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Erzbistum Paderborn: Hinweise auf 489 Missbrauchsopfer

Kinder unter Druck, Täter geschützt: Die neue Paderborner Studie enthüllt, wie Priester selbst nach Geständnissen ungestört weiterarbeiten konnten – und wie Opfer das bis heute belastet.

Von dpa

12.03.2026

Die Studienautorin Nicole Priesching leitete die Pressekonferenz mit einem Blick auf die Opfer ein.Friso Gentsch/dpa

Die Studienautorin Nicole Priesching leitete die Pressekonferenz mit einem Blick auf die Opfer ein.Friso Gentsch/dpa

© Friso Gentsch/dpa

Im Erzbistum Paderborn haben in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher bekannt. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Studie, die die Universität Paderborn am Donnerstag vorgestellt hat. Bislang galten laut 2018 veröffentlichen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz für diesen Zeitraum 111 Priester als Beschuldigte. „Diese Zahlen sind stark zu korrigieren“, sagte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching. Jetzt gebe es Hinweise auf 210 Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.

Aufgeteilt auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt nannte Priesching ebenfalls Zahlen. Unter Jaeger (1941-1973 im Amt) wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Bei Degenhardt (1974 bis 2002) waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Das sind 4,35 Prozent der über die Jahre beschäftigten Kleriker.

Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Fälle zu vertuschen und die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck gesetzt worden, die Anzeigen zurückzuziehen, sagte die Historikerin Priesching. Wenn Priester geständig waren, die Fälle aber in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der Regel fortsetzen können. Untersucht worden seien die Vorwürfe in der Regel von anderen vorgesetzten Priestern. Das soziale Umfeld in den katholischen Kirchengemeinden habe dafür gesorgt, dass die Opfer den Beschuldigten weiter ausgeliefert blieben. 

Die Studie in Buchform. Friso Gentsch/dpa

Die Studie in Buchform. Friso Gentsch/dpa

© Friso Gentsch/dpa

Unter Kardinal Degenhardt dienten Therapien für die Priester dazu, dass sie ihre Arbeit anschließend fortsetzen konnten. Das schlimmste, was sie bei ihrer Forschung gelesen habe, sei ein Brief von Degenhardt an einen gerade verurteilten Priester gewesen. „Darin teilte der Kardinal dem Kleriker sein ganzes Mitgefühl mit“, sagte die Studienautorin. „Danach konnte ich eine Nacht nicht schlafen.“ 

Die Pressekonferenz leitete Priesching mit einem Blick auf die Opfer ein. Kinder hätten vor der Beichte Sätze sagen müssen wie „Ich will schamhaft und keusch sein“. „Keiner dieser Sätze erleichterte es den Kindern, über ihre Sexualität zu sprechen.“ Den Opfer sei suggeriert worden, dass sie selbst schuld seien. Sie hätten sich dreckig gefühlt und gedacht, jeder gucke auf sie. Ein Opfer habe ihr berichtet, wie ein Priester vor ihm masturbiert habe. Als das Kind dann geweint habe, habe der Geistliche weiter Spaß gehabt. „Dann war die Kinderseele zerstört“, sagte Priesching.

Zahlreiche Interviews mit Opfern

Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen zahlreiche Interviews mit Opfern und Personalverantwortlichen des Bistums geführt, schriftliche Quellen ausgewertet wie Personalakten, aber auch bislang geheime Akten eingesehen. Die Historikerin geht davon aus, dass die Zahlen der Beschuldigten und Opfer deutlich höher liegen als bislang bekannt. „Beim Dunkelfeld können wir nur spekulieren“, sagte Priesching. Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Opfern, die sich für die Interviews gemeldet haben. 

Professorin kündigt zweite Studie für 2027 an

Noch bis in das Jahr 2001, so die Autorin der Studie, habe Degenhardt besseren Wissens von Einzelfällen gesprochen. Er habe diese als Fehltritte und unglückliches Verhalten der Kleriker bezeichnet. Beide Kardinäle hätten große Milde gegenüber den Priestern gezeigt, dafür kein Verständnis für die Opfer, so die Autoren. 

Für das Jahr 2027 kündigte die Professorin die zweite Studie an. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Beckers. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.

Gebiet des Erzbistums

Geografisch erstreckt sich das Erzbistum Paderborn mit 1,4 Millionen Katholiken in Nordrhein-Westfalen von Minden im Norden bis nach Siegen im Süden und von Herne im Westen bis nach Höxter im Osten. Zusätzlich zu den Gebieten in Westfalen zählen Teile des Kreises Waldeck-Frankenberg (Hessen) und die Stadt Bad Pyrmont (Niedersachsen) zum Erzbistum. Paderborn ist eins von bundesweit sieben Erzbistümern und nimmt damit eine der Führungspositionen in der katholischen Kirche in Deutschland ein.

Studie der Bischofskonferenz

2018 hatte eine Studie im Auftrag der Bischofskonferenz ergeben, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 katholische Kleriker 3.677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Kritiker hatten an der Studie aber bemängelt, dass die Autoren keinen Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven bekommen hatten.

Münster

Im benachbarten Bistum Münster war 2022 eine unabhängige wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt worden. Zwischen 1945 bis 2020 gab es nach den Untersuchungen des fünfköpfigen Forscherteams mindestens 196 Kleriker als Täter und 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Nachweisen konnten die Forscher auch jahrzehntelanges Versagen in der Bistumsleitung, Vertuschen und Strafvereitelung durch Personalverantwortliche in verschiedenen Fällen.

Köln

In einem im Jahr 2021 veröffentlichten Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln wurden dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße Pflichtverletzungen bei der Aufarbeitung vorgeworfen. Er bot dem damaligen Papst Franziskus seinen Rücktritt an. Der aber lehnte ab. Zwar sah auch der Papst „persönliche Verfahrensfehler Heßes“. Das Gutachten habe aber nicht ergeben, dass diese Fehler „mit der Absicht begangen wurden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen“. Heße war früher Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln. Kardinal Rainer Maria Woelki wurde in dem Gutachten entlastet.

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