„Schicksal“: Der Fall von Owen Ansah und seine Tücken
Das Jahr 2026 hätte das Jahr von Owen Ansah werden können. Doch seine Karriere steht nach einem verweigerten Dopingtest auf dem Spiel. Der Ausgang ist weiter offen.
Owen Ansahs Karriere steht auf dem Spiel. (Archivbild)Sven Hoppe/dpa
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100-Meter-Rekordler Owen Ansah ist bei den am Montag beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham einer der deutschen Hoffnungsträger. Doch für den 25-Jährigen geht es in den nächsten Tagen nicht nur um Edelmetall, sondern abseits der Laufbahn auch um seine sportliche Zukunft. Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) wirft ihm vor, am 9. Juli eine Dopingkontrolle nicht ordnungsgemäß ermöglicht beziehungsweise keine Probe abgegeben zu haben, obwohl ihn ein Kontrolleur darum gebeten hatte. Die Nada schlug am Freitag eine Sperre von vier Jahren vor. Ansahs Karriere steht auf dem Spiel. Doch entschieden ist der Fall noch nicht.
Wie geht es jetzt weiter?
Für Ansah hat eine Frist von 20 Tagen begonnen, in der er die Möglichkeit hat, die Feststellungen der Nada zu akzeptieren oder die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beim Deutschen Sportschiedsgericht zu verlangen. Akzeptiert Ansah die Nada-Entscheidung, reduziert sich die Sperre auf drei Jahre. Doch Ansahs Anwalt ließ bereits mitteilen, dass der Sportler den Nada-Vorschlag nicht akzeptieren werde. Damit wird es zum Disziplinarverfahren kommen. Der Fall könnte sogar vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas landen. Erst einmal will sich Ansah aber auf die EM konzentrieren.
Was bedeutet die Nada-Entscheidung für die EM?
Ungeachtet des Dopingtest-Wirbels hält der Deutsche Leichtathletik-Verband an der Nominierung Ansahs für die EM fest. Er soll über 100 und 200 Meter im Einzel starten. An den Staffel-Wettbewerben wird er aber nicht teilnehmen - auch weil bei einer Sperre Ansahs eine anvisierte Medaille aberkannt werden würde. Und Edelmetall ist für die deutsche 4x100-Meter-Staffel auch ohne ihren besten Sprinter möglich.
Im Einzel hat der deutsche Rekordhalter sowohl über 100 als auch über 200 Meter realistische Medaillenchancen. Mit Saisonbestleistungen von 9,98 Sekunden und 20,13 Sekunden belegt er in den europäischen Jahresbestenlisten jeweils den dritten Platz. Sollte Ansah in Birmingham tatsächlich eine Medaille gewinnen, dürfte der Fall noch mehr Brisanz erhalten.
Wie schätzt ein Doping-Experte die Chancen Ansahs ein?
Doping-Experte Fritz Sörgel schätzt die Erfolgschancen Ansahs, ohne Sperre davonzukommen, gering ein. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Chancen nicht sehr hoch einschätze, dass er da wirklich gut dabei wegkommt“, sagte Sörgel der Deutschen Presse-Agentur und fügte hinzu: „Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht, das halte ich für ausgeschlossen.“
Eine Sperre von vier Jahren sei aber „relativ hart“, betonte Sörgel. Zum Vergleich: Der deutsche Radprofi Michel Heßmann, der im Sommer 2023 positiv auf ein Diuretikum - ein Mittel, das die Harnproduktion anregt und so für die Entwässerung des Körpers sorgt - getestet wurde, erhielt eine Sperre von 21 Monaten. „Jemand, der ein Diuretikum einnimmt, der hat doch ganz eindeutig im Sinn, etwas zu vertuschen“, sagte Sörgel.
Warum ist das Verfahren so außergewöhnlich?
Zu der unangekündigten Dopingkontrolle kam es, als sich Ansah nach eigenen Angaben gerade auf den Weg zum Diamond-League-Meeting nach Monaco machen wollte. Dort sei er als Nachrücker kurzfristig ins Starterfeld gerutscht. Er sei spät dran und kurz zuvor schon auf Toilette gewesen, hatte Ansah angegeben. Er habe dem Kontrolleur vorgeschlagen, zum Flughafen mitzufahren, um die Probe dort abzugeben.
Rein faktisch liegt kein positiver Dopingtest vor. Suspendiert ist Ansah nicht. Doping-Experte Sörgel erklärte, dass es ein paar Argumente gebe, den Test abzulehnen. Es sei „unglücklich“ für den Sprinter gelaufen. „Aber besonders gute Argumente gibt es eigentlich nicht.“ Man müsse dennoch jeden einzelnen Schritt überprüfen, äußerte Sörgel.
Besonders bitter für den Sprinter: Wäre er zum Flughafen gefahren, bevor der Kontrolleur zur Dopingprobe erschienen wäre, hätte das zunächst keine Auswirkungen gehabt. Es hätte sich zwar um einen Meldepflichtverstoß gehandelt. Doch zwei verpasste Dopingkontrollen innerhalb von zwölf Monaten hätte sich Ansah erlauben dürfen. „Man kann es auch Schicksal nennen“, sagte Sörgel.
Gibt es einen vergleichbaren Fall?
Ja. Die tschechische Tennisspielerin Marketa Vondrousova - 2023 Wimbledon-Siegerin - hatte am 3. Dezember 2025 einer Kontrolleurin einen Dopingtest verweigert und wurde für vier Jahre gesperrt. Nach Angaben der zuständigen International Tennis Integrity Agency (ITIA) muss dies nach den Anti-Doping-Regeln wie ein positiver Befund bewertet werden. Vondrousova begründete den versäumten Dopingtest mit einer Angststörung. Doch dies war nach Einschätzung der ITIA „keine überzeugende Rechtfertigung“.