WM 2026

„Methode Scaloni“ auf dem nächsten Prüfstand

Er hat Lionel Messi zum Weltmeister gemacht - und umgekehrt. Nicht nur mit dem Superstar der Argentinier zeichnet Lionel Scaloni eine besondere Beziehung aus. Eines ist bei ihm aber eigenartig.

Von Jens Marx, dpa

06.07.2026

Er ist der Weltmeister-Macher - auf seine Art: Lionel Scaloni. (Archivbild)Tom Weller/dpa

Er ist der Weltmeister-Macher - auf seine Art: Lionel Scaloni. (Archivbild)Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Lionel Scaloni musste den Kraftakt gegen Kap Verde in seinem Jubiläumsspiel erstmal sacken lassen. „Es wäre verrückt gewesen, in meinem 100. Spiel zu verlieren“, sagte er. Aber so sei Fußball eben. Scaloni, der ohne jegliche Meriten vor acht Jahren den Posten übernommen hat, bekommt aber auch sein 101. Spiel als Trainer der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko. 

Am Dienstag (18.00 Uhr MESZ/Magenta TV und ARD) in Atlanta gegen Ägypten, das WM-Achtelfinale. „Es ist Scalonis Stunde“, schrieb die argentinische Zeitung „La Nación“. 

Wenn er auch sein 104. beim XXL-Turnier erleben wird und das mit einem Sieg endet, wird er selbst argentinische Trainer-Legenden wie César Luis Menotti (Weltmeister-Trainer 1978) oder Carlos Bilardo (Weltmeister-Trainer 1986) in den Schatten stellen. Und das heißt was. Nur eines wird er dann vermutlich wieder nicht: Jubeln. Er genießt innerlich, nur Tränen fließen schnell. Das war schon beim Titeltriumph in Katar 2022 so.

Einer der legendärsten Trainer, die es gab: César Luis Menotti. (Archivbild)picture alliance / dpa

Einer der legendärsten Trainer, die es gab: César Luis Menotti. (Archivbild)picture alliance / dpa

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Was acht Trainer - inklusive Maradona - nicht schafften

Vor 20 Jahren in Deutschland musste Scaloni Lionel Messi noch stoppen. Zumindest im Training. Er, der Verteidiger, Messi, der Offensiv-Zauberer. Bei der WM in Deutschland standen sie zusammen im Kader der Argentinier. Scalonis Karriere in der Albiceleste als Spieler blieb mit sieben Einsätzen aber eher überschaubar. 

Nicht so als Trainer. An Messi verzweifelten alle, die seit dessen kurzem Länderspieldebüt mit Rot nach Einwechslung im August 2005 im Amt waren. Ob anfangs José Pekerman, zwischendurch sogar Diego Maradona oder am Ende Jorge Sampaoli - insgesamt acht Trainer versuchten es vergeblich. Bis Scaloni kam. Ex-Profi, aber mit null Trainer-Erfahrung als Chefcoach eines Profi-Teams.

Die Übernahme nach Messis WM-Tiefpunkt 

Er war Co-Trainer unter Sampaoli beim FC Sevilla und der argentinischen Nationalmannschaft, ehe Scaloni die U20 übernahm. Nach der WM in Russland, als Messi im Sommer 2018 ein Lustlos-Turnier spielte, wurde Scaloni zum Cheftrainer der Albiceleste berufen. 

Wie der ehemalige rechte Verteidiger, der vor allem in Spanien und Italien spielte, die Mannschaft führen und formen würde, wurde schnell klar. Dass Messi nicht zurücktrat, war auch Scalonis Verdienst. 

Die Mannschaft wird längst auch „La Scaloneta“ genannt - nach dem Namen des Trainers. Scalonis Führungsstil wurde auch schon verfilmt: „El Método Scaloni“ (Die Methode Scaloni). Ein südamerikanischer Streamingdienst hat ihm eine Doku unter dem Titel gewidmet. „Die wahre Revolution der Scaloni-Methode war nicht nur taktischer Natur, sondern auch emotionaler und kultureller Art“, sagt der Autor und Regisseur der Doku, Fabián Jalife.

Was zeichnet Scaloni aus?

Scaloni ist weder Eisklotz, noch Selbstdarsteller. Er zeigt Emotionen, ist Mensch. Auf Pressekonferenzen kommen bei Erinnerungen und Wiedersehen schnell auch mal die Tränen. Als er am 30. Mai 2015 seine letzten Minuten als Profi für Atalanta Bergamo gegen AC Mailand absolviert hatte, umarmte der damals 37-Jährige seinen Vater Ángel und „weinte wie nie zuvor“, schrieb mal die FIFA über Scaloni, dessen Vorfahren auch italienische Wurzeln haben. 

Schon als Spieler galt Scaloni als Motivator. Die erste Trainerausbildung zur UEFA-B-Lizenz absolvierte er 2011 in Trigoria, dem Trainingszentrum der AS Rom. Damals stand er bei Lazio unter Vertrag. Sein Trainer-Debüt gab Scaloni fünf Jahre später - auf der Trainerbank der Jugendmannschaft des Son Caliu CF. „Er fragte uns, ob er eine Jugendmannschaft trainieren dürfe, um seinen Trainer-Abschluss endgültig zu validieren“, erzählte ein Vereinsfunktionär mal dem Sender Antena3. 

Die Verbindung zu Mallorca

Scaloni ist mit einer Mallorquinerin verheiratet und lebt teilweise auf der Insel. „Wie schön, dass dieses Märchen auf Mallorca seinen Anfang genommen hat“, schrieb das „Mallorca Magazin“ mal über den Weltmeister-Trainer Scaloni, der mit seiner Art einen Wandel in der argentinischen Nationalmannschaft schaffte. 

„Er hat mir klargemacht, dass man das Leben aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann, auch den Fußball“, erklärte Mittelfeldmann Rodrigo de Paul bei der WM. Der wichtigste Nebenmann von Superstar Messi - beide spielen auch bei Inter Miami zusammen - hob Scalonis verständnisvolle Art hervor. 

„Das Wichtigste ist, dass wir keine Fußballspieler sind, sondern Menschen, die Fußball spielen. Dieser Satz ist für mich äußerst wichtig. Hinter jedem Spieler steht ein Mensch mit vielen Problemen, Freuden und Enttäuschungen. Wenn man sieht, dass derjenige, der einen anleitet, das versteht, fühlt man sich viel wohler“, betonte de Paul. Schon als Spieler soll Scaloni kein Typ für Kontroversen gewesen sein. 

Scaloni und Messi - das passt. (Archivbild)Tom Weller/dpa

Scaloni und Messi - das passt. (Archivbild)Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Ein besonderes Verhältnis hat er zu Messi. Er ließ ihn in Ruhe, als er den Posten übernommen hatte und Messi nach dem Aus in Russland Zeit brauchte. Messi kam zurück und zelebrierte unter Scaloni seinen Fußball. Nie zuvor wirkte Messi in der Nationalmannschaft glücklicher, nie war er erfolgreicher. 2021 Sieger der Copa América, drei Jahre später wieder, 2022 der WM-Triumph. Unter Scaloni verewigte sich Messi endgültig.

Messi und der drohende Abschied Scalonis

Und er war es, der Scaloni in Momenten des Zweifels zum Weitermachen bewegte, wie Scalonis Biograf Diego Borinsky der argentinischen Zeitung „La Capital“ erklärte. Zweimal soll Scaloni dessen Schilderungen zufolge ans Aufhören gedacht haben. Einmal, als es seinen Eltern nicht gut gegangen war und er glaubte, nicht die nötige Energie für den Job zu haben. „Vergiss es. Wir stehen voll und ganz hinter dir“, soll Messi ihm gesagt haben. 

Und es ist genau diese Einheit von Spielern und ihrem Trainer, die Argentinien 2022 zum Weltmeister machte. Ángel di María, einer der Weltmeister und einer derer, die all die Versuche vorher seit der WM in Deutschland miterlebt hatte, sagte einmal: „Die Mauer ist gefallen.“ Es war an dem Tag, als er Argentinien zum Sieg bei der Copa América 2021 im legendären Maracanã geschossen hatte. 

Es war die emotionale Last des Scheiterns, sei es das verlorene WM-Finale 2014 gegen Deutschland, seien es die Finalniederlagen im Elfmeterschießen in der Copa América in den beiden Jahren danach gewesen, die damit abfiel. Es war der Anfang des Titelweges der Argentinier unter Lionel Scaloni, der nach dem Sieg nach Verlängerung gegen Kap Verde betonte: „Von den 100 Spielen als Trainer war es für mich das wichtigste Spiel.“

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