Scherben, Solidarität und Sorgen vor der nächsten Demo
Am Lauf-Shop in der Frankfurter Zeil ersetzt eine Holzplatte die kaputte Scheibe. Der Inhaber öffnet trotzdem. Doch der Blick nach den Krawallen vom Wochenende richtet sich sorgenvoll in die Zukunft.
Viele Menschen zeigten ihre SolidaritätAndreas Arnold/dpa
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Ein Kunde probiert Schuhe an, während Jost Wiebelhaus ein Gespräch nach dem anderen führt: Versicherung, Presse, Handwerker. Sein Lauf-Shop in der Nähe der Frankfurter Zeil sieht eigentlich aus wie immer – wäre da nicht die fehlende Scheibe, an deren Stelle am Montagmorgen eine Holzplatte hängt. „Was wir am Samstag erlebt haben, darf natürlich jetzt auf keinen Fall wieder passieren“, sagt Wiebelhaus.
Die letzten Stunden bestanden für ihn und sein Team aus viel Arbeit und wenig Schlaf. Nach einer zumeist friedlichen Demonstration kam es in der Halloween-Nacht zu Krawallen. In Frankfurt flogen Steine und Brandflaschen, Randalierer zerstörten Schaufenster, es gab Plünderungen. Mehr als 100 Polizisten wurden verletzt.
In Frankfurt eskalierte die Lage am Samstagabend. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa
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„Der Einsatz war für uns ziemlich intensiv“
Polizeikommissarin Paula gehört zu den Cop-Influencern, die in den sozialen Medien ihren Alltag im Job zeigen. Sie war laut eigener Aussage in der Nacht ebenfalls in der Frankfurter Innenstadt im Einsatz. „Eigentlich sollte es ein ganz normaler Nachtdienst für mich in Neu-Isenburg werden“, sagt sie in einem Video. Am frühen Abend aber sei die Nachricht gekommen, dass die Kollegen in Frankfurt Unterstützung bräuchten.
„Der Einsatz war für uns ziemlich intensiv und auch wir waren mit Gewalt konfrontiert. Auch unsere Fahrzeuge wurden hierbei in Mitleidenschaft gezogen“, sagt sie in dem Video. „Mir geht es gut. Dennoch wurden viele Kolleginnen und Kollegen bei diesem Einsatz verletzt.“
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Fotos von Scherben und Scheiben
Im Frankfurter Lauf-Shop wurde die Scheibe zerstört. In einem Nachbarladen wird ein großer Riss in der Scheibe am Montagmorgen noch abgeklebt. An den Geschäften auf der Zeil und in den Nebenstraßen laufen aber schon wieder zahlreiche Menschen entlang, trinken Kaffee, shoppen – aber bleiben auch stehen, um Fotos von Scherben und kaputten Scheiben zu machen.
Eine Anwohnerin trinkt an einem Kaffeestand an der Konstablerwache einen Matcha. Sie wohne hier ganz in der Nähe, sagt sie. Am Samstagabend sei sie zum Glück nicht da gewesen. Aber am Sonntag sei sie spazieren gegangen, erzählt sie. Und schon da habe man kaum noch etwas gesehen. Nur eine Scheibe an einem Laden sei ihr aufgefallen, die sei immer noch nicht abgesperrt – gefährlich, wenn da ein Kind lang laufe, sagt sie.
„Wir gucken auch nach vorne“
So ganz sind die Spuren der Gewaltnacht noch nicht beseitigt. Vor einem Geschäft auf der Zeil liegt ein großer zusammengekehrter Scherbenhaufen, einzelne Geschäfte sind noch verbarrikadiert oder öffnen später. Ein Polizist läuft in einer Nebenstraße entlang und notiert Schäden, die bislang noch nicht gemeldet wurden. Man mache eine Bestandsaufnahme, sagte er. Auch im Lauf-Shop macht er Halt – der Inhaber hat aber schon alles geklärt und auch seine Vorgangsnummer für die Versicherung schon.
Jost Wiebelhaus möchte mit einem Solidaritätslauftreff ein Zeichen setzen. Andreas Arnold/dpa
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Viele Ladenbetreiber haben keine Lust auf den Rummel, wollen nichts sagen. Für Wiebelhaus ist das keine Option: Er hat sich schon am Wochenende in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit gewandt und sich kämpferisch gezeigt. „Wir gucken auch nach vorne“, sagt er am Montag. „Für uns war das Allerwichtigste, dass es nur Sachschäden waren und keine Personenschäden.“ Ein Handwerker habe bereits am Sonntagmorgen die Scheibe mit Brettern verriegelt. „Sodass wir hier ganz normal öffnen können. Die Alarmanlage funktioniert, wir können komplett hier Kunden beraten. Wir haben seit 10.00 Uhr jetzt guten Betrieb.“
Bei jeder Demo Scheibe verbarrikadieren? „Das wäre Wahnsinn“
Man müsse jetzt die Lehren aus den Ereignissen für folgende Demonstrationen ziehen, sagt der Inhaber. „Wir können nicht bei jeder Demo die Scheibe verbarrikadieren. Das wäre Wahnsinn.“ Seine Vorschläge: ein früherer Demo-Start und mehr Polizeipräsenz. „10.00 Uhr starten, nicht 14.00 Uhr, dann ist man vor der Dunkelheit fertig.“
Am Montagnachmittag trifft sich der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) mit Vertretern der geschädigten Händler. Neben einer Bestandsaufnahme der Schäden richtet sich der Blick im Gespräch laut Handelsverband insbesondere auf den Umgang mit zukünftigen Demonstrationen. Außerdem sorgen sich die Händler um Sicherheitsbedenken der Kunden im anstehenden Weihnachtsgeschäft, wie Geschäftsführer Sven Rohde sagte. Auch Wiebelhaus ist zu dem Gespräch eingeladen.
Wie es ihm zwei Tage nach den Krawallen geht? „Ich bin müde. Ich habe von Freitag, Samstag auf Sonntag, glaube ich, zwei Stunden geschlafen, nur so ein bisschen, und auch heute Nacht nur viereinhalb“, sagt er. „Aber wir wollten heute Flagge zeigen.“
Wiebelhaus will ein Zeichen setzen. Deshalb hat er seinen immer montags stattfindenden Lauftreff kurzerhand umgewidmet: „Heute Abend machen wir einen Solidaritätslauf gegen die Gewalt“, sagt er.
Zahlreiche Menschen kamen zusammen. Wegen der angespannten Sicherheitslage in der Nacht auf den 1. November hatte auch der populäre Gibson Club seine Öffnung von 22.00 Uhr auf 23.00 Uhr verschoben. Zwar kamen vereinzelt Gäste in den Club, teilte Bastian Bernhagen mit, der geschäftsführende Gesellschafter. Die Polizei habe aber den Bereich um die Zeil sehr schnell abgesperrt, sodass weitere Gäste den Club nicht erreichten.
Ein Scherbenhaufen ist noch übrig. Mona Wenisch/dpa
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Zahlreiche Menschen kamen demonstrativ zum Treff.Andreas Arnold/dpa
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