „Demokratie wird dort stark, wo Menschen konkrete Verbesserungen spüren und an Entscheidungen beteiligt werden.“ Dazu zählten gute Arbeit und Pflege, beitragsfreie Bildung, bezahlbares Wohnen und eine erreichbare Gesundheitsversorgung.
Rund 3.800 Menschen befragt
Der Thüringen-Monitor wird jährlich im Auftrag der Staatskanzlei von Wissenschaftlern der Universität Jena erhoben. Die Studie gibt es seit dem Jahr 2000. Sie untersucht unter anderem die politischen Einstellungen der Menschen im Freistaat. Dabei werden insbesondere rechtsextreme Einstellungen und die Zufriedenheit mit der Demokratie in den Blick genommen.
Für die 25. Ausgabe der Untersuchung wurden mehr als 3.800 Wahlberechtigte im Zeitraum vom 2. Juni bis 4. Juli 2025 befragt.