Studie will Lage unheilbar kranker Gefangener erforschen
Die Gesellschaft wird immer älter – das zeigt sich auch in den Haftanstalten. Damit muss sich die Justiz auch mit der Lage von unheilbar kranken Häftlingen auseinandersetzen.
Auf die Situation von unheilbar kranken Häftlingen ist die Justiz noch kaum vorbereitet - eine neue Studie soll das ändern. (Symbolbild)Mohssen Assanimoghaddam/dpa
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Es ist ein Thema, das noch kaum erforscht ist: Wie gut sind unheilbar schwer erkrankte Häftlinge in den Justizvollzugsanstalten versorgt, die eine palliativmedizinische Versorgung brauchen? Ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) will sich dieser Frage in den kommenden zweieinhalb Jahren am Beispiel von Niedersachsen widmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördere die Studie mit rund 356.000 Euro, teilte die MHH mit.
Hintergrund ist, dass Inhaftierte zwar rechtlich Anspruch auf die gleiche medizinische Versorgung wie gesetzlich Krankenversicherte haben. Damit stehen ihnen im Falle einer schweren unheilbaren Erkrankung auch palliativmedizinische Leistungen zu. In der Palliativmedizin steht die Verbesserung der Lebensqualität von unheilbar Erkrankten im Mittelpunkt, etwa durch die Linderung von Schmerzen und anderer belastender Umstände.
Besonderheiten im Strafvollzug
Aber wie es um die Realität solcher Angebote im heutigen Strafvollzug aussieht, ist nicht bekannt. „Justizvollzugsanstalten sind zwangsläufig restriktive und stark reglementierte Einrichtungen mit geringen Handlungsspielräumen“, sagt Psychologin und Studienleiterin Stephanie Stiel.
Die Inhaftierten seien stigmatisiert, Einsamkeit und Konflikte mit Anstaltspersonal und Mithäftlingen prägen Stiel zufolge ihren Alltag. Sie hätten auch keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem und seien häufig abhängig vom Handeln Dritter, gerade am Lebensende.
Viele Daten sind noch unbekannt
Derzeit gibt es keine Daten dazu, wie viele Häftlinge mit schweren unheilbaren Erkrankungen es gibt. Aber ihre Zahl steigt, denn der demografische Wandel mit der Zunahme des Anteils älterer Menschen zeigt sich auch in Justizvollzugsanstalten. Laut MHH sind die Über-60-Jährigen dort die am schnellsten wachsende Gruppe. Daher werde in den kommenden Jahren auch die Zahl schwer kranker und sterbender Inhaftierter deutlich zunehmen.
Nicht bekannt sei etwa auch, wie viele Inhaftierte vorzeitig entlassen werden oder wie viele in Haft sterben. Auch über die konkrete palliativmedizinische Versorgung inner- und außerhalb der Gefängnisse sei kaum etwas bekannt. Es gebe keine festgelegten Behandlungspfade, sagte Stiel.
Handlungsbedarf aufzeigen
Die Studie solle den aktuellen Stand der palliativmedizinischen Versorgung im Strafvollzug darstellen und zeigen, wo es Handlungsbedarf gibt. Viele der 13 Justizvollzugsanstalten hätten bereits zugesagt, das Forschungsprojekt zu unterstützen, hieß es.