Sind Trachten in? Was Modedesigner von Helgoland mitbrachten
Muffig oder cool? Junge Modedesigner haben sich für ihre Kollektionen von der Insel Helgoland inspirieren lassen - und von den Trachten dort. Eines sollen die Entwürfe auf keinen Fall sein.
In dem Projekt „Seegang“ beschäftigen sich Studierende der Hochschule Hannover mit Mode, die von Helgoländer Trachten inspiriert ist.Moritz Frankenberg/dpa
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Dass Modedesigner nicht einfach nur etwas nachahmen, dürfte selbst absoluten Mode-Muffeln klar sein. Erst recht keine historischen Trachten. Trachten? Nicht gerade modern, vielleicht sogar spießig, allein das Wort hat nicht in allen Kreisen einen guten Klang. Ein wenig „muffig“ findet es Martina Glomb, Modeschöpferin und Modedesign-Professorin an der Hochschule Hannover. Aber: Für Glomb sind Trachten der absolute Gegenentwurf zu schnelllebiger „Fast Fashion“. Trachten müssen lange halten und auch mal Wind und Wellen trotzen. Jetzt sollen sich ihre Studierenden von Trachten inspirieren lassen. Und von Helgoland.
Von Punk zur Tracht
Doch warum ausgerechnet Helgoland? „Die Idee war: Ich melde mich und frage, ob Interesse an einem Projekt zu Helgoland besteht“, erzählt Simone Arnhold (48), Direktorin des Museums Helgoland. Im Frühjahr 2025 sahen sich Studentinnen und Studenten auf der Insel traditionelle Trachten an und sprachen mit den Mitgliedern des Helgoländer Trachtenvereins. Dazu kam es nicht zufällig - Glomb (66) hatte sich schon vor Jahren mit Schaumburger Trachten befasst, auch mit hessischen Trachten. „Mode ist das Bedürfnis nach ständiger Erneuerung“, schrieb sie einst.
Für Modeprofessorin Martina Glomb sind Trachten ein Gegenentwurf zu schnelllebiger „Fast Fashion“.Moritz Frankenberg/dpa
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Interessant an Trachten: „Man kann ganz viel über Handwerk und Material lernen“, erklärt die Modeschöpferin, die eigene Kollektionen kreiert und einst zwölf Jahre lang mit Mode-Ikone Vivienne Westwood zusammenarbeitete.
Damals ging es eher um Punk - wie kommt man von dort zu Trachten? Vielleicht ist es gar nicht so abwegig: „Es geht nicht darum, einen Look zu schaffen“, sagt die 66-Jährige. „Es geht um „Slow Fashion“ - etwas Einzigartiges zu schaffen, das eine Geschichte erzählt.“ Und nicht: Kaufen und wegschmeißen, denn genau in die Richtung hat sich Mode aus ihrer Sicht entwickelt. Trachten stehen für das Gegenteil.
„Lange Anna“ - Wahrzeichen der Insel wird zum Kleid
Selbst wenn sich die studentischen Kollektionen weit von den Vorbildern entfernt haben - das Helgoländer Vorbild schimmert immer durch. Oder lässt sich zumindest erahnen. Linus Koss (24) hat für seine Bachelor-Arbeit sechs Looks geschaffen: „Trachten sprechen oft zur Gegenwart, man kann auf neue Formen kommen“, sagt er. Typisch für die Insel ist der rote Wollrock mit Oberteil, „Paik“ genannt - davon hat er sich inspirieren lassen, aber auch von der Insel selbst.
Student Linus Koss ließ sich von Trachten inspirieren. Moritz Frankenberg/dpa
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Über eine Woche habe er Klippen und vor allem den berühmten Brandungspfeiler „Lange Anna“ aus rotem Sandstein, das Wahrzeichen der Insel, fotografiert. Die Fotos seien auf Stoffe gedruckt und zu einem Kleid zusammengesetzt worden. Fragmente als Symbol für eine schrumpfende Insel - „die „Lange Anna“ wird auch wegbröckeln“. Eine schwarze Haube wirkt wie eine ferne Erinnerung an vergessene Trachten. Oder ein Kleid, hergestellt aus mit Zickzack-Stich verbundenen Seilen und mit vielen Löchern. „Es ist nicht das Tragbarste“, räumt er ein - eher ein „extremes Kleidungsstück“, wie Glomb findet.
Das passt tatsächlich zu Helgoland: Auf der Insel gab es keine Weberei, sie war importabhängig und hatte Stoffe oft früher als andere Orte - „eine Art Avantgarde“, sagt die 66-Jährige schmunzelnd.
„Schockierende Geschichte“
Viele Originaltrachten, die zur Inspiration dienen können, gebe es nicht mehr, sagt Museumsdirektorin Arnhold. Die ältesten Stücke stammten aus den 1780er Jahren, sie seien in Hamburg-Altona ausgestellt. Dass nur noch wenige echte Trachten existieren, hängt mit der Geschichte der Insel zusammen - eine „schockierende Geschichte“, wie Glomb findet. Kurz vor Kriegsende im April 1945 wurde Helgoland bei einem Bomber-Großangriff schwer getroffen, die Menschen mussten die Insel verlassen, nur mit Handgepäck. Viele Trachten verbrannten. 1947 dann sprengten die Briten Bunkeranlagen auf der Insel - es war die bis dahin größte, nicht atomare Explosion.
Viele Originaltrachten, die als Inspiration für die Mode-Studierenden Maryam Sadati (l.) und Kenio Seyboldt dienen konnten, gibt es nicht mehr. Moritz Frankenberg/dpa
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Die Geschichte der Insel sei „sehr bewegend“, sagt Studentin Maryam Sadati (28) - und sie erzählt entscheidende Momente anhand der Farben in ihrer Kollektion nach. So gibt es einen „Paik“ in orange-blau-schwarzer Färbung als Symbol für die Bombardierung, ein weiteres Stück in schwarz-grauer Färbung steht für Asche. „Alles fällt auseinander“, sagte sie. Glomb spricht von „dekonstruierter Tracht“.
Models von der Insel
Weiter weg von schnelllebiger „Fast Fashion“-Mode können Kollektionen kaum sein - was für die Modeschöpferin und Hochschullehrerin ein echtes Plus sein dürfte: „Das hat nichts zu tun mit Fünf-Euro-T-Shirts im Laden.“ Überrascht hat sie dann aber doch das große Interesse ihrer Studentinnen und Studenten: „Man rechnet nicht damit, dass das Projekt Helgoländer Tracht so viel Interesse findet.“ Tatsächlich dürfte Helgoland ein Thema bleiben, glaubt sie.
Bei einer Modeschau auf der Hochseeinsel sollen die Kleidungsstücke präsentiert werden. Moritz Frankenberg/dpa
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Das Besondere des Projekts mit dem irgendwie treffenden Namen „Seegang“: Die Menschen auf der Insel waren von Anfang an involviert, wie Arnhold sagt. „Es ist ein Projekt der Insulaner.“
Auch Models, die die Entwürfe der Studierenden präsentieren, stammen alle von der Insel. Denn am 18. September werden die Kollektionen auf Helgoland gezeigt - auf zwei Modenschauen um 15.00 und 17.00 Uhr auf der Landungsbrücke. Auch Mode-Ikone Westwood habe sich studentische Arbeiten immer angeschaut, betont Glomb.
Kann man die Stücke kaufen?
Museumsdirektorin Arnhold erzählt, es sei schon die Frage aufgekommen, ob man die Mode später kaufen könne - Student Linus Koss allerdings macht ganz klar: Das wird nicht möglich sein.
Modestudent Linus Koss und seine Kommilitonen sahen sich auf der Insel traditionelle Trachten an und sprachen mit den Mitgliedern des Helgoländer Trachtenvereins. Moritz Frankenberg/dpa
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Entstanden ist in dem Projekt eine studentische Kollektion. Moritz Frankenberg/dpa
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