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Mehr als 37 Millionen Euro Schaden wegen Geflügelpest

Viele Wildvögel tragen den Erreger der Geflügelpest in sich. Seit Herbst gab es aber auch mehr als 100 Ausbrüche in Geflügelhaltungen. Daher denkt die Branche inzwischen auch ans Impfen.

Von Elmar Stephan, dpa

06.04.2026

Die Folge einer Infektion mit Geflügelpest sind für die Tiere gravierend: Der Bestand eines infizierten Betriebs muss in der Regel getötet werden. (Archivbild)Michael Bahlo/dpa

Die Folge einer Infektion mit Geflügelpest sind für die Tiere gravierend: Der Bestand eines infizierten Betriebs muss in der Regel getötet werden. (Archivbild)Michael Bahlo/dpa

© Michael Bahlo/dpa

Es ist die größte Geflügelpest-Epidemie, die es in Niedersachsen bislang gegeben hat: Seit Mitte Oktober vergangenen Jahres bis Ende März wurden mehr als 1,6 Millionen Tiere getötet. Aus der Tierseuchenkasse wurden bislang mehr als 37 Millionen Euro an die Tierhalter ausgezahlt. Und diese Summe wird in den nächsten Wochen noch steigen, sagt die Geschäftsführerin der Tierseuchenkasse Niedersachsen, Ursula Gerdes. Immerhin gab es in den vergangenen Wochen keine Ausbrüche mehr.

Warum hält sich das Virus so hartnäckig?

Inzwischen werden laut Landwirtschaftsministerium Infektionen mit dem Virus der Geflügelpest in ganz Europa ganzjährig bei Wildvögeln festgestellt. Wildlebende Wasservögel wie Enten und Gänse gelten als natürliches Reservoir der Geflügelpest. Zugvögel können auf ihren Routen im Herbst oder im Frühjahr neue Varianten des Krankheitserregers mitbringen. Die Geflügelpest oder auch Vogelgrippe sei inzwischen in Deutschland endemisch.

Wie waren die Fallzahlen der Vogelgrippe in den vergangenen Jahren?

Daten aus dem offiziellen Meldesystem des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) reichen bis ins Jahr 2008 zurück. Damals mussten bei 29 Ausbrüchen in Niedersachsen 355.097 Tiere getötet werden. Im Jahr 2017 gab es 36 Ausbrüche, bei denen 520.325 Tiere getötet werden mussten. Im Jahr 2021 wurden rund 1,6 Millionen Tiere bei 80 Ausbrüchen getötet, im Jahr darauf knapp 1,3 Millionen Tiere bei 46 Ausbrüchen.

Sind Freilandhaltungen stärker gefährdet als Stallhaltungen?

Laut Landwirtschaftsministerium sind seit Oktober 79 Betriebe mit Stallhaltung (rund 1,5 Millionen Tiere) und 24 Freilandhaltungen mit 68.000 Tieren von der Geflügelpest betroffen gewesen. Bei den Freilandhaltungen handele es sich in erster Linie um kleinere Privathaltungen. Aus Sicht des Landwirtschaftsministeriums sei damit die Aussage, Freilandhaltungen seien besonders gefährdet, zu hinterfragen. Das Risiko hänge auch von örtlichen Gegebenheiten ab.

Warum gibt es in Niedersachsen so viele Ausbrüche der Krankheit?

Laut Landwirtschaftsministerium ist Niedersachsen das Bundesland mit den meisten Geflügelhaltungen. Außerdem gibt es hier viele Rastplätze von Zugvögeln. An Rast- und Futterplätzen steigt die Wahrscheinlichkeit der Übertragung der Krankheit. 2025 seien besonders Kraniche betroffen gewesen, die noch keine Immunität aufgebaut hatten und früh ihre Reise ins Winterquartier angetreten sind. Damit sei die Viruslast in den Gebieten mit besonders hoher Geflügeldichte gestiegen.

Lassen sich die Sicherheitsmaßnahmen noch weiter verbessern?

Nach Ansicht des Landesverbandes der niedersächsischen Geflügelwirtschaft sind die Sicherheitsvorkehrungen auf den Betrieben, die eine Infektion der Tiere verhindern sollen, in Niedersachsen bereits sehr hoch. „Wir versuchen noch, Detailschrauben zu drehen, aber viel ist da nicht zu holen“, sagt der niedersächsische Verbandschef Friedrich-Otto Ripke. 

In Niedersachsen seien die Auflagen deutlich höher als in anderen Bundesländern, sagt Gerdes. So müsse jeder Tierhalter eine Risikobewertung für das Einschleppen von Seuchen vorlegen, zusammen mit Maßnahmen und einer Dokumentation. Die Tierseuchenkasse zahle inzwischen nur noch dann, wenn ein solches Sicherheitskonzept auch vorgelegt werde.

Welche Maßnahmen könnten noch ergriffen werden?

Aus Sicht der Geflügelwirtschaft muss das Impfen der Tiere künftig erlaubt sein. Dazu müssten aber noch einige Voraussetzungen seitens der Bundesregierung geschaffen werden, sagt Gerdes. Eine Arbeitsgruppe untersuche gerade Aufwand und Kosten einer Impfung. 

Nachteil einer Impfung: Aufgrund von Impfungen könne es für bestimmte Staaten Exportverbote geben. Allerdings: Bis die Impfung praxistauglich wird, werde es noch einige Jahre dauern, sagt Ripke. Frankreich und die Niederlande seien Deutschland bei der Impfung voraus, denn dort habe es schon Großversuche gegeben. Auch die Frage der Kosten fürs Impfen sei noch nicht geklärt. In Frankreich habe die Regierung 100 Millionen Euro für die Impfung der französischen Enten gegeben. So hohe Zuschüsse werde es in Deutschland sicher nicht geben, sagt Ripke. 

Wofür kommt die Tierseuchenkasse auf?

Die Tierseuchenkasse übernimmt die Tötungskosten und die Tierbeseitigung sowie den Wert der Tiere zum Zeitpunkt der Tötung, ebenso die Kosten für die Reinigung und Desinfektion der Ställe, sagt Gerdes. Nicht übernommen werden allerdings Verdienstverluste für die Zeit, in der der Stall leer steht, und auch nicht die Kosten für vernichtete Futtermittel. Insgesamt habe es in der Zeit vom 14. Oktober vergangenen Jahres bis zum 30. März 102 Ausbrüche gegeben. Dabei wurden knapp 33,7 Millionen Euro für Entschädigungen und Tötungskosten ausgezahlt. Etwas mehr als 2 Millionen Euro kostete die Beseitigung der Tiere, und mit ebenfalls rund 2 Millionen Euro schlugen die Kosten für Reinigung und Desinfektion zu Buche. 

Was sagt die Landwirtschaftsministerin?

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) weist darauf hin, dass der Schwerpunkt der Ausbrüche in den Regionen liegt, in denen es eine hohe Geflügeldichte gibt. Trotz hoher Sicherheitsstandards und enormen Aufwand auf den Betrieben komme es weiterhin zu Ausbrüchen, die auch wirtschaftlich einen hohen Schaden verursachen. „Die Geflügeldichte in den jeweiligen Regionen ist ein wesentlicher Faktor, der die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs erhöht. Hier müssen wir also mittelfristig zu Lösungen mit der Wissenschaft kommen“, sagt Staudte. Der Bund müsse Haltungsformen krisenresilient und tierwohlorientiert weiterentwickeln. Die Vogelgrippe sei im Wildvogelbestand endemisch, daher werde man über den mittel- und langfristigen Umgang mit Geflügelhaltungen sprechen müssen.

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